Angst – Teil 4

Kann also der Geist ohne den Beobachter, der der Denker ist, diese Tatsache Angst allein beobachten, denn der Beobachter, der das Denken ist, hat sie produziert? Ich habe Angst vor meinem Nachbarn, vor dem, was er sagen mag, weil ich um mein Ansehen fürchte. Das ist das Produkt des Denkens. Denken hat die Welt in Amerika, Russland, Indien, China, Europa usw. aufgeteilt, und das zerstört die Sicherheit. Das ist das Ergebnis des Denkens. Ich bin verlassen und handle daher neurotisch, und auch das ist ein Ergebnis des Denkvorgangs. Ich sehe also sehr klar, dass das Denken hierfür verantwortlich ist.

Was wird also mit dem Denken geschehen? Das Denken ist für die Angst verantwortlich. Es hat sie gestärkt und ermutigt, es hat alles getan, sie aufrecht zu erhalten. Ich fürchte, dass der Schmerz, den ich gestern hatte, morgen wiederkommen wird, was eine Bewegung des Denkens ist. Das Denken kann nur auf dem Gebiet des Wissens funktionieren, das ist seine Grundlage. Angst ist jedes Mal etwas Neues. Angst ist nicht alt. Sie wird alt gemacht, indem ich sie wiedererkenne.

Kann aber der Geist diesen Vorgang des Wiedererkennens, der ein Hinzufügen von Worten und so weiter ist, ohne das Dazwischentreten des Denkens beobachten? Wenn er es tut, ist keine Angst da. Angst kann demnach vollständig abgelegt werden. Wenn ich in Russland leben würde und man mir mit dem Gefängnis drohte, hätte ich wahrscheinlich Angst. Das ist natürliche Selbsterhaltung. Das ist eine natürliche Angst, so wie man zur Seite springen würde, wenn ein Bus auf einen zuraste, oder vor einem gefährlichen Tier weglaufen würde. Das ist eine natürliche selbsterhaltende Reaktion, aber das ist keine Angst. Es ist eine Antwort der Intelligenz, die handelt und sagt: »Lauf um Gottes Willen vor dem Bus weg!« Aber die anderen Faktoren sind Faktoren des Denkens. Kann also das Denken sich selbst verstehen, seinen Platz erkennen und sich nicht projizieren? Keine Kontrolle über das Denken, das ist ein Gräuel. Wenn Sie das Denken kontrollieren, wer ist der Kontrollierende? Wieder ein Bruchstück des Denkens. Es ist ein Teufelskreis, ein Spiel, das Sie mit sich selbst spielen. Kann also der Geist ohne die Bewegung des Denkens beobachten? Das ist nur möglich, wenn Sie die ganze Bewegung der Angst verstanden haben, verstanden, nicht analysiert, sondern betrachtet haben. Es ist etwas Lebendiges, darum muss man es ansehen. Nur etwas Totes kann man zerlegen und analysieren, herumstoßen. Aber etwas Lebendiges muss man beobachten.

A. W. Anderson: In unserem letzten Gespräch kamen wir auf das Problem von jemand, der zu sich selbst sagt: »Ich glaube verstanden zu haben, was ich gehört habe, und nun werde ich es ausprobieren.«

Krishnamurti: Wenn Sie ein gefährliches Tier sehen, sagen Sie nicht: »Ich werde darüber nachdenken.« Sie laufen, Sie handeln, denn dort wartet die tödliche Vernichtung! Das ist eine selbsterhaltende Reaktion, ist Intelligenz, die sagt: »Weg!« Die Intelligenz handelt nur, wenn wir all diese Ängste angesehen haben, ihre Bewegungen, ihr Inneres, ihre Hässlichkeit, ihre Feinheit, die gesamte Bewegung. Daraus entsteht dann Intelligenz und sagt: »Ich habe sie verstanden.« Wir sagten, es gibt physische und psychische Ängste – beide hängen miteinander zusammen. Wir können nicht sagen, dies sei die eine und das die andere. Sie sind alle eng verwoben. Und die Wechselbeziehung und das Verstehen dieser Beziehung bringt diese Intelligenz hervor, die auf der physischen Ebene handeln wird. Sie wird sagen: »Lasst uns kooperieren, zusammenarbeiten, um dem Menschen zu helfen. Wir wollen nicht national, religiös und sektiererisch sein. Wichtig ist, den Menschen zu ernähren, zu kleiden und ihn glücklich leben zu lassen.« Aber leider ist unsere Lebensweise so unordentlich, dass wir für nichts anderes Zeit haben. Unsere Unordnung frisst uns auf.

