Wahrnehmung

Fragender: Sie benutzen für den Begriff Wahrnehmung verschiedene Worte. Sie sagen manchmal Wahrnehmung, aber Sie sagen auch beobachten, sehen, verstehen, gewahr sein. Ich nehme an, dass Sie mit allen diesen Worten dasselbe sagen wollen: klar, umfassend, das Ganze zu sehen. Kann man irgend etwas total sehen? Wir sprechen nicht über physische und technische Dinge, aber kann man psychologisch etwas total wahrnehmen oder verstehen? Bleibt da nicht immer etwas verborgen, so dass man nur einen Teil sieht? Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie auf diese Frage möglichst umfassend eingehen könnten. Ich halte diese Frage für sehr wichtig, weil sie vielleicht ein Schlüssel für viele Dinge im Leben ist. Wenn ich mich selbst total verstehen könnte, dann wären vielleicht alle meine Probleme gelöst, und ich wäre ein glücklicher Übermensch. Wenn ich darüber spreche, fühle ich mich etwas erregt durch die Möglichkeit, über meine kleine Welt mit ihren Problemen und Schmerzen hinauszugelangen. Was verstehen Sie also unter Wahrnehmung, Sehen? Kann man sich selbst vollkommen sehen?

Krishnamurti: Wir schauen immer einseitig auf die Dinge. Zunächst, weil wir unachtsam sind und zweitens, weil wir die Dinge mit unseren Vorurteilen anschauen, mit verbalen und psychologischen Vorstellungen, die wir über sie haben. So sehen wir niemals etwas vollkommen. Selbst objektiv auf die Natur zu schauen ist recht schwierig. Eine Blume ohne jedes innere Bild anzuschauen, ohne jedes botanische Wissen – sie einfach zu betrachten – wird ziemlich schwierig, weil unsere Gedanken uninteressiert herumwandern. Selbst wenn der Mensch daran interessiert ist, schaut er mit einer gewissen Beurteilung und verbalen Beschreibung auf die Blume, was dem Beobachter anscheinend das Gefühl gibt, dass er sie wirklich angeschaut hat. Überlegtes Schauen ist kein Schauen. Darum sehen wir die Blume niemals wirklich. Wir sehen sie nach unserer Vorstellung. Vielleicht ist es ziemlich leicht, auf etwas zu schauen, das uns nicht tief berührt, wenn wir zum Beispiel ins Kino gehen und etwas sehen, das uns für den Augenblick bewegt, aber das wir bald vergessen. Uns selbst aber ohne das eigene Leitbild zu betrachten, das heißt ohne die Vergangenheit, ohne unsere angehäufte Erfahrung und unser Wissen – das geschieht äußerst selten. Wir haben ein Leitbild von uns selbst. Wir glauben, dass wir dieses sein sollten und nicht jenes. Wir haben vorweg eine Vorstellung von uns aufgebaut, und von da aus schauen wir auf uns. Wir denken, dass wir edel oder unedel sind, und zu sehen, was wir tatsächlich sind, bedrückt uns entweder, oder es erschreckt uns. Darum können wir uns nicht wirklich betrachten; und wenn wir uns anschauen, ist es eine partielle Beobachtung, und alles was einseitig oder unvollkommen ist, führt zu keinem Verständnis. Nur wenn wir uns total sehen können, gibt es die Möglichkeit, frei zu sein von dem, was wir betrachten. Unsere Wahrnehmung vollzieht sich nicht nur mit den Augen, mit den Sinnen, sondern auch mit dem Verstand, und offensichtlich ist der Verstand schwer voreingenommen. So ist intellektuelle Wahrnehmung nur eine partielle Wahrnehmung, doch scheinen die meisten Menschen mit der intellektuellen Wahrnehmung zufrieden zu sein, und sie glauben, dass sie verstehen. Ein fragmentarisches Verstehen ist höchst gefährlich und verderblich; und genau das geschieht in der ganzen Welt. Der Politiker, der Priester, der Geschäftsmann, der Techniker, selbst der Künstler – sie alle sehen nur teilweise. Und darum sind sie in Wirklichkeit destruktive Menschen. Da sie in der Welt eine große Rolle spielen, wird ihre Teilwahrnehmung zur Norm, die der Mensch akzeptiert und deren Gefangener er ist. jeder von uns ist zur gleichen Zeit der Priester, der Politiker, der Geschäftsmann, der Künstler und noch manches andere bruchstückhafte Wesen. Und jeder von uns ist auch das Schlachtfeld all dieser gegensätzlichen Meinungen und Urteile.

Fragender: Ich sehe das klar. Natürlich gebrauche ich das Wort Sehen intellektuell.

Krishnamurti: Wenn Sie das voll und ganz erkennen, nicht intellektuell oder verbal oder gefühlsmäßig, dann werden Sie ein ganz anderes Leben führen und anders handeln. Wenn Sie einen gefährlichen Abgrund sehen oder einem gefährlichen Tier gegenüberstehen, gibt es kein teilweises Verstehen oder teilweises Handeln, sondern nur die vollkommene Handlung.

Fragender: Aber wir stehen nicht jeden Augenblick unseres Lebens vor solchen gefährlichen Krisen.

Krishnamurti: Wir sind jederzeit mit solchen gefährlichen Krisen konfrontiert. Sie haben sich an sie gewöhnt oder sind gleichgültig dagegen geworden oder überlassen es anderen, die Probleme zu lösen; und diese anderen sind ebenso blind und einseitig.

Fragender: Aber wie soll ich ständig dieser Krisen gewahr sein, und warum sagen Sie, dass es jederzeit eine Krise gibt?

