Krishnamurtis Geist – Teil 4

K: Ich verstehe, worauf du hinaus willst. Du sagst, dass das Denken nicht sichtbar ist; man kann es nicht sehen, wie man sein Gesicht in einem Spiegel sehen kann. Man kann das Denken nicht in einem Spiegel sehen. Also bezeichnest du alles, was man nicht äußerlich wahrnehmen kann, als das ›Innere‹.

PJ: Ja, es ist nicht äußerlich sichtbar, und doch existiert es.

K: Aber ich stelle in Frage, ob es überhaupt das Innere ist.

PJ: Du kannst das Wort ›innen‹ durch ein anderes Wort ersetzen, aber die Sache bleibt die gleiche. Wo ist es?

K: Pupul, ich glaube, dass die Eskimos etwas Äußeres meinen, wenn sie ›denken‹ sagen.

PJ: Ich spreche von mir.

K: Schau genau hin, Pupul, denk darüber nach.

PJ: Ich verstehe. Was ich sage, ist, dass es etwas gibt, das ich außen sehen kann – das ist das physische Sehen. Und ich sage, dass ich nie mit dem gleichen physischen Auge die Beschaffenheit des Denkens sehen kann. 

K: Ja, ich kann mein Gesicht im Spiegel sehen, aber mein Denken kann ich nicht in einem Spiegel sehen. Das ist einfach.

PJ: Wo sehe ich es dann? Was ist dann das Sehen?

K: Weißt du, Pupul, ich glaube nicht, dass es ein solches Sehen überhaupt gibt.

PJ: Und doch hast du immer wieder über das ›Sehen‹ gesprochen.

K: Ja, sehen – eine Blume sehen.

PJ: Auch Wut sehen.

K: Nein.

PJ: Gerade hast du gesagt: »Ich glaube nicht, dass es dieses ›Sehen‹ überhaupt gibt.« Können wir bitte diese Aussage untersuchen?

K: Ja, aber wir müssen dabei langsam vorgehen. Wir müssen uns über diese ziemlich interessante Frage wirklich im Klaren sein.

Zunächst gibt es das Hören mit dem Ohr und dann das Hören ohne das Ohr. Das Hören ohne das physische Ohr ist vergleichbar mit einem Teich, dessen Wasser absolut still ist. Die Wasseroberfläche ist vollkommen unbewegt, kein Windhauch kräuselt sie. Die Frage ist wie ein Stein, der in dieses stille Wasser geworfen wird, und die Antwort sind die Wellen. Ja, die Wellen sind die Antwort auf die Frage.

PJ: Die sie – die Frage – selbst erzeugt.

K: Das ist richtig. Er, K, hat das gesagt. Von Anfang an hat er gesagt, dass man unvorbelastet an die Frage herangehen muss und so weiter, damit allein das Werfen der Frage in den Teich die Antwort aufsteigen lässt. Die Antwort wird nicht von einer Wesenheit gegeben, und es ist sehr wichtig, das zu verstehen. 

Lass uns nun zu deiner Frage bezüglich des ›Sehens‹ der Gedanken zurückkehren. In Bezug auf das Sehen deines Gesichts im Spiegel gibt es kein Problem, nicht wahr? Du kannst dein Gesicht im Spiegel sehen, aber es ist nicht möglich, das Denken im Spiegel zu sehen. Richtig? Deine Frage ist also: Was ist das ›Sehen‹ des Denkens? Weißt du, Pupul, ich glaube nicht, dass es ein ›Sehen‹ des Denkens gibt.

PJ: Was geschieht dann tatsächlich?

K: Das werden wir herausfinden. Aber wir müssen zunächst Klarheit schaffen. Es ist klar, dass man das Denken nicht sehen kann, denn ›sehen‹ bedeutet, dass da einerseits ein ›Sehender‹ ist und andererseits das ›Denken‹ und dass der ›Sehende‹ und das ›Denken‹ voneinander getrennt sind. Aber der Sehende ist das Denken. Es existiert also nur das Denken, und das kann man nicht im Spiegel sehen. Deshalb gibt es für mich kein inneres Sehen.

PJ: Was meinst du dann, wenn du davon sprichst, zu sehen, ›was ist‹, denn du sagst ja, dass man das Denken nicht sehen kann?

K: Das Denken kann nicht mit dem Blick nach innen gesehen werden.

PJ: Womit wird das Denken dann gesehen, wenn es mit dem Blick nach innen nicht gesehen wird und auch nicht so gesehen werden kann, wie man ein Gesicht im Spiegel sieht? Ich stelle diese Frage, weil es doch ein Sehen gibt.

K: Ich würde hier nicht das Wort ›sehen‹ verwenden.

PJ: Welches Wort würdest du dann verwenden?

K: Ich würde es ›gewahr sein‹ nennen. Ja, ich würde sagen, dass das Denken seiner selbst, seiner eigenen Aktivität gewahr wird.

PJ: Aber du hast in all den Jahren immer vom Sehen des ›Was-ist‹, gesprochen.

K: Das Sehen des ›Was-ist‹ ist das Sehen der tatsächlichen inneren Vorgänge, und das heißt nicht, dass man das, was vor sich geht, mit dem physischen Auge oder mit einem anderen Gedanken beobachtet. Das Wort ›sehen‹ beinhaltet das.

PJ: Was für ein Zustand ist das?

K: Wir wollen diesen Zustand untersuchen. Wenn du sagst, dass dieser Zustand ein Zustand des ›inneren Sehens‹ ist, dann erwidere ich, dass das nicht möglich ist. Ich sage, es ist nicht möglich, weil man dann ja einen Zustand der Spaltung hervorrufen würde – auf der einen Seite das ›Sehen‹ und auf der anderen das, ›was gesehen wird‹. Nicht wahr?

PJ: Gibt es ein ›Sehen‹ jenseits der Dualität?

K: Ja. ›Sehen‹ beinhaltet, dass es keine Gegensätze gibt.

PJ: Ja, natürlich, weil es die gleiche Qualität hat wie der See.

K: Ja. Deshalb bin ich darauf zurückgekommen, um das noch einmal genauer zu untersuchen. Wenn du vom ›Nach-innen-Schauen‹ oder vom ›Inneren Sehen‹ sprichst, dann klingt das für mich künstlich und – verzeih – traditionell. Ich glaube, dass es wie bei einem See funktioniert, wie bei einem stillen Teich. Das Denken selbst muss still sein, so still wie der See. Und wenn du diesem See eine Frage stellst, wird sie vom See beantwortet.