Ordnung – Teil 3

Krishnamurti: Das führt uns zu dem Punkt, dass Messen Vergleich bedeutet. Unsere Gesellschaft und Zivilisation basiert auf Vergleich. Von der Kindheit an, über die Schule zur Universität wird verglichen, Vergleich zwischen Intelligenz und Dummheit, zwischen den Großen und Kleinen, den Schwarzen und Weißen und Purpurnen und all den anderen – Vergleich beim Erfolg. Und sehen Sie sich unsere Religionen an: Der Priester, der Bischof, Sie verstehen, die Aussicht auf ein hohes Amt, womöglich Papst oder Erzbischof. Die ganze Struktur basiert auf Vergleich, was Messen und im wesentlichen Denken ist.

A. W. Anderson: Ja. Die Protestanten beschweren sich über die katholische Hierarchie, während ihre Heilige Schrift, ihre Bibel für sie etwas ist, was einige Katholiken den papiernen Papst nennen. Das Zurückweisen selbst macht etwas anderem Platz, das noch trennender wird.

Krishnamurti: Ist es also möglich, ohne Messen, das heißt ohne Vergleich zu schauen? Ist es möglich, ein Leben zu leben – leben, handeln, das ganze Leben, Lachen, Weinen –, ohne dass der Schatten eines Vergleichs darauf fällt? Ich prahle nicht, ich spreche nur von einer Tatsache. Ich habe mich niemals mit irgend jemand verglichen. Ich habe niemals daran gedacht, auch nicht, wenn jemand viel klüger war als ich, viel begabter, viel intelligenter, bedeutender, geistig höherstehend war. Es kam nicht vor. Darum frage ich mich, ob nicht das Messen, der Vergleich und die Nachahmung die Hauptfaktoren der Unordnung sind?

A. W. Anderson: Ich habe lange darüber nachgedacht, dass Sie als Junge niemals trennende Unterschiede akzeptiert haben, auch nicht die der sozialen Ordnung. Ich selbst akzeptierte die trennenden Unterschiede, dort wo ich aufwuchs, nicht jedoch hinsichtlich der Natur. Das aber rief in mir einen Konflikt hervor, da ich nicht verstehen konnte, wie es sein kann, dass ich einerseits als menschliches Wesen »natürlich« bin, aber andererseits zu den Dingen, wie sie wirklich sind und die wir Natur nennen, in keiner Beziehung stehe. Später fiel mir auf, dass ich mich schon durch diese Denkweise von der Natur abspaltete und dieses Problem so nie lösen würde.

Es traf mich wie ein Blitz, als ich vor einigen Jahren in Bangkok an einem frühen Morgen im Garten eines Tempels einen Spaziergang machte. Mein Blick fiel auf einen runden Tautropfen, der auf einem Lotusblatt ruhte. Es war eine perfekte Kugel. Und ich fragte mich: Wo ist die Auflagefläche, wie kann sie sich halten, warum rollt sie nicht weg? Als ich endlich ans Ende meiner vielen »warum« gekommen war, war ich erschöpft, atmete tief durch und sagte mir, schweig jetzt, sei einfach still und schaue. Und ich sah, dass alles ohne jedwede Verwirrung seine eigene Natur in dieser wunderbaren Harmonie wahrte. Und ich wurde einfach still. Nur still. Ich glaube, das ist etwas von dem, was Sie mit Tatsachen meinen. Das war eine Tatsache.

Krishnamurti: Bleiben wir bei der Tatsache. Schauen wir die Tatsache an. Hieraus erhebt sich die Frage, ob man einen Schüler dazu erziehen kann, ein Leben ohne Vergleich zu führen, im Sinne von größeren oder kleineren Autos, von klug oder nicht klug. Was geschieht, wenn ich überhaupt nicht vergleiche? Werde ich dadurch dumm? Ich weiß, dass ich nur im Vergleich zu jemand dumm bin. Wenn ich nicht vergleiche, weiß ich nicht, wie ich bin. Von dort aus beginne ich. Dann wird alles ganz anders. Es gibt keinen Wettbewerb, es gibt keine Angst, es gibt keinen Konflikt untereinander. Letztlich ist Mathematik Ordnung. Für die höchste Form mathematischer Forschung benötigen Sie einen total geordneten Verstand. Ist es möglich, diese Bewegung der Unordnung zu beobachten mit einem Verstand, der selbst in einem Zustand der Unordnung ist? Unordnung ist also nicht da draußen, sondern hier drinnen. Kann nun der Verstand diese Unordnung beobachten, ohne Mitwirkung eines Beobachters, der geordnet ist? Beobachten Sie, nehmen Sie Unordnung ohne den Wahrnehmenden wahr. Wir glauben, Sir, dass ein ordentlicher Verstand notwendig sei, um Unordnung zu verstehen. Aber der Verstand selbst hat diese Unordnung geschaffen, die das Denken ist. Kann also der Verstand statt auf die Unordnung da draußen auf den Verursacher der Unordnung hier drinnen schauen? Der Verstand selbst ist unordentlich.

Ich werde es Ihnen zeigen, in einer Minute werden Sie sehen, was stattfindet. Unordnung ist nicht außerhalb von mir, Unordnung ist innerhalb von mir. Das ist eine Tatsache. Weil der Geist unordentlich ist, müssen alle seine Handlungen unordentlich sein. Und diese Handlungen der Unordnung pflanzen sich fort oder breiten sich in der Welt aus. Kann also dieser Verstand sich selbst beobachten ohne den Faktor eines ordentlichen Verstandes einzuführen, der das Gegenteil ist? Der Beobachter ist das Beobachten – der Beobachter, der sagt, ich bin ordentlich, ich muss Ordnung in die Unordnung bringen. Das findet normalerweise statt. Aber der Beobachter ist der Faktor der Unordnung, weil der Beobachter die Vergangenheit ist, der Faktor der Teilung ist. Wo es aber Teilung gibt, entsteht nicht nur Konflikt, sondern auch Unordnung. Sie können sehen, dass dieses heute in der Welt geschieht. Alle Probleme, die wir mit der Energie, mit dem Frieden usw. haben, könnten völlig gelöst werden, wenn es keine getrennten Regierungen, souveräne Armeen gäbe, und man würde sagen: »Lassen Sie uns in Gottes Namen diese Probleme alle gemeinsam lösen. Wir sind Menschen. Diese Erde ist für uns zum Leben da – aber nicht für uns als Araber, Juden, Amerikaner und Russen –, es ist unsere Erde.« Aber wir werden das nie tun, weil wir so konditioniert sind, in Unordnung und Konflikt zu leben.

Das wirft also eine Frage auf, die sehr interessant ist: Kann der Verstand sich selbst ohne den Beobachter beobachten? Denn der Beobachter ist das Beobachtete. Der Beobachter, der sagt, ich werde Ordnung in die Unordnung bringen, dieser Beobachter selbst ist ein Fragment der Unordnung, und darum kann er niemals Ordnung zustande bringen. Kann also der Verstand sich seiner selbst als eine Bewegung von Unordnung gewahr werden, ohne zu versuchen, sie zu korrigieren, zu rechtfertigen, zu formen, sondern indem er nur beobachtet? Wie ich schon sagte, heißt beobachten, am Ufer eines Flusses sitzen und das vorbeifließende Wasser beobachten. Verstehen Sie, dann erkennen Sie viel mehr. Aber wenn Sie mittendrin schwimmen, sehen Sie nichts.