A. W. Anderson: Es ist interessant, dass ein Missbrauch der Tradition darin besteht, dass uns tatsächlich beigebracht wird, was wir zu fürchten haben. In unserer Sprache haben wir den Ausdruck »Moralische Geschichten«, eine Ansammlung von Warnungen vor Dingen, die einfach ausgedacht, eingebildet, herbeiphantasiert sind. Diese Geschichten werden von den Kleinen mit der Muttermilch aufgesogen, und beim Heranwachsen reflektieren wir diese erlernten Dinge, und wenn etwas schiefgeht, meinen wir, das sei so, weil wir nicht richtig begriffen haben, was man uns gesagt hat. An diesem Punkt werden einige junge Leute vielleicht sagen: »Weg mit dem ganzen alten Kram.« Doch dann erhebt sich augenblicklich das Problem der Verlassenheit.

Krishnamurti: Das ist Leben. Sie können nicht einen Teil ablehnen und den anderen Teil akzeptieren. Leben bedeutet all das: Freiheit, Ordnung, Unordnung, Kommunikation, Beziehung, Verantwortung – das alles ist Leben. Wenn wir nicht verstehen, wenn wir sagen: »Damit will ich nichts zu tun haben«, dann leben wir nicht, dann sterben wir. Welchen Platz hat Wissen in der Erneuerung des Menschen? Unser Wissen sagt: »Du musst von anderen getrennt sein, du bist ein Amerikaner, ich bin ein Hindu.« Das wissen wir. Unser Wissen sagt: »Wir müssen uns auf unseren Nachbarn verlassen, er ist kundig, er ist angesehen, Gesellschaft bedeutet Ansehen, Gesellschaft bedeutet Moral.« Also akzeptieren Sie das. Das Wissen hat also all diese Faktoren hervorgebracht. Und plötzlich fragen Sie mich: »Welchen Platz hat das, welchen Platz hat Tradition? Welchen Platz hat das in Jahrtausenden angesammelte Wissen?« Das angesammelte Wissen in der Naturwissenschaft und in der Mathematik ist wesentlich. Aber welchen Platz nimmt Wissen ein, das ich durch Erfahrung angesammelt habe, durch menschliches Streben von Generation zu Generation? Welchen Platz hat es in der Umwandlung von Angst? Keinen, überhaupt keinen!

Darum ist es sehr wichtig herauszufinden, welche Funktion Wissen hat, und zu verstehen, wo Wissen zu Unwissenheit wird. Wir vermischen beides. Wissen ist wesentlich, um Englisch zu sprechen oder ein Auto zu fahren. Aber dieses Wissen wird zu Unwissenheit, wenn wir wirklich zu verstehen versuchen »was ist«. Was ist, das ist diese Angst, diese Unordnung, diese Unverantwortlichkeit. Um das zu verstehen, benötigen Sie kein Wissen. Alles, was Sie tun müssen, ist: Zu schauen. Schauen Sie sich an, außen und innen, dann sehen Sie deutlich, dass Wissen absolut überflüssig ist. Es hat keinen Wert in der Umwandlung oder Erneuerung des Menschen, weil Freiheit nicht aus Wissen geboren ist. Freiheit ist, wenn all die Bürden nicht sind. Nach Freiheit müssen Sie nicht suchen. Sie kommt, wenn das andere nicht ist.

A. W. Anderson: Sie ist nicht etwas, das anstelle des Schreckens kommt, den es vorher gab.

Krishnamurti: Natürlich nicht.

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Vielleicht können wir nächstes Mal über Vergnügen sprechen, die Kehrseite der Medaille.

20. Februar 1974