Verantwortung – Teil 3

A. W. Anderson: Darf ich Ihnen einen Satz aus Ihrem Buch »Das Erwachen der Intelligenz« vorlesen? Ich glaube, dass dieser eine sehr direkte Beziehung zu dem hat, worüber wir gerade sprechen. Es ist ein Satz, der mich beim Lesen sehr gefangengenommen hat. »Durch Verneinung tritt das, was allein das Positive ist, in Erscheinung.« Durch Verneinung geschieht offensichtlich etwas. »Durch Verneinung« – für mich ist es ein Wort für dieses Handeln. »Das, was das einzig Positive ist« – das Wort »allein« überfiel mich mit der Kraft von etwas Einmaligem.

Etwas, das in keiner Kontinuität zu irgendetwas sonst steht, das, was allein das Positive ist, tritt in Erscheinung. Es gibt dafür keinen zeitlichen Übergang, womit wir wieder da sind, worüber wir schon in unseren früheren Dialogen sprachen, nämlich der Unabhängigkeit von Zeit und Wissen. Können wir für einen Augenblick diese Verneinung anschauen ? Ich habe das Gefühl, dass nur dann, wenn Verneinung eine bleibende Handlung ist, die Kommunion, Kommunikation und Beziehung, über die wir gesprochen haben, erreicht werden kann. Ist das richtig?

Krishnamurti: Ganz richtig. Darf ich es so ausdrücken? Ich muss die Gesellschaft verneinen, nicht nur intellektuell oder verbal verneinen, ich muss die Gesellschaft, in der ich lebe, wirklich negieren. Die Akzeptanz der Unmoral, die in der Gesellschaft existiert und auf der die Gesellschaft aufgebaut ist, diese Unmoral muss ich total verneinen. Das bedeutet, dass ich moralisch lebe. Indem ich verneine, dass das Positive die Moral ist, verneine ich die Idee des Erfolgs vollständig, nicht nur in der materiellen Welt, nicht nur um Stellung oder Macht in einer Welt des Geldes, des Ansehens, der Autorität zu erlangen, was ich ganz und gar ablehne, sondern ebenso verneine ich den Erfolg in der sogenannten spirituellen Welt. Beides ist gleich. Nur, dass ich die eine spirituell und die. andere physisch, moralisch und irdisch nenne. Durch das Verneinen von Erfolg und Aufstieg kommt Energie. Durch Verneinung kommt enorme Energie für ein völlig andersartiges Handeln, das nicht auf der Ebene von Erfolg, Nachahmung, Anpassung und all dem liegt. Durch Verneinung also, ich meine wirkliche Verneinung und nicht nur die Idealvorstellung davon, durch wirkliche Verneinung dessen, was unmoralisch ist, tritt das Moralische in Erscheinung. Versuchen, moralisch zu sein, ist unmoralisch. Wenn wir das Wort Verneinung benutzen, verstehen wir üblicherweise darunter eine gewalttätige Handlung. Und wir benutzen das Wort verneinen nicht im Sinne von Gewalt, sondern in dem Sinne, dass wir verstehen, was Erfolg alles beinhaltet. Das »ich«, das vom »du« getrennt ist, das sich Erfolg wünscht, bringt mir Autorität, Macht und Ansehen. Ich verneine also Erfolg, ich verneine mein Verlangen, mächtig zu sein, was ich aber nur tue, wenn ich den ganzen Prozess verstanden habe, der im Erlangen von Erfolg steckt. Im Erlangen von Erfolg liegt Unbarmherzigkeit, Mangel an Liebe, enormer Mangel an Rücksicht auf andere, Unterordnung, Nachahmung, die Anerkennung der sozialen Struktur. All das gehört dazu. Und daher gehört auch das Verständnis all dessen dazu, wenn ich Erfolg verneine. Es ist keine gewalttätige Handlung. Im Gegenteil, es ist ein Akt außerordentlicher Aufmerksamkeit. Ich habe mich selbst, habe das »ich« verneint, welches vom »du« getrennt ist. Und damit habe ich Gewalttätigkeit verneint, die aus der Teilung entsteht.

A. W. Anderson: Würden Sie den Ausdruck »Selbstverleugnung« hier verwenden, nicht, wie er normalerweise verstanden wird, aber könnte man ihn in Ihrem Zusammenhang benutzen?

Krishnamurti: Ich fürchte, das wäre nicht klar. Selbstverleugnung heißt Opfer, Schmerz, Mangel an Verstehen. Warum einen anderen Begriff benutzen, wenn Sie dies verstanden haben? Aber wechseln Sie das Wort, damit wir beide die Bedeutung von Selbstverleugnung verstehen. Ich glaube, alle Religionen haben ihr Handeln auf Selbstverleugnung aufgebaut, auf Opfern. Sie haben Wünsche verleugnet, den Wunsch, einer Frau nachzuschauen, haben allem Reichtum entsagt und ein Gelübde der Armut abgelegt. Sie kennen sie alle, die Gelübde der Armut, der Keuschheit usw. Sie alle sind eine Art Strafe, eine Verzerrung der klaren Wahrnehmung. Wenn ich etwas klar erkenne, erfolgt sofortiges Handeln. Verneinen beinhaltet ständiges Bemühen. Bemühen heißt, dem Faktor Erfolg vollkommene Aufmerksamkeit schenken. Widme ich in diesem Fall dem Erfolg meine ganze Aufmerksamkeit, so wird in dieser Aufmerksamkeit die ganze Landschaft des Erfolges enthüllt, mit allem, was dazu gehört; und nur dann ist das Erkennen das Handeln. Dann ist es vorbei. Und der Geist kann niemals auf Erfolg zurückkommen und daher verbittert werden mit allem, was daraus folgt. Es ist abgeschlossen.

