Angst – Teil 2

A. W. Anderson: Ja, ich bin in Indien gewesen und habe dort zum ersten Mal in meinem Leben Armut empfunden, nicht nur als Entbehrung, sondern sie schien auch einen positiven Aspekt zu haben. Es war so krass.

Krishnamurti: Ich weiß. Persönlich haben wir all das hinter uns gebracht. Physisches Überleben ist nur möglich, wenn Menschen zusammenkommen, nicht als Kommunisten, Sozialisten oder sonst was, sondern als Menschen, die sagen: »Seht her, dieses ist unser Problem, lasst es uns um Gottes Willen lösen!« Aber sie werden das nicht tun, weil sie mit Problemen und mit Plänen zu deren Lösung schon überlastet sind. Sie haben Ihren Plan, ich habe meinen Plan, er hat seinen Plan. So wird das Planen höchst wichtig, Pläne werden wichtiger als das Verhungern. Und wir bekämpfen einander: Während doch gesunder Menschenverstand, Zuneigung, Fürsorge und Liebe all das ändern können. Dann die Angst vor der öffentlichen Meinung, vor dem was mein Nachbar sagen wird. Und ich hänge von meinem Nachbarn ab. Wenn ich ein in Italien lebender Katholik bin, wäre ich von meinem Nachbarn abhängig. Ich könnte dort meinen Job verlieren, falls ich ein Protestant wäre. Also akzeptiere ich es, ich werde meinen Hut vor dem Papst oder sonstjemandem ziehen, es hat keinerlei Bedeutung. Ich habe Angst vor der öffentlichen Meinung. Sehen Sie, worauf sich der menschliche Verstand selbst reduziert hat. Ich sage nicht: »Zum Teufel mit der öffentlichen Meinung, die Menschen sind konditioniert, sie haben genausoviel Angst wie ich.« Das ist also diese Art von Angst. Und dann gibt es die physische Angst vor dem Tod, die immens ist. Diese Angst muss man anders angehen, wir werden darauf kommen, wenn wir über den Tod sprechen.

Es gibt also die äußere Form von Angst: Angst vor der Dunkelheit, Angst vor der öffentlichen Meinung, Angst, seine Arbeit zu verlieren, Angst, nicht überleben zu können. Sir, ich habe mit Leuten gelebt, die nur eine Mahlzeit am Tag haben. In Indien bin ich einmal hinter einer Frau mit einem Mädchen hergegangen, und das Mädchen sagte: »Mutter, ich bin hungrig.« Und die Mutter antwortete: »Für heute hast du schon gegessen.« Es gibt also all das, diese physischen Ängste, Schmerz und die Angst vor wiederkehrenden Schmerzen usw. Die anderen Ängste sind viel komplizierter, etwa die Ängste vor Abhängigkeit. Innerlich hänge ich von meiner Frau ab, von meinem Guru, von meinem Priester usw. – so viele Abhängigkeiten! Und ich habe Angst, sie zu verlieren, allein gelassen zu werden, abgelehnt zu werden. Wenn diese Frau sich von mir abwendet, bin ich verloren. Ich werde wütend, brutal, gewalttätig und eifersüchtig, weil ich von ihr abhänge. Abhängigkeit ist also einer der Faktoren von Angst. Und innerlich fürchte ich mich. Ich fürchte mich vor Verlassenheit.

Neulich hörte ich im Fernsehen eine Frau sagen: »Die einzige Angst, die ich in meinem Leben habe, ist meine Verlassenheit.« Und wegen dieser Furcht vor Verlassenheit betreibe ich alle möglichen neurotischen Aktivitäten. Weil ich mich verlassen fühle, hänge ich mich an Sie oder an einen Glauben, an einen Erlöser oder an einen Guru. Und ich verteidige den Guru, den Erlöser und meinen Glauben, und wie schnell wird das neurotisch. Das ist diese Art von Angst. Dann gibt es die Angst davor, nichts zu erreichen, dass der Erfolg in dieser Welt ohne Ordnung Unordnung wird und ebenso in der sogenannten spirituellen Welt ausbleibt. Das betreiben ja jetzt alle – spirituelle Vollendung, die sie Erleuchtung nennen.

Dann gibt es die Angst, nichts darzustellen, die sich in der Identifizierung mit etwas ausdrückt: »Ich muss mich mit etwas identifizieren. Um etwas zu sein, muss mich mit meinem Land identifizieren.« Ich sage mir: »Das ist zu dumm!« – und sage folglich: »Ich muss mich mit Gott identifizieren.« Den ich erfunden habe. Gott hat nicht den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, sondern der Mensch hat Gott nach seinem Bilde geschaffen. Also, nichts zu sein, nichts zu vollbringen, nichts zu erreichen, schafft ein kolossales Gefühl von Unsicherheit, ein schreckliches Gefühl von Unfähigkeit, etwas zustande zu bringen, nicht »dabei« zu sein, und es kommt zum Aufschrei: »Ich muss ich selbst sein!« Was Unsinn ist. Da sind nun all diese Ängste, sowohl logische Ängste, als auch irrationale Ängste, neurotische Ängste und Ängste ums Überleben, ums physische Überleben.

Wie gehen Sie also auf all diese Ängste ein und auf viele weitere, die wir noch erörtern werden? Gehen Sie auf eine nach der anderen ein? Und ebenso haben wir die versteckten Ängste, die sehr viel aktiver sind. Sie brodeln, und wenn ich mir ihrer nicht bewusst bin, ergreifen sie Besitz von mir. Wie soll ich also zunächst einmal mit den offensichtlichen Ängsten umgehen, die wir beschrieben haben? Soll ich mir eine nach der anderen vornehmen, um Sicherheit zu finden? Oder nehmen wir die Verlassenheit in Angriff und setzen uns mit ihr auseinander, gehen über sie hinaus? Oder gibt es einen Weg, mit der Angst selbst umzugehen, nicht mit ihren Verzweigungen, sondern mit ihrer Wurzel? Wenn ich mir Blatt für Blatt und Zweig für Zweig vornehme, braucht es mein ganzes Leben. Wenn ich damit begänne, meine Ängste zu analysieren, dann würde eben diese Analyse zur Paralyse, zur Lähmung. Und ich werde immer und immer wieder davon eingeholt. Wie soll ich also mit diesem Problem als Ganzem umgehen, nicht nur mit Teilen oder Bruchstücken davon?