Wissen und Beziehungen – Teil 2

A. W. Anderson: Die nächste Frage, die sich stellt, lautet: Wie kann man sich davon befreien, diesen Wiederholungen unterworfen zu sein?

Krishnamurti: Ja, das ist richtig. Ist das möglich? Das ist eine ungeheure Frage, weil die Menschen miteinander in Beziehungen leben. Es gibt kein Leben ohne Beziehungen. Leben bedeutet, in Beziehungen zu leben. Leute, die sich in ein Kloster zurückziehen, leben immer noch in Beziehungen. Wie sehr sie auch glauben mögen allein zu sein, sie befinden sich doch in einer Beziehung und zwar mit der Vergangenheit, mit ihrem Erlöser, ihrem Christus, ihrem Buddha usw. Sie haben Beziehungen zur Vergangenheit und zu ihren Regeln, zu allem. Sie leben in der Vergangenheit und sind darum äußerst zerstörerische Leute, weil sie im tieferen Sinne des Wortes nicht schöpferisch sind.

Neuartig wäre es für einen gesprächigen Menschen, in ein Kloster einzutreten, in dem man nicht spricht. Das wäre etwas Neuartiges für ihn, und er würde sagen, das ist ein Wunder.

Unsere Frage ist also, welchen Platz das Wissen in den menschlichen Beziehungen einnimmt. Das ist ein Problem, weil Beziehungen zwischen Menschen offensichtlich von größter Wichtigkeit sind. Aus diesen Beziehungen heraus schaffen wir die Gesellschaft, in der wir leben. Unsere ganze Existenz beruht auf diesen Beziehungen. Alltägliche Handlung ist mein Leben, ist unser Leben. Ob ich ins Büro gehe, in die Fabrik, einen Bus fahre oder sonst etwas, es ist Leben, ich lebe. Also Wissen und Freiheit: Sie müssen zusammen existieren, nicht Freiheit getrennt von Wissen. Es kommt auf die Harmonie zwischen beiden an. Die beiden handeln immer in Beziehung zueinander, in Harmonie. Es ist, als ob sie nie getrennt werden können. Wenn ich mit Ihnen in großer Harmonie leben möchte, was Liebe bedeutet, die wir später diskutieren werden, muss es dieses absolute Gefühl der Freiheit von Ihnen geben, keine Abhängigkeit, dieses absolute Gefühl von Freiheit und gleichzeitigem Handeln auf dem Gebiet des Wissens.

A. W. Anderson: Genau. Dieses Wissen wird in gewisser Weise, wenn es in rechter Beziehung zu dieser Freiheit steht, fortwährend erlöst, wenn ich einen theologischen Ausdruck gebrauchen darf. Es handelt irgendwie nicht länger destruktiv, sondern in Übereinstimmung mit der Freiheit, in der ich leben mag – denn diese Freiheit besitzen wir noch nicht, wir nehmen sie nur als gegeben an.

Krishnamurti: Es ist sehr wichtig, weil das Wort »Religion« bedeutet, all seine Energie zu sammeln, um aufmerksam zu sein. Freiheit bedeutet also einen Zustand totaler Einfachheit und der absoluten Verneinung des Beobachters. Die Freiheit führt zu dieser inneren Einfachheit, Handlungsfreiheit auf dem Gebiet des Wissens und der menschlichen Beziehungen, weil menschliche Beziehung von größter Wichtigkeit ist. Welchen Platz hat also das Wissen in der menschlichen Beziehung? Das Wissen im Sinne von vergangener Erfahrung, Tradition und Vorstellung. All das ist der Beobachter, und welchen Platz nimmt der Beobachter in der menschlichen Beziehung ein? Der Beobachter ist das Wissen. Um es zu vereinfachen, nehmen wir einmal an, ich stehe in Beziehung zu Ihnen. Sie sind mein Bruder, mein Mann oder meine Frau, einerlei wer; welchen Platz hat das Wissen als Beobachter, der die Vergangenheit ist, in unserer Beziehung? Ich stehe in Beziehung zu Ihnen, ich bin mit Ihnen verheiratet, ich bin Ihre Frau oder Ihr Mann. Was ist diese Beziehung tatsächlich? Tatsache ist, dass ich getrennt von Ihnen bin. Ich nenne Sie meinen Mann, meine Frau, aber ich bin an meinem Erfolg interessiert, ich bin an meinem Geld interessiert, ich bin mit meinem Ehrgeiz und meinem Neid beschäftigt. Ich bin voller Ichs. Sehen Sie, was in meinem Verstand passiert. Ich stelle etwa folgende Behauptung auf: Die Welt ist Sie und Sie sind die Welt. Der Verstand macht daraus eine Idee, ein Konzept und versucht, gemäß diesem Konzept zu leben. Er hat sich von der Wirklichkeit entfernt.

