Wissen und Beziehungen – Teil 1

A. W. Anderson: Es freute mich in unserem vorangegangenen Gespräch, dass wir im Hinblick auf Wissen und Transformation folgenden Unterschied herausgefunden haben: Einerseits besteht eine reale Beziehung zur Welt, da ich die Welt bin und die Welt ich ist, und andererseits besteht die irrige Annahme, dass die Beschreibung das Beschriebene ist. Es scheint also etwas geschehen zu müssen, das eine Wandlung des Individuums herbeiführt. Wir können sagen, hier kommt der Beobachter ins Spiel. Wenn das Individuum also nicht den Fehler machen soll, die Beschreibung für das Beschriebene zu halten, dann muss es als Beobachter eine vollkommen andere Beziehung zum Beobachteten eingehen als in seiner Verwirrung bisher.

Krishnamurti: Wir sagten, es muss einen qualitativen Zustand geben, der Freiheit vom Bekannten ist, weil das Bekannte sonst nur die Wiederholung der Vergangenheit, der Tradition, der Vorstellung usw. ist. Die Vergangenheit ist der Beobachter. Die Vergangenheit ist das angesammelte Wissen als ich und du, als sie und wir. Der Beobachter ist wie die Vergangenheit erst durch Denken konstruiert worden. Denken ist die Vergangenheit. Denken ist niemals frei. Denken ist niemals neu, weil das Denken die Antwort auf die Vergangenheit ist, als Wissen, als Erfahrung, als Erinnerung. Und der Beobachter beobachtet mit dieser Erinnerung, mit der Erfahrung, dem Wissen, den Verletzungen, der Verzweiflung und der Hoffnung – mit diesem Hintergrund sieht er auf das Beobachtete. Also wird der Beobachter vom Beobachteten getrennt. Ist aber der Beobachter vom Beobachteten getrennt? Wenn wir also über das Freisein vom Wissen sprechen, sprechen wir über das Freisein vom Beobachter. Und der Beobachter ist die Tradition, die Vergangenheit, der konditionierte Verstand, der auf die Dinge schaut, auf sich selbst, auf die Welt, auf mich. Der Beobachter nimmt also immer Trennungen vor. Der Beobachter ist die Vergangenheit und kann darum nicht ganzheitlich beobachten.

»Ich« ist die Vergangenheit. Das »Ich« ist die ganze Struktur dessen, was gewesen ist, die Erinnerungen, die Verletzungen, die verschiedenen Wünsche. All dies ist angesammelt in dem Wort »Ich«, das der Beobachter ist und darum die Teilung in den Beobachter und das Beobachtete, in den Beobachter, der ein Christ zu sein glaubt und einen Nichtchristen oder einen Kommunisten beobachtet. Diese Teilung, diese Haltung des Verstandes mit seinen vorgeprägten Antworten, Erinnerungen usw., das ist das Bekannte.

Wir fragen also, ob der Geist, seine ganze Struktur, vom Wissen frei sein kann? Sonst werden sich Handlungen, Haltungen und Ideologien ständig wiederholen, zwar etwas abgewandelt, verändert, aber die Richtung wird die gleiche bleiben. Was ist also dieses Freisein vom Wissen? Ich glaube, es ist sehr wichtig, das zu verstehen, weil jede schöpferische Handlung – ich benutze das Wort schöpferisch in seinem ursprünglichen Sinn, nicht im Sinne von schöpferischem Schreiben, schöpferischem Backen, schöpferischen Erzählungen oder schöpferischen Bildern, davon spreche ich nicht –, weil jede schöpferische Handlung im tieferen Sinne etwas bedeutet, das vollkommen neu geboren wird. Das andere ist nicht schöpferisch, es ist nur Wiederholung, Veränderung, Abwandlung – die Vergangenheit. Solange es also keine Freiheit vom Bekannten gibt, gibt es überhaupt keine schöpferische Handlung. Das heißt, dass Freiheit nicht das Verleugnen, sondern das Verstehen des Bekannten bedeutet und eben dieses Verstehen bringt eine Intelligenz hervor, die das Eigentliche der Freiheit ist. Darum sage ich, Freiheit ist eine Sache und Wissen ist eine andere. Wir müssen beides in Beziehung setzen, um zu sehen, ob der Geist vom Wissen frei sein kann. Wir werden jetzt nicht näher auf diesen Punkt eingehen, das ist für mich wirkliche Meditation, verstehen Sie? Zu sehen, ob das Gehirn aufzeichnen kann und auch frei ist, nicht aufzuzeichnen, ob das Gehirn aufzeichnen und dieses Aufgezeichnete, das Gedächtnis, das Wissen benutzen kann, wenn nötig. Und frei zu sein, ohne den Beobachter zu beobachten.

Wissen ist also für das Handeln in einem bestimmten Sinne notwendig, etwa um von hier aus nach Hause gehen zu können; dazu brauche ich Wissen. Ich brauche Wissen, um Englisch zu sprechen, um einen Brief zu schreiben usw. Das Wissen als mechanische Funktion ist notwendig. Wenn ich aber dieses Wissen in meiner Beziehung zu Ihnen, zu einem anderen Menschen benutze, schaffe ich eine Grenze, eine Trennung zwischen Ihnen und mir, nämlich den Beobachter. Drücke ich mich klar aus? Das bedeutet, Wissen innerhalb einer menschlichen Beziehung ist zerstörerisch. Das bedeutet, Wissen, das Tradition, Gedächtnis und das Bild ist, das der Verstand sich von Ihnen gemacht hat, dieses Wissen ist trennend und schafft dadurch Konflikte in unseren Beziehungen. Wie wir schon vorher gesagt haben, muss es Konflikt geben, wo Teilung ist. Diese trennenden Aktivitäten müssen – politisch, religiös, wirtschaftlich, sozial, in jeder Weise – unausweichlich Konflikt und daher Gewalt hervorbringen. Das ist offensichtlich.

Wenn nun Wissen in eine menschliche Beziehung eingeht, muss es Konflikt geben – zwischen Mann und Frau, Junge und Mädchen. Wo immer der Beobachter, der die Vergangenheit und das Wissen ist, in Aktion tritt, gibt es Teilung und darum Konflikt in der Beziehung.