Wissen und Transformation – Teil 2

Krishnamurti: Stellen wir also diese Frage: Welchen Platz hat das Wissen bei der Erneuerung, bei der Transformation, bei einer grundlegenden, radikalen Wandlung des Menschen? Welchen Platz hat das Wissen und daher die Zeit? Ist das Ihre Frage? Lassen Sie uns für eine Minute das Wort »Revolution« anschauen. Im üblichen Sinne des Wortes hat es nicht die Bedeutung einer »stufenweisen Entwicklung«. Revolution ist entweder blutig, hat etwas mit einem Regierungssturz zu tun, oder sie findet in der Psyche statt, äußerlich oder innerlich. Das Äußere ist das Innere. Das Innere ist das Äußere. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Äußeren und dem Inneren; sie stehen miteinander in direktem Zusammenhang. Wenn wir also über Wandlung sprechen, meinen wir nicht nur die blutige, die physische Revolution, sondern vielmehr eine Revolution in der Arbeitsweise des menschlichen Geistes, in der Weise wie er denkt, wie er sich benimmt, wie er handelt, wie er funktioniert und zwar umfassend. Welchen Platz hat also das Wissen in dieser psychischen Revolution, wobei nicht Entwicklung im Sinne eines allmählichen Übergangs gemeint ist, sondern die Erneuerung des Menschen, die eine innere Revolution ist und eine Wirkung auf das Äußere haben wird. Allmählicher Fortschritt ist endlos.

Wenn Sie das Wort »sofort« benutzen, scheint es, als ob es plötzlich zu geschehen hat. Daher zögere ich, es zu verwenden. Seien wir uns zunächst darüber im klaren, worüber Sie und ich sprechen. Wir sehen ganz objektiv, in welchem entsetzlichen Durcheinander die Welt sich befindet. Wir sehen das Elend, die Verwirrung, das tiefe Leid der Menschen.

Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was ich fühle, wenn ich durch die Welt reise. Die Trivialität, die Oberflächlichkeit und die Hohlheit der sogenannten westlichen Zivilisation, wenn ich diese Ausdrücke gebrauchen darf, in welche auch die östliche Zivilisation hineingezogen wird. Und immer kratzen wir nur an der Oberfläche und denken, dass die bloße Veränderung der Oberfläche, eine Veränderung der Struktur, allen Menschen enorm viel bringt. Im Gegenteil, es hat nichts gebracht. Es wird hier und dort ein wenig poliert, aber tief im Inneren verändert es den Menschen nicht. Wenn wir uns also über den Wandel unterhalten, müssen wir uns darüber klar sein, dass wir den Wandel in der Psyche meinen, im eigentlichen Sein des Menschen, und das bedeutet, in der Struktur und Natur des Denkens selbst, an der Wurzel. Und wenn dort diese Wandlung stattfindet, wird der Mensch natürlich auch eine Veränderung in der Gesellschaft herbeiführen. Nicht die Gesellschaft zuerst oder das Individuum zuerst, es ist die Veränderung des Menschen, die die Gesellschaft transformiert. Sie sind nicht voneinander zu trennen. Schließlich haben Menschen diese Gesellschaft geschaffen. Durch ihre Gier, ihren Zorn, ihre Gewalttätigkeit, ihre Brutalität, ihre Engstirnigkeit, haben sie diese Gesellschaft geschaffen.