Krishnamurti: In jedem Augenblick liegt das ganze Leben! jeder Augenblick ist eine Herausforderung! Dieser Herausforderung unzulänglich zu begegnen ist eine Krise im Leben. Wir wollen uns nicht eingestehen, dass es Krisen sind, und wir schließen unsere Augen, um ihnen zu entrinnen. So werden wir blinder, und die Krisen nehmen zu.

Fragender: Aber wie kann ich total wahrnehmen? Ich beginne zu verstehen, dass ich nur teilweise sehe, und ich erkenne auch, wie wichtig es ist, mich selbst und die Welt mit vollkommener Wahrnehmung anzuschauen, aber es geht so viel in mir vor, dass es schwierig ist zu entscheiden, was ich anschauen soll. Mein Geist ist wie ein großer Käfig voller unruhiger Affen.

Krishnamurti: Wenn Sie eine Regung total sehen, ist in diesem Sehen jede andere Bewegung enthalten. Wenn Sie ein Problem vollkommen verstehen, dann verstehen Sie alle menschlichen Probleme, denn sie stehen alle im Zusammenhang. So ist die Frage: kann man ein Problem so vollkommen verstehen oder wahrnehmen oder sehen, dass man in diesem Verstehen sogleich alles übrige verstanden hat? Dieses Problem muss während des Geschehens gesehen werden, nicht danach oder davor, nicht als Erinnerung oder als ein Beispiel. Es hat zum Beispiel keinen Sinn für uns, Arger oder Furcht jetzt zu untersuchen; es kommt darauf an, sie dann zu beobachten, wenn sie in Erscheinung treten. Wahrnehmung ist augenblicklich; Sie verstehen etwas sofort oder überhaupt nicht: Sehen, Hören, Verstehen sind augenblicklich. Zuhören und Zuschauen haben Dauer.

Fragender: Mein Problem besteht weiter. Es ist ein Zeitproblem. Sie sagen, dass Sehen augenblicklich ist und daher außerhalb der Zeit. Was gibt der Eifersucht oder einer anderen Gewohnheit oder einem anderen Problem Dauer?

Krishnamurti: Bestehen die Probleme nicht darum weiter, weil Sie nicht mit Sensitivität, mit Unvoreingenommenheit, mit Intelligenz darauf geschaut haben? Sie haben nur teilweise hingesehen und den Dingen damit erlaubt, fortzubestehen; und zusätzlich ist der Wunsch, von ihnen frei zu sein, ein anderes Problem von Dauer. Die Unfähigkeit, mit einer Sache fertig zu werden, macht daraus ein Problem von Dauer und gibt ihm Leben.

Fragender: Aber wie soll ich das Ganze augenblicklich sehen? Wie kann ich es verstehen, so dass das Problem niemals zurückkommt?

Krishnamurti: Legen Sie Nachdruck auf niemals oder auf verstehen? Wenn Sie dem Niemals Wert beimessen, bedeutet es, dass Sie den Wunsch haben, ihm dauernd zu entrinnen, und das bedeutet, ein zweites Problem zu schaffen. So haben wir nur eine Frage: Wie kann das Problem so vollkommen gesehen werden, dass man davon frei ist. Wahrnehmung ist nur aus dem Schweigen möglich, nicht aus einem geschwätzigen Geist. Im Schwatzen mag der Wunsch liegen, von dem Problem frei zu kommen, es zu verkleinern, ihm zu entrinnen, es zu unterdrücken oder einen Ersatz dafür zu finden, – aber nur ein ruhiger Geist kann sehen.

Fragender: Wie kann ich zu einem ruhigen Geist kommen?

Krishnamurti: Sie erkennen nicht die Wahrheit, dass nur ein ruhiger Geist sehen kann. Die Frage, wie man einen ruhigen Geist erlangen kann, stellt sich nicht. Die Wahrheit ist, dass der Geist ruhig sein muss; das als richtig zu erkennen, befreit den Geist vom Schwatzen. Dann handelt die Wahrnehmung, die Intelligenz ist, nicht Ihre Ansicht, dass Sie schweigen müssen, um zu sehen. Eine solche Ansicht kann auch handeln, aber das ist ein teilweises, fragmentarisches Operieren. Es gibt keine Beziehung zwischen dem Partiellen und dem Ganzen; das Partielle kann nicht in das Ganze hineinwachsen. Darum ist das Sehen von größter Wichtigkeit. Sehen ist Achtsamkeit, und es ist nur die Unachtsamkeit, die ein Problem aufsteigen lässt.

Fragender: Wie kann ich jederzeit achtsam sein? Es ist unmöglich!

Krishnamurti: Das ist völlig richtig, es ist unmöglich. Aber Ihre Unachtsamkeit wahrzunehmen ist von größter Bedeutung, nicht, wie man jederzeit achtsam sein kann. Es ist Gier, die die Frage stellt, »wie kann ich jederzeit achtsam sein?«. In der Übung, achtsam zu sein, geht man zugrunde. Die Übung, achtsam zu sein, ist Unachtsamkeit. Sie können nicht üben, schön zu sein oder zu lieben. Wenn der Hass aufhört, ist das andere da. Hass kann nur aufhören, wenn Sie ihm Ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, wenn Sie ihn kennen lernen und nicht Wissen darüber anhäufen. Beginnen Sie einfach.

Fragender: Welches ist der Sinn Ihres Redens, wenn es nichts gibt, das wir üben können, nachdem wir Sie gehört haben?

Krishnamurti: Das Hören ist von größter Bedeutung, nicht, was Sie danach praktizieren. Das Hören ist die unmittelbare Handlung. Das Üben gibt den Problemen Dauer. Übung ist totale Unachtsamkeit. Üben Sie niemals; Sie können nur Fehler üben. Lernen ist immer neu.