Wissen und Transformation – Teil 4

A. W. Anderson: Wenn diese Transformation, von der Sie sprechen, geschehen soll, muss das so sein.

Krishnamurti: Natürlich, wir können das festlegen. Nur, wie kann der Verstand, der sich aufgrund von Vorstellungen, Wissen, Kenntnissen abmüht, handelt und funktioniert, das beenden? Nehmen Sie ein einfaches Beispiel. Sie haben entweder Kummer, oder Sie loben mich, das bleibt als Wissen zurück, und mit diesem Bild, mit diesem Wissen begegne ich Ihnen. Also begegne ich Ihnen niemals, es ist die Vorstellung, die Ihnen begegnet. Darum gibt es zwischen Ihnen und mir keine Beziehung. Wie kann also dieses Bild enden, ja gar nicht erst aufgezeichnet werden? Was soll ich also tun? Wie soll dieser Verstand, der immerzu registriert – die Funktion des Gehirns ist unaufhörliches Aufzeichnen –, wie soll er sich vom Wissen befreien? Wenn Sie mir persönlich oder als Gruppe oder wie auch immer Schaden zugefügt haben, Sie mich beleidigt oder mir geschmeichelt haben, wie soll das Gehirn so etwas nicht registrieren? Wenn es das aber registriert, dann ist es schon eine Vorstellung, eine Erinnerung, und dann begegnet die Vergangenheit der Gegenwart; und darum gibt es dafür keine Lösung.

Neulich habe ich das Wort »Tradition« in einem sehr guten Wörterbuch nachgeschlagen. Natürlich bedeutet das gewöhnliche Wort »tradere« geben, übergeben, überreichen. Es gibt aber noch eine andere, besondere Bedeutung, die in dem Wort steckt, nämlich Verrat. Und eine Diskussion in Indien ergab: Verrat der Gegenwart. Wenn ich in der Tradition lebe, verrate ich die Gegenwart.

A. W. Anderson: Was in der Tat ein Selbstbetrug ist.

Krishnamurti: Ja, so ist es. Wie soll der Geist, der durch Wissen funktioniert – wie soll das Gehirn, das ständig aufzeichnet, dieses beenden? Wie soll es die Bedeutung des Aufzeichnens erkennen und es nicht in eine irgendeine andere Richtung gehen lassen ? Das ist, lassen Sie es mich so erklären, Sir, eigentlich sehr einfach: Sie beleidigen mich, Sie verletzen mich durch Worte, Gesten oder Handlungen. Das hinterlässt in meinem Gehirn eine Spur, welche Erinnerung ist. Diese Erinnerung ist Wissen, und dieses Wissen wird, wenn ich Sie das nächste Mal treffe, störend wirken – das ist offensichtlich. Wie sollen nun Gehirn und Geist aufzeichnen, ohne dabei die Gegenwart zu stören?

A. W. Anderson: Derjenige muss sich, scheint mir, große Mühe geben, das zu negieren.

Krishnamurti: Nein, sehen Sie, was das beinhaltet, wie soll ich es negieren? Wie soll das Gehirn, dessen Aufgabe es ist, wie ein Computer aufzuzeichnen, das negieren?

A. W. Anderson: Ich wollte damit nicht sagen, dass das Gehirn die Aufzeichnung negieren soll. Aber es ist die Gedankenverbindung, die Übermittlung des Aufgezeichneten in den emotionalen Bereich.

Krishnamurti: Wie soll – das ist genau der Punkt – diese emotionale Reaktion beendet werden, wenn ich Sie das nächste Mal treffe, Sie, der Sie mich verletzt haben? Das ist ein Problem. Sehen Sie, Religion basiert auf Tradition. Religion, so wie sie jetzt ist, ist riesengroße Propaganda. Hier oder in Indien, überall sind die Glaubenstheorien, der Götzendienst und die Anbetung im wesentlichen auf der Anerkennung einer Theorie aufgebaut, auf Vorstellungen, die aus dem Denken entstanden sind. Und natürlich ist das keine Religion. Also ist Religion, so wie sie jetzt existiert, das Leugnen der Wahrheit. Und wenn jemand herausfinden möchte, was die Wahrheit ist, muss er erst einmal die ganze Struktur der Religion zurückweisen, ihre Götzenverehrung und ihre Propaganda, die Angst und die Teilung in »du bist ein Christ, ich bin ein Hindu«, all diesen Unsinn – und sich selbst ein Licht sein, aber nicht im eitlen Sinne des Wortes. Ein Licht, weil die Welt in Dunkelheit lebt, und ein Mensch muss sich transformieren, muss sich selbst ein Licht sein, und dieses Licht wird nicht von jemand anderem angezündet.

Wir haben keine Zeit mehr zum Herumspielen – das Haus brennt, jedenfalls empfinde ich das sehr stark –, die Dinge geschehen so schnell, dass jeder von uns etwas tun muss. Nicht in Bezug auf besseres Wohnen, mehr Sicherheiten, mehr hiervon und davon – sondern vor allem, um sich selbst zu erneuern. Darum ist das Wort nicht die Sache. Die Beschreibung ist nicht das Beschriebene, und wenn Sie sich nicht mit der Beschreibung, sondern nur mit dem »was ist« befassen, dann müssen wir etwas tun. Wenn Sie mit dem konfrontiert sind »was ist«, dann handeln Sie. Aber wenn Sie sich mit Theorien, Spekulationen und Glauben befassen, handeln Sie niemals.

A. W. Anderson: Also gibt es keinerlei Hoffnung für diese Erneuerung, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Es klingt wunderbar, wenn ich zu mir selbst sage: Ich bin die Welt und die Welt ist ich, wenn ich dabei jedoch weiterhin denke, dass die Beschreibung das Beschriebene ist, ist die Sache hoffnungslos. Wir sprechen hier also über eine Krankheit, und wir sprechen über etwas, das als Tatsache beschrieben wird. Und wenn wir das, was als Tatsache festgelegt wurde, auch als Tatsache anerkennen, dann ist die Beschreibung das Beschriebene.

Krishnamurti: Natürlich.

A. W. Anderson: Und da kommen wir nie wieder heraus.

Krishnamurti: Es ist wie mit einem Mann, der hungrig ist. Noch so viele Beschreibungen der richtigen Nahrung werden ihn nicht satt machen. Er ist hungrig, er will das Essen. Das alles beinhaltet viele Dinge. Zunächst: Kann es Freiheit vom Wissen geben – und Wissen hat seinen Platz –, kann man von der Tradition im Sinne von Wissen frei sein? Kann man von dieser trennenden Sichtweise frei sein – ich und du, wir und sie, von all diesen trennenden Verhaltensweisen oder Aktivitäten in unserem Leben? Dies sind die Fragen mit denen wir uns befassen müssen. Kann der Geist vom Wissen frei sein, tatsächlich und nicht nur verbal? Ich kann darüber Vermutungen anstellen, was Freiheit ist, aber kann ich sehen wie notwendig und wesentlich es ist, dass es Freiheit vom Wissen geben muss? Wenn nicht, wird das Leben zur Wiederholung, ein ständiges Kratzen an der Oberfläche, und das ist ohne jede Bedeutung.

18. Februar 1974