Ordnung – Teil 1

A. W. Anderson: Am Ende unseres letzten Gesprächs wollten wir über Ordnung diskutieren, und ich denke, vielleicht könnten wir heute damit beginnen.

Krishnamurti: Wir sprachen über Freiheit, Verantwortung und Beziehung. Und bevor wir das fortsetzen, sollten wir über das Problem der Ordnung sprechen. Was ist Ordnung in Freiheit? Wie man überall in der Welt beobachten kann, gibt es außerordentliche Unordnung, äußerlich wie innerlich. Man fragt sich, warum es derartige Unordnung gibt. Sie gehen nach Indien und sehen die Straßen brechend voll mit Menschen. Und Sie sehen auch viele Sekten, viele Gurus, viele Lehrer, viele widersprüchliche Lügen und ein solches Elend. Und wenn Sie nach Europa kommen, gibt es dort etwas mehr Ordnung, aber wenn man die oberflächliche Ordnung durchdringt, gibt es die gleiche Unordnung.

Und dann kommen Sie in dieses Land Amerika, und Sie wissen besser als ich, was hier los ist, nämlich vollständige Unordnung. Sie mögen noch so behutsam vorgehen, wenn Sie jedoch hinter die Fassade sogenannter Ordnung schauen, sehen Sie Chaos, nicht nur in persönlichen Beziehungen, sondern auch in sexueller und moralischer Hinsicht, und so viel Korruption. Alle Regierungen sind korrupt, einige mehr, einige weniger. Aber wie ist dieses ganze Phänomen der Unordnung entstanden? Ist es der Fehler der Religionen, die gesagt haben, tu dieses, tu jenes nicht? Und nun revoltieren die Menschen gegen dies alles? Liegt es daran, dass die Regierungen so korrupt sind, dass niemand mehr Vertrauen zu ihnen hat? Liegt es daran, dass es in der Geschäftswelt so viel Korruption gibt, dass sie überhaupt niemand zur Kenntnis nehmen will, nicht einmal ein intelligenter und wirklich ernsthafter Mann? Und wenn Sie sich das Familienleben anschauen, herrscht dort eine enorme Unordnung. Wenn man also dieses Phänomen als Ganzes betrachtet, warum gibt es eine derartige Unordnung? Was hat sie hervorgebracht?

Sieht es nicht so aus, als gebe es hier eine Art von notwendiger, fast eingebauter Entwicklung? Wenn eine entworfene Ordnung einer bestehenden Situation aufgezwungen wird, dann bewirkt sie nicht nur nicht das Erhoffte, sondern sie schafft eine neue Situation, von der wir glauben, dass sie eine weitere Maßnahme erfordere. Und die neue Maßnahme ist wieder ein Zwang.

Wie die Kommunisten es in Russland und China versucht haben. Sie haben Ordnung, beziehungsweise das, was sie als Ordnung bezeichnen, einem unordentlichen Verstand auferlegt. Und darum gibt es Auflehnung. Angesichts all dessen ist es also sehr interessant, dieses Phänomen der Unordnung näher zu betrachten; was ist dann aber Ordnung? Ist Ordnung etwas Auferlegtes, wie beim Militär den Soldaten Auferlegtes, eine Disziplin, die Anpassung, Unterdrückung, Nachahmung ist? Ist Ordnung Unterordnung? Wenn ich mich einer Ordnung unterwerfe, schaffe ich Unordnung. Ist Ordnung also Einordnung? Ist Ordnung Nachahmung? Ist Ordnung Billigung, Gehorsam? Oder haben wir Unordnung geschaffen, weil wir konform gingen, weil wir gehorcht haben und weil wir hingenommen haben? Denn Disziplin bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch Unterordnung.

Also ist diese Autorität – ob es nun die kommunistische Autorität der Wenigen ist oder die Autorität der Priester oder die Autorität einer Person, die sagt, ich weiß und du weißt nicht – also ist diese Autorität einer der Faktoren, die Unordnung hervorgebracht haben. Und ein anderer Faktor dieser Unordnung ist unser Mangel an wirklicher Kultur. Wir sind sehr gebildet, sozusagen zivilisiert, im Sinne von sauber; wir haben Badezimmer, bessere Nahrung usw., aber innerlich sind wir nicht kultiviert. Wir sind keine gesunden, heilen Menschen. Solange wir nicht das Wesen und die Struktur der Unordnung verstehen, können wir niemals herausfinden, was Ordnung ist. Aus dem Verstehen der Unordnung kommt Ordnung. Nicht erst Ordnung suchen und diese dann der Unordnung aufzwingen. Wir müssen die Unordnung verstehen, und warum sie entstanden ist. Ich denke, einer der grundlegenden Faktoren ist, dass Denken Materie ist. Und Denken ist seiner eigenen Natur nach bruchstückhaft. Denken teilt: Das »Ich« und das »Nicht – Ich«, wir und sie, mein Land und Ihr Land, meine Ideen und Ihre Ideen, meine Religion und Ihre Religion usw. Schon die Bewegung des Denkens zielt auf Trennung ab, weil Denken die Antwort des Gedächtnisses ist, die Antwort aus Erfahrung, die die Vergangenheit ist. Und wir müssen in diese Frage sehr, sehr tief eindringen, in die Bewegung des Denkens und der Unordnung.

Wir befassen uns mit Konzepten, nicht mit dem »was ist«, was Tatsache ist. Wir befassen uns lieber mit Rezepten, Konzepten und Ideen. »Was ist« ist Unordnung. Und diese Unordnung breitet sich auf der ganzen Welt aus, es ist eine Bewegung, es ist eine lebendige Unordnung, keine tote Unordnung. Es ist eine lebendige Sache, beweglich, verderblich, zerstörend. Es ist, als sitze man am Ufer eines Flusses und beobachte das Vorbeifließen des Wassers. Sie können das Wasser nicht verändern, Sie können die Substanz oder die Bewegung des Wassers nicht verändern. In gleicher Weise ist diese Bewegung der Unordnung Teil von uns und fließt um uns herum. Man muss sie also betrachten. Lassen Sie uns zunächst sehr, sehr vorsichtig vorgehen. Was ist die Ursache von Unordnung? Unordnung bedeutet Widerspruch: Es besteht ein Gegensatz zwischen diesem und jenem oder die Dualität von diesem und jenem. Was verursacht diese Dualität und den Konflikt? Gibt es überhaupt Dualität? Schließlich gibt es Mann und Frau, schwarz und weiß usw. Aber gibt es auch das Gegenteil von Gewalt oder nur Gewalt? Wir haben das Gegenteil geschaffen. Das Denken hat das Gegenteil geschaffen als Gewaltlosigkeit und somit den Konflikt zwischen beiden. Die Gewaltlosigkeit ist eine Abstraktion dessen »was ist«, und das Denken hat sie erzeugt.