Ordnung – Teil 2

Ich weiß nicht, ob wir jetzt darüber sprechen wollen, aber die Notwendigkeit des Messens geht zurück bis zu den alten Griechen und die gesamte westliche Zivilisation basiert auf dem Messen, also dem Denken. Sie können sehen, was in der Welt vor sich geht, in der westlichen Welt. Technik, Kommerz und Konsum sind heutzutage die Bereiche größter Aktivität. Und alles basiert auf dem Messen, was wiederum Denken ist. Bleiben Sie einen Moment dabei und Sie werden sehen, dass etwas ziemlich Seltsames geschieht. Im Osten, besonders in Indien, sagt man, das Messen sei Illusion. – Von Indien breitete sich ein Einfluss ganz anderer Art über den Osten aus. – Um das Unermessliche zu finden, muss das Messbare ein Ende finden. Ich drücke das sehr vereinfacht und flüchtig aus.

Es ist sehr interessant, ich habe es beobachtet. Im Westen ist alles – Technik, Kommerz und Konsum, Gott, Erlöser und Kirche – etwas Äußerliches, etwas zum Spielen. Und man spielt damit am Samstag oder Sonntag. Und Sie fahren nach Indien und finden dies: Das Wort »ma« bedeutet in Sanskrit messen und sie sagen, die Wirklichkeit sei unermesslich. Erforschen Sie das, sehen Sie die Schönheit darin. Ein Verstand, der misst oder im Messen gefangen ist, kann niemals die Wahrheit finden. Ich drücke es so aus, sie nicht. Sie sagen also, um das Wirkliche, das Unermessliche zu finden, muss das Messen ein Ende haben. Aber dann sagten sie: Das Denken muss kontrolliert werden. Um also das Unermessliche zu finden, muss man das Denken kontrollieren. Und wer kontrolliert das Denken, wer ist der Kontrollierende? Ein weiteres Fragment des Denkens. Sie benutzen also das Messen, um über das Messen hinauszugehen und darum konnten sie niemals darüber hinausgehen. Sie sind in einer anderen Art von Illusion verfangen, die aber ist immer noch ein Produkt des Denkens. Ich weiß nicht, ob ich das vermitteln kann?

A. W. Anderson: Ja. Es liegt eine unglaubliche Ironie darin, dass die Inder direkt vor ihren Augen in der Brihadaranyaka Upanishad die folgende tiefgründige Aussage hatten: »Dies ist voll; das ist voll. Aus Fülle ergießt sich das Volle.« Und dann die folgende Zeile: »Wird der Fülle auch Volles entnommen, die Fülle selbst bleibt.« Jetzt lesen sie dies zwar, wenn sie sich dem aber auf die von Ihnen beschriebene Weise näherten, würden sie erkennen, dass sie sich nicht an das Gesagte gehalten haben. Denn dies verwirft total jene Behauptung, die sich für Gedankenkontrolle einsetzt.

Krishnamurti: Ja, natürlich. Sehen Sie, dahin versuchte ich zu kommen. Das Denken hat die Welt physisch aufgeteilt in ein Amerika, Indien, Russland, China, Europa. Das Denken hat die Aktivitäten des Menschen zerstückelt, es gibt den Geschäftsmann, den Künstler, den Politiker und den Bettler. Denken hat die Menschheit zerstückelt. Das Denken hat eine Gesellschaft geschaffen, die auf dieser Zerstückelung basiert. Und das Denken hat die Götter, die Erlöser, die Christusse, die Krishnas, die Buddhas geschaffen – und sie alle sind in gewissem Sinne messbar. Du musst wie Christus werden, oder du musst gut sein. Alles gutgeheißen von einer Kultur, die auf dem Messen basiert.

A. W. Anderson: Wenn man erst einmal mit Vorhersagen beginnt, wie in der europäischen Klassik, dann bewegen wir uns notwendigerweise auf eine fünf, sechs, sieben, vierhundert, viertausendfache, eine unendliche Teilung zu. Und alles im Interesse der Klarheit, so wird behauptet.

Krishnamurti: Wenn wir also die Bewegung des Denkens nicht verstehen, können wir unmöglich Unordnung verstehen. Es ist das Denken, das Unordnung hervorgebracht hat. Es klingt widersprüchlich, aber es ist so – Denken ist bruchstückhaft. Denken ist Zeit, und solange wir uns innerhalb dieses Gebietes bewegen, muss es Unordnung geben. Das bedeutet, jedes Bruchstück arbeitet für sich und gegen die anderen Bruchstücke. Ich als Christ stehe in einem Gegensatz zum Hindu, obgleich ich über Liebe und Güte spreche.

A. W. Anderson: Ich liebe ihn so sehr, dass ich ihn gerettet sehen möchte, also hole ich ihn in den Schoß der Gemeinde.

Krishnamurti: Gerettet. Komm herüber in mein Lager. Wahrscheinlich ist die Hauptursache der Unordnung die Zersplitterung des Denkens. Neulich hat man mir gesagt, in der Eskimokultur bedeute das Denken »das Äußere«. Wenn sie das Wort »Außen« benutzen, gebrauchen sie das Wort »Denken«. Das Denken ist also immer außen. Sie können sagen: Ich denke im Inneren. Das Denken hat das Äußere und das Innere geteilt. Um diesen ganzen Widerspruch, das Messen, die Zeit, die Teilung, die Zersplitterung, das Chaos und die Unordnung zu verstehen, muss man wirklich die Frage untersuchen, was der Gedanke, was das Denken ist. Kann der Verstand, der so sehr von Bruchstücken und Zersplitterung geprägt ist, kann solch ein Verstand die Bewegung der Unordnung in ihrer Gesamtheit beobachten, nicht nur bruchstückhaft?

A. W. Anderson: Die Bewegung selbst, ja. Aber das ist ja gerade das Erschreckende, diese Bewegung anzuschauen. Es ist interessant, dass Sie diese Frage so zielbewusst stellen, denn Messen – und ich sage das jetzt kurz und bündig – ist Möglichkeit, die unendlich teilbar ist. Sie kann nur durch eine Handlung beendet werden. Und solange ich mich als von der Handlung getrennt betrachte, halte ich mich für einen großen Denker. Ich lehne mich zurück und untersuche Alternativen, die alle Einbildung und Trugschluss sind.