A. W. Anderson: In einem zerstörerischen Sinne.

Krishnamurti: Ich würde es nicht als destruktiv oder positiv bezeichnen. Es ist das, was vor sich geht. Welchen Platz hat nun also in meiner Beziehung zu Ihnen das Wissen, die Vergangenheit, die Vorstellung, die der Beobachter ist; welchen Platz hat der Beobachter in unserer Beziehung? Tatsächlich ist der Beobachter der Teilungsfaktor. Und daraus resultiert der Konflikt zwischen Ihnen und mir. Und das ist es, was in der Welt täglich passiert.

Ich mag mit meiner Frau schlafen usw., aber tatsächlich gibt es keine Beziehung zwischen uns, weil ich meinen eigenen Vorhaben, meinen eigenen Ambitionen und Eigenheiten folge. Sie wiederum hat ihre, so sind wir immer getrennt und haben daher ständige Auseinandersetzungen miteinander. Was bedeutet, dass der Beobachter als Vergangenheit immer der Teilungsfaktor ist. Solange es den Beobachter gibt, muss es in einer Beziehung Konflikte geben. Warten Sie, sehen Sie, was passiert. Ich stelle eine Behauptung auf, jemand macht daraus eine Idee, ein Konzept und sagt: Wie soll ich nach diesem Konzept leben? Tatsache ist, er sieht sich nicht als Beobachter. Hat der Beobachter überhaupt irgendeinen Platz in einer Beziehung? Ich sage, in dem Moment, in dem er eine Beziehung eingeht, gibt es keine Beziehung mehr. Sie existiert nicht, darum müssen wir die Frage stellen, warum die Menschen in ihrer Beziehung zu anderen Menschen so gewalttätig sind, denn Gewalt breitet sich über die ganze Welt aus. In Indien erzählte mir neulich eine Mutter aus einer kultivierten Brahmanenfamilie, dass ihr sechsjähriger Sohn, nur weil sie ihn gebeten hatte, etwas für sie zu tun, einen Stock nahm und sie zu schlagen begann. Ein Ding der Unmöglichkeit. Verstehen Sie? Die Idee, dass man seine Mutter schlagen könnte, ist traditionell etwas Unglaubliches. Und dieser Junge tat es. Und ich sagte, sehen Sie die Tatsache; und als wir näher darauf eingingen, verstand sie. Um Gewalttätigkeit zu verstehen, muss man Teilung verstehen.

A. W. Anderson: Die Teilung war schon da. Sonst würde er den Stock nicht in die Hand genommen haben.

Krishnamurti: Teilung zwischen Nationen, verstehen Sie? Das Wettrüsten ist einer der Faktoren der Gewalt. Angenommen, ich bezeichne mich als Amerikaner und er bezeichnet sich als Russe oder Inder oder sonst etwas. Diese Teilung ist der Grund für Hass und aktuelle Gewalt. Wenn der Geist eines Menschen das erkennt, beseitigt das in ihm jede Teilung. Er ist nicht länger ein Inder, Amerikaner oder Russe. Er ist ein Mensch mit seinen Problemen, die er zu lösen versucht, aber nicht in Zusammenhang mit Indien, Amerika oder Russland. Wir kommen also zu dem Punkt: Kann der Geist in seinen Beziehungen frei sein, das heißt geordnet, nicht chaotisch, sondern geordnet?

Und all diese Ausflüchte, in andere Religionen zu wechseln, alle diese Tricks haben keine Bedeutung. Aber dies erfordert intensive Wahrnehmung, Einsicht in die Tatsachen des eigenen Lebens, wie man sein Leben lebt. Letzten Endes bedeutet Philosophie die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zur Weisheit, nicht die Liebe zu etwas Abstraktem.

A. W. Anderson: Nein, Weisheit ist zutiefst praktisch.

Krishnamurti: Praktisch. Daher: Kann ein Mensch in seiner Beziehung frei sein und dennoch auf dem Gebiet des Wissens handeln? Und völlige Ordnung haben? Sonst ist es keine Freiheit. Denn Ordnung bedeutet Tugend. In unserer Zeit existiert in der Welt keine Tugend. Nirgends gibt es einen Sinn für Tugend. Tugend ist etwas Schöpferisches, etwas Lebendiges, etwas Bewegliches. In der menschlichen Beziehung, wie sie heutzutage besteht, gibt es Konflikt, sexuelle Gewalt und und und, jede Art von Gewalttätigkeit. Kann der Mensch in totalem Frieden leben? Sonst ist er nicht schöpferisch in der menschlichen Beziehung, denn das ist die Basis allen Lebens.