Ordnung – Teil 4

A. W. Anderson: Ich habe niemals vergessen, dass sich alles total verändert hat, als ich vor dem Tautropfen auf dem Blatt stand und aufhörte zu fragen. Und was Sie sagen ist die Wahrheit. Wenn so etwas einmal geschehen ist, gibt es kein Zurück mehr.

Krishnamurti: Es geschieht nicht auf einmal, es ist kein Zufall, der stattfand. Mein Leben ist kein Zufall, es ist eine Bewegung. Und in dieser Bewegung beobachte ich die Bewegung der Unordnung. Und darum ist dieser Verstand selbst unordentlich und wie kann dieser unordentliche, chaotische, widersprüchliche, absurde kleine Verstand Ordnung zustande bringen? Er kann es nicht. Darum ist ein neuer Faktor notwendig. Und der neue Faktor ist das Beobachten, das Wahrnehmen ohne den Wahrnehmenden.

A. W. Anderson: Wahrnehmen ohne den Wahrnehmenden.

Krishnamurti: Weil der Wahrnehmende das Wahrgenommene ist. Wenn Sie das erstmal begriffen haben, dann sehen Sie alles ohne den Wahrnehmenden. Sie beziehen Ihre Persönlichkeit, Ihr Ego, Ihre Selbstsucht nicht mit ein. Sie sagen sich, Unordnung ist der Faktor, der in mir und nicht außerhalb von mir ist. Die Politiker versuchen, Ordnung zustande zu bringen, obwohl sie selbst so korrupt sind. Wie können diese Leute Ordnung schaffen?

A. W. Anderson: Es ist unmöglich.

Krishnamurti: Das ist es, was in der Welt vor sich geht. Die Politiker regieren die Welt von Moskau, Neu Delhi, Washington aus, von wo auch immer, überall wird das gleiche Muster wiederholt. Während wir auf chaotische, korrupte Weise leben, versuchen wir, Ordnung in die Welt zu bringen. Es ist kindisch. Darum ist die Wandlung des Geistes nicht die Ihres Geistes oder meines Geistes, sondern des Geistes, des menschlichen Geistes. Es ist, als versuchte sich ein Blinder an Farben. Und er sagt: »Das ist grau.« Es hat keine Bedeutung. Kann also der Verstand diese Unordnung in sich selbst beobachten ohne den Beobachter, der die Unordnung geschaffen hat? Das führt uns zu etwas sehr Einfachem: Einen Baum anzuschauen, eine Frau, einen Berg, einen Vogel oder eine schillernde Wasserfläche und deren Schönheit zu betrachten ohne den Betrachter. In dem Moment, in dem der Betrachter, der Beobachter in Erscheinung tritt, spaltet er. Spaltung ist in Ordnung bei einer Beschreibung. Wenn Sie jedoch leben, dann ist diese Teilung zerstörerisch.

A. W. Anderson: ]a, mir ging gerade diese ständige Propaganda durch den Kopf, die wir über all die Techniken hören, die zur Beruhigung des Verstandes zur Verfügung stehen. Das erfordert einen Beruhiger, der beruhigt; und somit ist diese Möglichkeit absolut, und ich benutze Ihre Worte, absolut und total ausgeschlossen.

Krishnamurti: Aber genau das tun die Gurus. Sowohl die importierten als auch die einheimischen Gurus tun das. Sie zerstören die Leute wirklich. Aber wir werden später darüber sprechen. Wir befassen uns jetzt mit dem Messen, das die ganze Bewegung des kaufmännischen Denkens und Handelns, des Konsums, der Technologie umfasst und heute zum Muster für die Welt geworden ist. Es begann im Westen, wurde dort immer mehr perfektioniert und hat sich dann über die ganze Welt ausgebreitet. Gehen Sie in die kleinste Stadt Indiens oder sonstwohin, überall wird dasselbe Muster wiederholt. In welches Dorf Sie auch immer gehen mögen, und seien die Menschen auch noch so ärmlich und unglücklich und müssen mit einer Mahlzeit täglich auskommen, es ist immer noch dasselbe Muster. Und die Regierungen versuchen, diese Probleme getrennt zu lösen, Frankreich für sich selbst, Russland für sich selbst usw. Es ist ein menschliches Problem, darum muss man sich ihm nicht im Sinne Washingtons, Londons oder Moskaus nähern, sondern im menschlichen Sinne, der sagt: »Seht, dieses ist unser Problem, lasst uns in Gottes Namen zusammenkommen und es gemeinsam lösen.« Was Fürsorge bedeutet, was Akzeptieren der eigenen Verantwortung für jeden einzelnen Menschen bedeutet.

