Angst – Teil 3

A. W. Anderson: In unseren Gesprächen haben wir auf Bewegung hingewiesen. Die Bewegung der Angst ist ein Ganzes. Und es ist ein einziges Feld der Zerstörung!

Krishnamurti: Ja, ein ungeheures Ganzes. Sie ist der gemeinsame Faktor, der in allem enthalten ist. Ob man in Moskau, Indien oder sonstwo lebt – überall gibt es diese Angst. Und wie soll man damit umgehen? Kann der Verstand wirklich frei von Angst sein – tatsächlich frei, nicht verbal oder ideologisch, sondern absolut frei von Angst? Und es ist möglich, total frei von Angst zu sein! Dies ist keine theoretische Behauptung, sondern ich weiß es, ich habe es untersucht. Wie soll ich jetzt damit umgehen? Ich frage mich selbst: Was ist diese Angst – nicht die Objekte der Angst oder die Äußerungen der Angst –, was ist Angst? Hinter den Worten, hinter den Erklärungen und Beschreibungen und all dem Hin und Her – was ist Angst? Wie entsteht sie? Ich werde das Problem klarer machen. Der Mensch hat versucht, eine Angst nach der anderen abzumildern oder zurechtzustutzen, durch Analyse, durch Flucht, durch seine Identifikation mit etwas, das er als Mut bezeichnet. Oder er sagt sich: »Ich kümmere mich nicht darum. Ich rationalisiere meine Ängste und bleibe auf der intellektuellen Ebene vernunftmäßiger, verbaler Erklärungen.« Aber die Sache kocht weiter. Was soll ich also tun? Was ist Angst? Ich muss das herausfinden. Nicht Sie sagen es mir, sondern ich muss es selbst herausfinden, so wie ich selbst herausfinde, dass ich Hunger habe. Niemand muss mir sagen, ich sei hungrig. Ich selbst muss es herausfinden. Ich weiche also nicht aus! Ich rationalisiere nicht, ich analysiere nicht, weil Analyse wirklich Lähmung ist. Wenn Sie bei der Konfrontation mit einem Problem wie diesem es nur analysieren und dann auch noch Angst haben, es nicht richtig analysieren zu können, und darum zu einem professionellen Analytiker gehen, der selber einer Analyse bedarf, dann sitzen Sie in der Klemme. Ich werde also nicht analysieren, weil ich die Absurdität darin erkenne. Ich renne nicht davon, erkläre nicht, rationalisiere nicht, analysiere nicht, ich stehe dem gegenüber.

Dann gibt es die unbewussten Ängste, von denen ich nichts weiß. Sie äußern sich gelegentlich, wenn ich aufmerksam bin, wenn ich Angst in mir aufsteigen sehe, wenn ich aufmerksam bin und achtgebe. Oder wenn ich etwas anschaue, steigt unwillkürlich Angst auf. Es ist wichtig für den Verstand, völlig frei von Angst zu sein. Es ist so wesentlich, wie Nahrung wesentlich ist. Nun frage ich: Was sind die versteckten Ängste, kann ich sie bewusst an die Oberfläche kommen lassen, oder hat das Bewusste keinen Zugang zu ihnen? Das Bewusste kann sich nur mit Dingen befassen, die es kennt, aber es kann die Dinge, die es nicht kennt, nicht beobachten.

Was tue ich also? Sind Träume die Antwort? Träume sind nur die Fortsetzung dessen, was während des Tages passiert ist. Wir werden es im Moment nicht weiter untersuchen. Wie soll das alles geweckt und freigelegt werden? Die rassischen Ängste, die Ängste, welche die Gesellschaft mich gelehrt hat, die Ängste, die mir die Familie auferlegt hat, der Nachbar – alle diese schleichenden, hässlichen, brutalen Dinge, die da versteckt sind, wie sollen sie alle auf natürliche Weise aufsteigen und freigelegt werden, so dass der Geist sie als Ganzes sehen kann? Verstehen Sie?

