Verantwortung – Teil 2

A. W. Anderson: Einige Menschen reagieren darauf auf folgende Weise. Sie sagen: »Sehen Sie, nehmen wir an, ich sei wahrhaft ernsthaft, wahrhaft verantwortungsbewusst und ich handle so, und dann kommt es zwischen mir und der Welt zu dieser vereinigenden und alles umfassenden Beziehung. Trotzdem hören all die scheußlichen Dinge, die vielleicht 2500 Meilen von mir entfernt passieren, nicht auf. Wie kann ich also sagen, dass die Welt ich ist und ich die Welt bin. Dieser Einspruch wird immer wieder erhoben werden. Wie würden Sie darauf antworten?«

Krishnamurti: Wir sind Menschen, unabhängig von unseren Etiketten: Englisch, Französisch, Deutsch und all den anderen. Jeder Mensch, ob er nun in Amerika oder Indien lebt, hat Probleme mit Beziehungen, Leiden, Eifersucht, Neid, Gier, Ehrgeiz, Nachahmung und Anpassung. All das sind unsere Probleme, die wir alle gleichermaßen haben. Und wenn ich sage, die Welt ist ich und ich bin die Welt, dann sehe ich das als Wirklichkeit und nicht als Begriff. Meine Verantwortung muss dieser Herausforderung gegenüber angemessen sein, nicht soweit es mein Denken betrifft, sondern in direkter Beziehung zum Problem. Was nicht möglich ist, wenn der Beobachter etwas anderes ist als das Beobachtete. Was soll ein Mensch tun, der mit dem Problem des Leidens, des Chaos und mit all dem, was um uns herum passiert, konfrontiert wird? Was soll er tun? Üblicherweise geht er an diese Dinge mit einer vorgefassten Meinung heran – nämlich der, was er tun sollte. Diese vorgefasste Meinung ist der Trennungsfaktor. Kann er also die Tatsache seiner Verwirrung beobachten ohne vorgefasste Meinung, ohne einen Plan, ohne einen vorgezeichneten Weg, wie man aus diesem Chaos herauskommt? Weil seine festgelegten Ansichten, Ideen usw. sich alle aus der Vergangenheit herleiten, und die Vergangenheit das Problem zu lösen versucht, deshalb übersetzt und behandelt er es seinen früheren Lösungen entsprechend, während die Tatsache es erfordert, sie anzuschauen. Die Tatsache erfordert, dass Sie sie ansehen, dass Sie sie anhören. In der Tatsache selbst wird die Antwort liegen. Sie müssen sie nicht zu ihr bringen. Drücke ich mich klar aus?

A. W. Anderson: Ja, ich höre sehr, sehr genau zu. Natürlich, wenn es eine Wandlung geben soll, muss es eine radikale sein. Ich muss also beginnen. Was soll ich tun?

Krishnamurti: Es sind zwei Dinge darin enthalten. Zunächst muss ich vom Problem lernen. Das heißt, dass ich einen demütigen Geist haben muss. Man geht es nicht einfach an und sagt: »Ich weiß alles darüber.« Was man weiß, sind nur rationale oder irrationale Erklärungen. Man geht auf das Problem mit rationalen oder irrationalen Lösungen zu. Darum lernt man nicht von dem Problem. Das Problem wird eine unendliche Anzahl von Dingen enthüllen, wenn ich die Fähigkeit habe, es zu betrachten und von ihm zu lernen. Und darum muss ich demütig sein und sagen: »Ich weiß nicht. Da gibt es ein großes Problem. Ich möchte es anschauen, ich möchte davon lernen.« Wenn ich es schon mit meinen Ansichten angehe, bedeutet dies, dass ich aufgehört habe, von dem Problem zu lernen.