Kommen wir also darauf zurück: Wie wir schon sagten, kommt Ordnung nur mit dem Verstehen von Unordnung. Darin liegt keine Unterdrückung, kein Konflikt. Wenn Sie unterdrücken, reagieren Sie. Sie kennen die ganze Sache. Ordnung ist also eine vollkommen andere Art von Bewegung. Und diese Ordnung ist wirkliche Tugend, weil es ohne Tugend keine Ordnung gibt, nur Gangstertum – politisches, religiöses oder anderes. Mit Tugend, Tugend als Lebensform erfolgt ein tägliches Aufblühen in Güte. Das ist keine Theorie. Wenn Sie auf diese Weise leben, findet es tatsächlich statt. Sehen Sie, ein Mann, der aus Unordnung heraus handelt, schafft mehr Unordnung. Schauen Sie auf das Leben eines Politikers, der ehrgeizig, gierig, machthungrig und karrierebewusst ist. Und das ist der Mann, der Ordnung in der Welt schaffen will. Die Tragödie ist, dass wir das akzeptieren. Darum sind wir verantwortungslos, weil wir Unordnung in unserem Leben akzeptieren. Ich akzeptiere in meinem Leben keine Unordnung. Ich will ein ordentliches Leben führen, was bedeutet, dass ich die Unordnung verstehen muss, und wo Ordnung ist, funktioniert das Gehirn viel besser.

A. W. Anderson: Ist das nicht ein Wunder? Sobald ich die Bewegung der Unordnung begreife …

Krishnamurti: Sobald der Verstand sie begreift.

A. W. Anderson: … ist Ordnung entstanden. Das ist wahrhaftig wie ein Wunder. Vielleicht ist dies das eine und einzige Wunder. Im tiefsten Sinne des Wortes müssten alle mit diesem Wunder, dem wirklichen Zentrum, dem wirklichen Kern zusammenhängen.

Krishnamurti: Darum liegt in Beziehung, in Kommunikation Verantwortung, Freiheit und in dieser Befreiung von Unordnung große Schönheit, ein Leben, das schön ist, ein Leben, das wirklich in Güte blüht. Wenn wir es nicht schaffen, Menschen dieser Art hervorzubringen, wird die Welt zugrunde gehen. Das ist es, was geschieht. Und ich fühle, dass ich dafür verantwortlich bin. Es ist meine Leidenschaft, meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Sie mich verstehen, wenn ich mit Ihnen spreche, dass Sie so leben, so handeln und so Ihren Weg gehen.

A. W. Anderson: Ich komme auf die Aufmerksamkeit zurück, die enorme Betonung, die Sie darauf gelegt haben, dem Gesagten gegenüber absolut aufmerksam zu sein. Ich beginne in etwa zu verstehen, was geschieht, wenn jemand zu denken beginnt, dass er oder sie das ernst nehmen, was Sie sagen. Ich habe nicht gesagt sie fangen an es ernst zu nehmen, sondern sie denken, dass sie damit anfangen. Tatsächlich fangen sie an, in sich selbst wahrzunehmen, dass sie davon angezogen werden. Natürlich hat noch nichts begonnen. Aber etwas sehr Merkwürdiges geschieht im Geist, während ich bemerke, dass ich hiervon angezogen werde. Ich fange an, mich zu fürchten. Irgend etwas macht mir schreckliche Angst. Können wir nächstes Mal über die Angst sprechen?

20. Februar 1974