Nehmen Sie einen tatsächlichen Vorfall. 1928 war ich der Leiter einer riesigen religiösen Organisation, und ich sah um mich herum verschiedene andere religiöse Organisationen, Sekten, Katholiken, Protestanten, die auch alle versuchten, die Wahrheit zu finden. Also sagte ich: »Keine Organisation kann die Menschen zur Wahrheit führen.« So löste ich die Organisation auf, gab die Besitztümer zurück, eine enorme Angelegenheit. Ich kann niemals dahin zurück. Wenn Sie etwas als Gift erkennen, würden Sie es nicht wieder einnehmen. Es bedeutet nicht, dass man sagt: »Bei Gott, ich habe einen Fehler gemacht. Ich sollte umkehren.« Es ist, als sehe man eine Gefahr. Wenn Sie eine Gefahr sehen, dann gehen Sie ihr aus dem Wege.

Können wir nun zur Frage der Freiheit und Verantwortung in Beziehungen übergehen? Da haben wir gestern aufgehört. Können wir zuerst die Frage untersuchen, was es bedeutet, verantwortlich zu sein? Denn das fehlt uns in der Welt bei dem, was heute geschieht. Wir fühlen uns nicht verantwortlich. Wir empfinden nicht, dass wir verantwortlich sind, weil für uns die politischen und religiösen Autoritäten verantwortlich sind. Wir sind es nicht. So empfinden die Menschen auf der ganzen Welt. Wissenschaftler, Politiker, Erzieher und Geistliche sind alle verantwortlich, nur ich weiß nichts darüber, ich folge ihnen nur. Das ist das allgemeine Verhalten in der ganzen Welt. Auf diese Weise entziehe ich mich der Verantwortung. Indem ich die Verantwortung auf sie übertrage, werde ich verantwortungslos. Wohingegen wir jetzt sagen, niemand außer Ihnen ist verantwortlich, denn Sie sind die Welt und die Welt ist Sie. Sie haben dieses Chaos geschaffen, Sie allein können Klarheit schaffen, und daher sind Sie absolut, total und ohne Abstriche verantwortlich. Und niemand sonst. Das heißt, Sie müssen sich selbst ein Licht sein, nicht das Licht eines Professors benutzen, oder das eines Analytikers oder eines Psychologen, auch nicht das Licht von Jesus oder Buddha. Sie müssen sich selbst ein Licht sein in einer Welt, die äußerst dunkel wird. Das heißt, Sie müssen verantwortlich sein. Und was bedeutet dieses Wort? Es bedeutet tatsächlich, auf jede Herausforderung angemessen und vollständig zu antworten. Sie können unmöglich angemessen antworten, wenn Sie in der Vergangenheit verwurzelt sind, weil die Herausforderung neu ist, sonst ist es keine Herausforderung. Eine Krise ist neu, sonst ist es keine Krise. Wenn Sie auf eine Krise nach einem vorbereiteten Plan antworten – was die Kommunisten oder die Katholiken und die Protestanten tun –, dann antworten Sie nicht vollständig und angemessen auf die Herausforderung.

A. W. Anderson: Das erinnert mich an eine dramatische Begegnung zwischen dem General und dem Gott Krishna in der Bhagavadgita. Der General der Armee, Arjuna, bittet Krishna: »Sag mir genau, was ich tun soll, und ich werde es tun.« Krishna nun sagt ihm nicht, was er tun soll, und einer der großen Sanskrit-Gelehrten hat das für eine verantwortungslose Handlung gehalten. Wenn ich Sie aber richtig verstehe, hätte er gar nicht anders handeln können?

Krishnamurti: Als der General die Frage stellte, geschah das aus Verantwortungslosigkeit. Darum bedeutet Verantwortung totale Verpflichtung der Herausforderung gegenüber, angemessenes und eindeutiges Antworten auf eine Krise. Das Wort Verantwortung bedeutet antworten. Und ich kann nicht vollständig antworten, wenn ich Angst habe. Und ich kann nicht vollständig antworten, wenn ich dem Vergnügen nachjage. Ich kann nicht vollständig antworten, wenn meine Handlung eine Routine, eine Wiederholung, traditionell und konditioniert ist. Angemessen auf eine Herausforderung zu antworten bedeutet, dass das Ich, das die Vergangenheit ist, ein Ende haben muss.

A. W. Anderson: Und Arjuna wollte es immer weiter fortsetzen.

Krishnamurti: Das will jeder, Sir. Sehen Sie sich an, was politisch in diesem und jedem anderen Land passiert. Wir fühlen uns nicht verantwortlich. Wir fühlen uns nicht dafür verantwortlich, wie wir unsere Kinder aufwachsen lassen.

19. Februar 1974