A. W. Anderson: Wollen Sie damit sagen, diese Handlung gibt dem Problem die Möglichkeit, sich von selbst zu enthüllen?

Krishnamurti: Sich selbst zu enthüllen – das ist richtig. Darum muss ich in der Lage sein, es anzuschauen. Ich kann es aber nicht anschauen, wenn ich mich ihm mit Ideen, Vorstellungen, intellektuellen oder sonstigen Lösungen nähere. Ich muss zu dem Problem kommen und sagen: »Sieh, was ist es ?« Ich muss von ihm lernen, nicht von einem Professor, Psychologen oder Philosophen. Das Lernen ist das Handeln. Es ist wirklich ganz einfach. Es gibt dieses Elend, die Verwirrung, immenses Leid und Gewalttätigkeit in der Welt. Die Menschen haben es geschaffen. Die Menschen haben eine Gesellschaftsstruktur geschaffen, die dieses Chaos unterstützt. Das ist eine Tatsache. Nun komme ich als ein Mensch dazu und versuche, dieses Problem gemäß meinem Plan, gemäß meinen Vorurteilen, meinen Eigenheiten oder meinem Wissen zu lösen, was verlangt, dass ich das Problem schon verstanden habe, obwohl es immer neu ist. Ich muss mich ihm daher unvoreingenommen zuwenden.

A. W. Anderson: Eines der Dinge, mit dem ich mich viele Jahre hindurch als jemand befasst habe, zu dessen täglicher Arbeit das Studium Heiliger Schriften gehörte, ist eine sich wiederholende Aussage, auf die man immer wieder stößt, manchmal in sehr dramatischer Form. Nehmen Sie z.B. das prophetische Wirken von Jesus, als er sagte, dass sie hören ohne zu verstehen und dass sie sehen ohne zu erkennen.

Aber anscheinend sagt er nicht, »um das zu erreichen, tu dies und tu das«. Nein. Durch die Analogie mit dem Kind, nämlich Vertrauen zu haben wie ein kleines Kind, kommt er dem am nächsten. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, was hierbei Vertrauen bedeutet, aber die Analogie mit dem Kind zeigt uns, dass das Kind etwas tut, was uns inzwischen in gewisser Weise verloren gegangen ist. Ich bin sicher, er meinte nicht, es gebe einen völlig kontinuierlichen Übergang zwischen Kind und Erwachsenem. Aber warum haben einzelne Menschen im Verlauf von Jahrhunderten immer und immer wieder dieses eine gesagt: Du hörst nicht und du siehst nicht, – und doch weisen sie auf keine Maßnahme hin, sondern auf eine Analogie. Einige von ihnen weisen noch nicht einmal auf eine Analogie hin. Sie halten nur eine Blume hoch …

Krishnamurti: Wir leben vom Wort. Die meisten Menschen leben vom Wort. Sie gehen nicht über das Wort hinaus. Worüber wir jedoch sprechen, ist nicht nur das Wort, die Bedeutung des Wortes, die Kommunikation, die im Gebrauch von Worten liegt, sondern die nichtverbale Verständigung, die Einsicht vermittelt. Davon sprechen wir bisher die ganze Zeit über. Das bedeutet, dass nur der Verstand Einsicht haben kann, der fähig ist zu horchen. Und wenn die Krise direkt vor Ihrer Haustür steht, hören Sie zu. Die Krise ist immer gegenwärtig. Wir wissen nur nicht, wie wir ihr begegnen sollen. Entweder meiden wir sie, oder wir sind unsicher, wie wir ihr begegnen sollen, oder aber wir sind gleichgültig. Wir haben uns so verhärtet. Diese drei Dinge sind daran beteiligt, dass man sich der Krise nicht stellt. Weil man Angst hat, sagt man: »O Gott, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.« Also geht man zum Analytiker oder zum Priester, oder man schlägt in einem Buch nach, um zu sehen, wie mit ihr umzugehen ist. Man entzieht sich seiner Verantwortung. Vermeidung – es gibt so viele Möglichkeiten, etwas zu vermeiden, kluge, listige, oberflächliche und sehr spitzfindige. All dies gehört zum Vermeiden eines Problems. Alles, was wir zu sagen versuchen, ist, dass der Beobachter die Vergangenheit ist, wie schon erwähnt. Wenn eine Krise auftaucht, versucht der Beobachter sie auszulegen und gemäß der Vergangenheit zu handeln. Die Krise ist immer neu. Sonst ist es keine Krise. Eine Herausforderung muss neu sein und ist auch immer neu, aber er legt sie gemäß der Vergangenheit aus. Können wir also diese Herausforderung, diese Krise ohne Einmischung der Vergangenheit anschauen?