Und sie denken, indem sie deren Struktur verändern, werden sie auch den Menschen verändern. Das war das Problem der Kommunisten, das ewige Problem: Wenn wir die Umgebung verändern, glauben wir, auch den Menschen zu verändern. Sie haben auf alle mögliche Weise erfolglos versucht, die Menschen zu verändern. Im Gegenteil, der Mensch bezwingt seine Umwelt. Wir haben also verstanden, dass das Äußere auch das Innere ist und das Innere das Äußere. Uns ist klar, dass es keine Teilung gibt in Gesellschaft und Individuum, das Kollektiv und den einzelnen Menschen, sondern dass der Mensch das Ganze ist; er ist die Gesellschaft, er ist das abgetrennte menschliche Individuum, er ist der Faktor, der dieses Chaos herbeiführt. Darum ist er die Welt, und die Welt ist er. Ich glaube, das ist sehr wichtig, weil wir diesen grundlegenden Faktor nicht erkennen, dass wir die Welt sind und die Welt wir ist, dass die Welt nichts von mir Getrenntes ist, und ich nicht von der Welt getrennt bin. In welche Kultur auch immer Sie hineingeboren wurden, Sie sind das Ergebnis dieser Kultur. Und diese Kultur hat diese Welt geschaffen. Die materialistische Welt des Westens, wenn man sie so nennen kann, die sich über den ganzen Globus ausbreitet – alles wurde im Gefolge der westlichen Kultur beiseite gefegt –, diese Kultur hat diesen Menschen geschaffen, und der Mensch hat diese Kultur geschaffen.

Er hat Gemälde, wunderbare Kathedralen und großartige technische Dinge geschaffen, er ist auf dem Mond gelandet usw. Das alles haben die Menschen zustande gebracht. Und es sind die Menschen, die diese verrottete Gesellschaft, in der wir leben, geschaffen haben. Diese unmoralische Gesellschaft, in der wir leben, ist von Menschen geschaffen worden. Und darum ist die Welt Sie – und Sie sind die Welt, es gibt keine andere. Wenn Sie das akzeptieren, wenn Sie es erkennen, nicht intellektuell, sondern wenn Sie es in Ihrem Herzen fühlen, in Ihrem Geist, in Ihrem Blut, dann stellt sich die Frage: Ist es einem Menschen möglich, sich selbst innerlich und daher auch äußerlich zu ändern?

Dies ist kein statischer Zustand. Es ist nicht etwas, das man intellektuell akzeptiert und auf sich beruhen lässt, denn dann ist es der Tod. Es beinhaltet dann nichts mehr.

Darum haben wir uns in unterschiedliche religiöse Gemeinschaften unterteilt, und wir haben die Welt in Nationalitäten aufgeteilt, in Kapitalisten, Sozialisten, Kommunisten und andere. Wir haben uns selbst in Bruchstücke aufgespalten, die zueinander in Opposition stehen, und wo Teilung ist, gibt es Konflikt. Ich denke, das ist ein grundlegendes Gesetz.

Darum sage ich, dass es so wichtig ist, dass wir vom Beginn unseres Gespräches an verstehen, dass die Welt nicht von mir getrennt ist und dass ich die Welt bin. Das mag ziemlich simpel klingen, aber es hat eine tiefe, fundamentale Bedeutung, wenn Sie nicht intellektuell erkennen, was das bedeutet, sondern es innerlich verstehen, und es daher keine Teilung mehr gibt. In dem Moment, in dem ich begreife, dass ich die Welt bin und die Welt ich ist, bin ich weder Christ, noch Hindu, noch Buddhist – nichts davon, ich bin ein Mensch.

So ist also klar, dass der menschliche Verstand die Welt geteilt hat, um seine eigene Sicherheit zu finden, was ihm aber zusätzliche Unsicherheit bringt. Wenn der Mensch das erkannt hat, muss er innerlich und äußerlich diese Teilung in Ich und Du, in Wir und Sie, in Inder und Europäer, in Kapitalisten und Kommunisten verneinen. Man muss diese Teilung bereits an der Wurzel abschneiden. Hieraus ergibt sich die Frage, ob der menschliche Geist, der seit Jahrtausenden konditioniert ist, der auf so vielen Gebieten so viel Wissen erworben hat, ob dieser menschliche Geist sich verändern, eine Erneuerung in sich selbst herbeiführen und frei sein kann, um jetzt zu reinkarnieren.