Wissen und Transformation – Teil 1

A. W. Anderson: Mr. Krishnamurti, ich war sehr beeindruckt von Ihrer Aussage, es liege in der Verantwortung eines jeden einzelnen, seine Wandlung herbeizuführen, und diese sei von Wissen oder Zeit unabhängig. Ich fände es großartig, wenn wir zusammen das gesamte Gebiet der Transformation untersuchen würden. Vielleicht fügen sich dann die anderen dazugehörigen Bereiche von selbst ein.

Krishnamurti: Glauben Sie nicht, Sir – wenn wir das Geschehen in der Welt, in Indien, Europa und Amerika, den allgemeinen Niedergang in der Literatur, der Kunst und besonders der Religion, der kulturellen Basis berücksichtigen –, dass es einen traditionellen Weg gibt, der ein bloßes Akzeptieren von Autorität und Glauben ist und der nicht wirklich von religiösem Geist erfüllt ist? Jeder ernsthafte Mensch, der dieses alles betrachtet, die Verwirrung, das große Elend, das unendliche Leid, würde sagen, dass sich diese Gesellschaft wahrscheinlich nur dann ändern kann, wenn sich der Mensch radikal selbst ändert, sich von Grund auf erneuert.

Und die Verantwortung dafür hängt vom einzelnen selbst ab, nicht von der Masse. Auch nicht von den Priestern, der Kirche, den Tempeln oder Moscheen, sondern von dem einzelnen Menschen, der sich der großen politischen, religiösen, wirtschaftlichen Verwirrung bewusst ist. In all diesen Bereichen gibt es soviel Elend, soviel Unglücklichsein. Und wenn Sie dieses alles sehen, sollten Sie sich ernsthaft fragen, ob ein Mensch wie Sie selbst oder ein anderer sich tatsächlich einer grundlegenden radikalen Transformation unterziehen kann. Und wenn diese Frage gestellt ist, und wir unsere Verantwortung für das Ganze sehen, erst dann können wir uns vielleicht darüber unterhalten, welche Beziehung Wissen und Zeit zur Veränderung des Menschen haben.

Die meisten Menschen befassen sich nicht ernsthaft mit den Vorgängen – mit dem Chaos, mit dem Schlamassel – in der gegenwärtigen Welt. Sie befassen sich nur mit den Problemen der Energieversorgung, der Umweltverschmutzung usw. – das alles sind oberflächliche Dinge. Sie machen sich nicht wirklich ernsthafte Sorgen um den menschlichen Geist, den Geist, der die Welt zerstört.

Sehen Sie, das Wort »Individuum« ist nicht wirklich korrekt, weil es, wie Sie wissen, »ungeteilt, unteilbar in sich selbst« bedeutet. Da aber die Menschen in sich völlig gespalten sind, sind sie keine Individuen. Sie mögen ein Bankkonto, einen Namen, ein Haus haben; aber sie sind keine wirklichen Individuen im Sinne eines kompletten, harmonischen und ungeteilten Ganzen. Denn nur das bedeutet, wirklich ein Individuum zu sein.

A. W. Anderson: Würden Sie sagen, dass die Bewegung, der Übergang oder besser die Veränderung – da wir ja nicht von Zeit sprechen – von diesem fragmentarischen Zustand hin zur Ganzheit einer Person als ein Wandel auf der Ebene des Seins betrachtet werden kann? Könnte man das so sagen?

Krishnamurti: Ja, aber das Wort »ganz, heil« bedeutet nicht nur gesunden Menschenverstand und Gesundheit, sondern auch heilig. Alles das ist in dem einen Wort »heil« enthalten. Und die Menschen sind niemals ganz. Sie sind bruchstückhaft und widersprüchlich, sie sind von unterschiedlichsten Wünschen hin- und hergerissen. Wenn wir also von einem Individuum sprechen, so ist dieses wirklich ein Mensch, der vollständig, völlig heil, gesund und darum heilig ist. Einen solchen Menschen hervorzubringen, liegt in unserer Verantwortung, in erzieherischer, politischer, religiöser, ja jeder Hinsicht. Und darum ist es die Verantwortung nicht nur des Erziehers, sondern eines jeden, auch meine. Es ist Ihre Verantwortung genauso wie meine oder seine.

A. W. Anderson: Jeder ist dafür verantwortlich.

Krishnamurti: Vollkommen richtig – weil wir dieses schreckliche Durcheinander in der Welt angerichtet haben. Es geht jeden einzelnen Menschen an, ganz gleich, ob er Politiker oder Geschäftsmann ist, oder irgendein Mensch auf der Straße so wie ich. Es ist unsere Aufgabe als Mensch, das enorme Leid und Elend und den Wirrwarr in dieser Welt zu erkennen. Und es ist unsere Verantwortung, all dieses zu ändern. Daraus ergibt sich die Frage, ob sich der Mensch in aller Ernsthaftigkeit seiner Verantwortung nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Menschheit gegenüber bewusst ist. Offensichtlich nicht, jeder ist nur mit seinen eigenen geringfügigen, kleinen selbstsüchtigen Wünschen beschäftigt. Verantwortung beinhaltet außerordentliche Achtsamkeit, Sorgfalt, Fleiß – und nicht Nachlässigkeit, so wie es jetzt üblich ist.

Wie Sie wissen, bin ich in der ganzen Welt herumgereist, außer hinter dem Eisernen Vorhang und hinter dem Bambusvorhang in China. Ich habe Abertausende von Menschen gesehen und habe zu ihnen gesprochen. Ich tue das seit mehr als 50 Jahren. Die Menschen, wo immer sie auch leben, sind mehr oder weniger dieselben. Sie haben Probleme, die ihnen Kummer machen, Probleme, die ihnen Angst machen, Probleme mit dem Lebensunterhalt, Probleme mit persönlichen Beziehungen, Probleme mit dem Überleben, mit der Überbevölkerung und das enorme Problem mit dem Tod – was ein uns allen gemeinsames Problem ist. Es gibt kein östliches oder westliches Problem. Der Westen hat seine eigene Zivilisation und der Osten hat seine. Aber alle Menschen sind in dieser Falle gefangen. Sie scheinen unfähig zu sein, sich daraus zu befreien. Sie machen immer so weiter, schon seit Jahrtausenden.

A. W. Anderson: Daraus ergibt sich die Frage, wie man dieses erreichen kann. Das Wort »Individuum«, wie Sie es gerade beschrieben haben, scheint mir selbst eine Beziehung zu dem Wort »Transformation« zu haben. Es scheint, dass viele unter Transformation verstehen, etwas so total zu verändern, dass zu dem, was es ist, keinerlei Beziehung mehr besteht. Das ließe aber außer acht, dass wir hier über eine Form sprechen, die eine Veränderung durchläuft, während auch noch Form bestehen bleibt. Sonst würde die Veränderung einen Verlust bedeuten, einen totalen Verlust.