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Ich denke gerade darüber nach, wie wir dem, was Sie sagen, begegnen. Wir sind hier an einer Universität, in der kaum zugehört wird, wenn überhaupt. Warum? Angenommen, ich ginge so auf Sie ein: Ich lehne mich zurück, und bei jeder Aussage, die Sie machen, frage ich mich: »Was soll ich darauf antworten?« Selbst wenn meine Reaktion wohlwollend wäre und ich als Professor sagen würde: »Nun, das ist ein interessantes Konzept, vielleicht können wir es noch ein wenig verdeutlichen.« – Dann hätten wir uns niemals zusammensetzen sollen, niemals beginnen sollen. Und doch mögen wir uns einbilden, uns sehr große Mühe gegeben zu haben, ernsthaft darauf einzugehen. Aber auch hier ist Angst das Fundament, weil der Professor hier seinen Ruf aufs Spiel gesetzt sieht. Er sollte besser nicht zu lange schweigen, sonst käme jemand auf die Idee, er verstehe entweder nichts, oder er habe zum Thema nichts beizusteuern.

Krishnamurti: Sehen Sie, was ich entdeckt habe. Der bewusste Verstand, das bewusste Denken kann die versteckten Ängste nicht einladen und freilegen. Ich kann sie nicht analysieren, weil Analyse, wie wir sagten, Untätigkeit ist. Und wenn es kein Ausweichen gibt, werde ich nicht in eine Kirche laufen oder zu Jesus, zu Buddha oder zu sonstjemand oder mich mit etwas anderem identifizieren. Ich habe dies alles abgelegt, weil ich dies als vergeblich verstanden habe. Also bin ich damit allein. Es ist meine Angelegenheit. Was soll ich also tun? Irgendetwas muss geschehen. Ich kann nicht bloß sagen: »Gut, ich habe alles zur Seite geschoben, und nun sitze ich hier.« Sehen Sie, was nun passiert: Weil ich dies alles beiseite geschoben habe, durch Beobachtung, nicht durch Widerstand und nicht durch Gewalttätigkeit, weil ich all diese Dinge wie Ausweichen, Analyse, Davonlaufen usw. negiert habe, habe ich Energie. Der Geist hat jetzt Energie. Weil ich alles, was Energie vergeudet, abgelegt habe. Darum bin ich jetzt dieses und bin mit dem konfrontiert, mit Angst konfrontiert. Was kann ich jetzt tun? Hören Sie zu: Was kann ich tun? Ich kann überhaupt nichts tun, weil ich es bin, der die Angst geschaffen hat. Also kann ich nichts gegen Angst tun.

Aber es gibt die Energie, die sich angesammelt hat, die zustande gekommen ist, die aufgekommen ist, als alle Streuung von Energie aufhörte. Was geschieht nun? Das ist kein Hokuspokus, keinerlei mystische Erfahrung. Da ist wirkliche Angst, und ich habe ungeheure Energie, die entstanden ist, weil es keinerlei Verschwendung von Energie mehr gibt. Was geschieht? Ich frage also: »Was hat die Angst geschaffen? Was hat sie hervorgebracht?« Weil ich die Energie habe, diese Frage zu stellen und die Antwort auf diese Frage zu finden. Ich habe jetzt Energie – verstehen Sie? Was hat die Angst hervorgebracht – Sie, mein Nachbar, mein Land, meine Kultur? Ich frage: Was hat die Angst in meinem Bewusstsein wachgerufen? Und ich werde davon nicht ablassen, bis ich es herausfinde. Verstehen Sie? Weil ich die Energie dazu habe. Ich bin von keinem Buch abhängig, von keinem Philosophen, von niemandem. Und ich beginne die Antwort zu finden. Ich stelle die Frage nicht, aber ich finde die Antwort. Was ist nun die Antwort? Was ist die Antwort auf die Tatsache Angst, die von Generation zu Generation erhalten, genährt und weitergegeben worden ist? Kann der Geist diese Angst beobachten, ihre Bewegung, nicht nur einen Teil der Angst, beobachten ohne das Denken, das den Beobachter geschaffen hat. Kann also diese Tatsache beobachtet werden, die ich »Angst« genannt habe, weil der Verstand sie erkannt hat, denn er hat schon früher Angst gehabt? Durch Wiedererkennen und Assoziation also stellt er fest: »Das ist Angst.«