Verantwortung – Teil 1

A. W. Anderson: In unseren Gesprächen haben wir die allgemeine Frage der Transformation des Menschen untersucht, einer Transformation, die, wie Sie sagen, nicht von Wissen und Zeit abhängt. Wir haben einen sehr kritischen Punkt erreicht, der Beziehung und Kommunikation betrifft. Ich erinnere mich an einen Punkt in unserem Gespräch, der für mich außerordentlich lehrreich war. Sie erinnerten uns daran, wie wichtig es ist, beim richtigen Punkt anzusetzen. Wenn es Ihnen recht ist, könnten wir heute mit dem Thema Kommunikation und Beziehung beginnen, näher auf dieses Problem eingehen und versuchen, es zu lösen.

Krishnamurti: Ich frage mich, was das Wort Kommunikation tatsächlich bedeutet. Kommunikation erfolgt nicht nur über das Wort, sondern über einen Austausch, nicht indem einfach akzeptiert wird, was Sie oder ich sagen, sondern indem etwas miteinander geteilt, miteinander gedacht, miteinander geschaffen wird; all das beinhaltet das Wort »kommunizieren«. Und ebenso ist in diesem Wort die Kunst des Zuhörens enthalten. Die Kunst des Zuhörens erfordert eine Qualität der Aufmerksamkeit, in der das wirkliche Zuhören stattfindet, erfordert einen Sinn dafür, dass wir während unseres Vorgehens Einsicht haben, in jeder Sekunde, nicht erst am Ende, sondern von Anfang an, so dass wir die ganze Zeit zusammen gehen, auf demselben Weg gehen, mit derselben Aufmerksamkeit, mit derselben Intensität, zur selben Zeit. Sonst gibt es keine Kommunikation. In der Kommunikation gehen wir zusammen, denken wir zusammen, tauschen wir uns auf derselben Ebene aus, zur gleichen Zeit und mit der gleichen Intensität.

Wir fragen: Was ist die Kunst des Zuhörens? Die Kunst des Zuhörens beinhaltet, dass es nicht nur verbale Verständigung zwischen Ihnen und mir gibt – wir sprechen beide Englisch und kennen die Bedeutung jedes Worts –, sondern zur gleichen Zeit haben wir gemeinsam dasselbe Problem, dasselbe Thema. Wenn wir beide ernsthaft sind, haben wir es gemeinsam. So gibt es also in der Kommunikation nicht nur eine verbale Verständigung, sondern es gibt auch eine nichtverbale Verständigung, die erst dann wirklich zustande kommt, wenn man sich auf die Kunst versteht, jemandem wirklich zuzuhören, wobei es kein Akzeptieren und kein Ablehnen, keinen Vergleich oder kein Urteil gibt, sondern ausschließlich die Handlung des Zuhörens.

Um in Kommunion miteinander zu sein, müssen wir ernsthaft dasselbe Problem zur selben Zeit, mit derselben Leidenschaft behandeln, sonst gibt es keine Kommunikation. Wenn Sie nicht an dem, was gesagt wird, interessiert sind, werden Sie an etwas anderes denken, und die Kommunikation endet. Es gibt also eine verbale und eine nichtverbale Kommunikation. Sie funktionieren gleichzeitig. Jeder, der ernsthaft ist, schenkt dem Problem seine volle Aufmerksamkeit. Nur ein wirklich ernsthafter Mensch lebt, nicht einer, der leichtfertig ist, oder nur unterhalten werden möchte. Der lebt nicht.

A. W. Anderson: Es herrscht die allgemeine Ansicht, etwas ernst zu meinen, bedeutet entweder Schmerz erdulden zu müssen, oder man meint es ernst, wenn man etwas anderes dafür bekommen möchte. Diese beiden Dinge sind das, was wir uns in der Regel unter Ernsthaftigkeit vorstellen. Oft hören wir den Ausspruch »Schau nicht so ernsthaft drein«. Es ist fast, als fürchten wir das Ernsthafte.

Krishnamurti: Wie wir gestern sagten, befindet sich die Welt in einem chaotischen Zustand, und es ist meine Verantwortung, der ich als Mensch in dieser Welt lebe und dieses Chaos geschaffen habe, es ist meine Verantwortung, ernsthaft zu sein bei der Lösung dieses Problems. Ich bin ernsthaft. Das heißt nicht, dass ich ein langes Gesicht mache, dass ich mich elend fühle, unglücklich bin, oder etwas für mich erreichen will. Dies ist ein Problem, das gelöst werden muss. Man nimmt es auch ernst, wenn man Krebs hat, man spielt nicht damit. Ich versuche zu sehen, was es bedeutet, ernsthaft zu sein: Die Absicht, die Dringlichkeit, das Gefühl totaler Verantwortung, das Gefühl, handeln zu müssen, das Handeln selbst und nicht die Absicht zu handeln. Alles das beinhaltet das Wort Ernsthaftigkeit. Wenigstens möchte ich alle diese Dinge in dieses Wort hineinlegen.

A. W. Anderson: Können wir das, was Sie unter »Verantwortung, zur Verantwortung fähig sein« verstehen, für einen Moment betrachten?

Krishnamurti: Ja, auf jede Herausforderung angemessen antworten. Die jetzige Herausforderung ist, dass sich die Welt in Chaos, Verwirrung, Leid und Gewalt befindet. Ich muss als Mensch, der all diese Dinge geschaffen hat, angemessen darauf antworten. Die Angemessenheit hängt ab von meiner Ernsthaftigkeit – in dem genannten Sinn –, von meiner Beobachtung des Chaos und davon wie ich mich dem stelle, nicht aufgrund meiner Vorurteile, meiner Neigungen oder Absichten, Freuden oder Ängste, sondern wie ich mich dem Problem stelle, und nicht meiner eigenen Auslegung des Problems. Aber wir antworten nicht auf die Herausforderung. Wir reagieren gemäß unserer Auslegung des Problems. Darum bedeutet das wirklich, wenn wir das ein wenig näher untersuchen können, dass der Beobachter das Beobachtete ist.

A. W. Anderson: Darum ist die Wandlung, wenn sie kommt, eine totale, keine teilweise. Man ist dann nicht mehr länger außerhalb dessen, woran man arbeitet. Und das, woran man arbeitet, liegt auch nicht außerhalb von uns.

Krishnamurti: Natürlich. Wie wir gestern sagten, wäre es sehr interessant, wenn wir dieses recht genau betrachteten: Die Welt ist ich und ich bin die Welt. Das ist nicht intellektuell oder emotional gemeint, das ist eine Tatsache. Wenn ich an das Problem, das Chaos, das Elend, das Leiden, die Gewalt und all das herangehe, tue ich das mit meinen Lösungen, meinen Ängsten, mit meiner Verzweiflung. Ich betrachte also das eigentliche Problem gar nicht.

A. W. Anderson: Glauben Sie, man könnte es so ausdrücken: Wir geben dem Problem keinen Raum?

Krishnamurti: Gut, formulieren Sie es so. Lassen Sie es uns betrachten. Als Mensch hat man all dieses Elend geschaffen, das man die Gesellschaft nennt, in der wir leben, eine vollkommen unmoralische Gesellschaft. Als Mensch habe ich sie geschaffen. Aber der Mensch, der darauf schaut, trennt sich von ihr und sagt: »Ich muss sie verändern.« Das »sie« bin ich.