Angst – Teil 1

A. W. Anderson: Während unseres letzten Gespräches hatten wir begonnen, über das Problem der Angst zu sprechen. Vielleicht können wir es näher untersuchen?

Krishnamurti: Ich frage mich, wie wir an diese Frage herangehen können, denn es ist ein weltweites Problem. Jeder, oder sagen wir, fast jeder hat Angst vor etwas – sei es die Angst vor dem Tod, Angst vor der Einsamkeit, Angst, nicht geliebt zu werden, Angst, nicht berühmt oder erfolgreich zu werden, und auch die Angst, keine physische Sicherheit zu haben. Es gibt so viele unterschiedliche Formen der Angst. Um sich mit diesem Problem wirklich sehr tiefgehend zu befassen, müssen wir fragen, ob der Geist einschließlich des Gehirns wirklich von Grund auf frei von Angst sein kann. Denn Angst ist, wie ich beobachtet habe, etwas Furchtbares. Sie verdunkelt die Welt, sie zerstört alles. Und ich glaube nicht, dass wir die Angst, die eines der Prinzipien des Lebens ist, diskutieren können, ohne auch die Bedeutung des Vergnügens zu erforschen. Es sind die zwei Seiten ein und derselben Münze. Betrachten wir also zuerst die Angst. Da gibt es sowohl bewusste als auch unbewusste Ängste. Ängste, die wir beobachten können, die abgestellt werden können und Ängste, die tief verwurzelt sind, in den entlegenen Bereichen unseres Bewusstseins.

A. W. Anderson: Auf der unbewussten Ebene.

Krishnamurti: In den tieferen Ebenen. Wir müssen also beide berücksichtigen, nicht nur die offensichtlichen äußeren Ängste, sondern auch die tiefsitzenden unentdeckten Ängste, die Ängste, die uns vererbt worden sind, traditionelle Ängste und ebenso Ängste, die der Verstand selbst geschaffen und kultiviert hat, Ängste vor physischer Unsicherheit, vor dem Verlust eines Jobs, einer Position, überhaupt davor, etwas zu verlieren und die positiven Ängste, nämlich etwas nicht zu bekommen. Wenn wir also diese Frage erörtern, wie sollen wir, Sie und ich, an sie herangehen? Nehmen wir zuerst die äußeren, die offensichtlichen physischen Ängste, und von dort ausgehend befassen wir uns dann mit den inneren. So decken wir das gesamte Feld ab, nicht nur Einzelfälle wie die Angst einer alten Dame, eines alten oder eines jungen Mannes, sondern wir befassen uns mit dem gesamten Problem der Angst, nehmen uns nicht nur ein Blatt oder einen kleinen Zweig der Angst vor, sondern die ganze Bewegung der Angst.

Äußerlich, physisch ist es klar, dass wir Sicherheit, physische Sicherheit, haben müssen. Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf sind absolut notwendig, nicht nur für die Amerikaner, sondern für die ganze Menschheit. Es ist nicht gut zu sagen: »Wir sind in Sicherheit, zum Teufel mit dem Rest der Welt.« Die Welt sind Sie, und Sie sind die Welt! Sie können sich nicht isolieren und sagen: »Hauptsache, ich bin sicher. Was scheren mich die anderen.« Das führt zu Trennung, Konflikt und Krieg. Physische Sicherheit ist für das Gehirn notwendig. Das habe ich bei mir selbst und bei anderen beobachtet. Ich bin zwar kein Gehirnspezialist oder Neurologe, aber ich habe beobachtet: Das Gehirn kann nur in völliger Sicherheit funktionieren. Dann funktioniert es effizient und gesund, nicht neurotisch, und seine Aktivität ist nicht unausgeglichen. Das Gehirn braucht Sicherheit, genau wie ein Kind Sicherheit braucht. Wir versagen ihm diese, indem wir uns absondern: Als Amerikaner, als Russen, als Inder, als Chinesen. Nationale Trennung hat diese Sicherheit durch Kriege zerstört: Eine Tatsache, und doch sehen wir sie nicht. Die herrschenden Regierungen zerstören mit ihren Armeen und ihrer Marine die Sicherheit.

Wir wollen darauf hinaus, wie dumm der Verstand ist. Er will Sicherheit, er muss Sicherheit haben und tut dennoch alles, um diese Sicherheit zu zerstören. Das ist also ein Faktor. Ein Sicherheitsfaktor ist unser Beruf, ob man nun in einer Fabrik, als Geschäftsmann oder als Priester arbeitet. Die Tätigkeit wird also sehr wichtig. Sehen sie, was das beinhaltet. Wenn ich meinen Job verliere, bekomme ich Angst, und dieser Job hängt von der Umgebung, der Produktion, dem Geschäft, der Fabrik, vom Kommerzdenken, vom Konsumdenken und daher vom Wettbewerb mit anderen Ländern ab. Wir brauchen also physische Sicherheit, und tun dabei alles, um sie zu beseitigen. Wenn jeder von uns sagte: »Lasst uns alle zusammenkommen, nicht mit Plänen, weder mit meinem noch mit Ihrem Plan, noch mit dem kommunistischen oder kapitalistischen Plan. Wir wollen uns als Menschen zusammensetzen und dieses Problem lösen.« Sie könnten es tun. Die Wissenschaft hat die Mittel, die Menschen zu ernähren. Aber sie werden es nicht tun, denn sie handeln gemäß ihrer Konditionierung so, dass sie die Sicherheit zerstören, die sie suchen. Das ist einer der wichtigsten Faktoren im Bereich physischer Sicherheit.

Dann gibt es die Angst vor körperlichen Schmerzen, körperlichen Schmerzen im Sinne vergangener Schmerzen, sagen wir, der letzten Woche. Der Verstand hat Angst davor, dass es wieder passieren wird; das wäre also diese Art von Angst. Dann gibt es die Angst vor der Meinung anderer Leute, davor was die Leute sagen, vor der öffentlichen Meinung. Der gute Ruf. Sehen Sie, all dieses ist aus Unordnung heraus entstanden. Kann also der Verstand physische Sicherheit hervorbringen – Nahrung, Kleidung und Unterkunft für jeden? Kann das getan werden – nicht als Kommunist, Kapitalist, Sozialist oder Maoist –, sondern indem wir uns als Menschen zusammensetzen, um dieses Problem zu lösen? Es kann getan werden, aber niemand will es tun, weil sich keiner dafür verantwortlich fühlt. Ich weiß nicht, ob Sie jemals in Indien gewesen sind. Wenn Sie wie ich von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf gereist wären, würden Sie die erschreckende Armut sehen, die Erniedrigung durch Armut und das Gefühl von Hoffnungslosigkeit.