Verlangen – Teil 1

A. W. Anderson: Sie bemerkten, dass Angst und Vergnügen die beiden Seiten derselben Medaille sind. Wir könnten von der Angst zu einer Diskussion über Vergnügen übergehen, aber vielleicht gibt es bei der Angst etwas, das wir noch untersuchen sollten.

Krishnamurti: Ich glaube, bei den meisten von uns hat Angst dieses Elend geschaffen. So viele Aktivitäten, Ideologien und Götter sind aus Angst entstanden, dass wir niemals ganz frei von Angst zu sein scheinen. Und so sind Freiheit von etwas und Freiheit selbst zwei verschiedene Dinge: Freiheit von Angst und das Gefühl vollkommener Freiheit. Freiheit für etwas und Freiheit von etwas beinhaltet Widerspruch, Konflikt, Kampf, Gewalttätigkeit und Mühsal. Wer das in seiner Bedeutung weitgehend versteht, der erkennt, was frei zu sein heißt, nicht von etwas oder für etwas, sondern tief innen, selbst frei zu sein. Wahrscheinlich geschieht das ohne Worte und Vorstellungen. Das Gefühl, dass die ganze Last von Ihnen abgefallen ist, ohne dass Sie sich anstrengen, um sie abzuwerfen. Die Last existiert einfach nicht. Konflikte existieren nicht. Wie wir neulich schon sagten, gibt es dann Beziehung in völliger Freiheit. Diese beiden Prinzipien, Vergnügen und Angst, scheinen in uns tief verwurzelt zu sein. Ich glaube nicht, dass wir den Begriff Vergnügen verstehen können, ohne auch die Angst zu verstehen. Sie können sie wirklich nicht trennen, aber um sie zu untersuchen, muss man sie natürlich trennen. Wir hätten niemals über das Vergnügen nachgedacht. Es ist wie Bestrafung und Belohnung. Gäbe es überhaupt keine Bestrafung, würde niemand über Belohnung sprechen.

Ich denke, wenn wir über das Vergnügen sprechen, sollten wir uns darüber im klaren sein, dass wir das Vergnügen keineswegs verdammen, wir wollen weder puritanisch noch haltlos sein. Wir versuchen, die ganze Struktur und Natur des Vergnügens zu erforschen oder zu prüfen, so wie wir es mit der Angst getan haben. Um das angemessen und gründlich zu tun, muss die Haltung, das Akzeptieren oder Verdammen von Vergnügen abgelegt werden. Ich denke, wenn ich etwas erforschen will, muss ich von meinen Neigungen und Vorurteilen frei sein. Belohnung, Befriedigung und ein Gefühl von Erfüllung. Wir werden uns näher damit befassen, wenn wir über Vergnügen sprechen. Aber ich denke, wir müssen uns von Anfang an darüber im klaren sein, dass wir es nicht verdammen. Überall auf der Welt haben die Priester es verdammt.

Wir müssen berücksichtigen, dass wir es nicht rechtfertigen, unterstützen oder verdammen, sondern es beobachten. Um sich in diese Frage des Vergnügens wirklich zu vertiefen, müssen wir zuerst das Verlangen betrachten. Je kommerzieller der Gebrauch von Dingen wird, desto mehr wächst das Verlangen. Sie können es an der Kommerzialisierung und am Konsumdenken erkennen. Das Verlangen wird durch Propagieren gestützt und genährt, es wird – wie soll ich es ausdrücken – entfacht. Und das sehen Sie überall auf der Welt. In Indien zum Beispiel – nicht, dass ich Indien viel besser kenne als Amerika, denn ich habe dort nicht lange gelebt, aber ich besuche es jedes Jahr –, in Indien beginnt gerade dieses Verlangen und seine sofortige Erfüllung um sich zu greifen. Früher gab es im brahmanischen Sinne eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse traditionelle Disziplin, die verlangte, sich nicht mit der Welt und ihren Dingen zu befassen. Sie sind nicht wichtig. Was wichtig ist, ist die Entdeckung der Wahrheit, von Brahman, der Wirklichkeit. Aber jetzt ist all das vorbei: Jetzt ist das Verlangen entflammt. Kauf mehr, sei nicht zufrieden mit zwei Paar Hosen, du brauchst ein Dutzend. Dieses Gefühl von Erregung durch Besitz wird durch Geschäftssinn, Konsum und Werbung stimuliert.

Das ist es, was die Modeschöpfer machen. Jedes Jahr gibt es eine neue Mode. Da ist diese Stimulierung des Verlangens. Es ist wirklich erschreckend, wie Leute dieses Verlangen ausnutzen und stimulieren, um zu Geld und Besitz zu kommen – der ganze Kreislauf eines höchst anspruchsvollen Lebens, in dem es sofortige Erfüllung des Verlangens gibt und Frustration, wenn das nicht möglich ist, oder wenn man nicht handelt. All dies ist darin enthalten. So wie bei Kindern: Frustrieren Sie sie nicht! Lassen Sie sie machen, was sie wollen! Bevor wir uns auf das komplizierte Feld des Vergnügens begeben, sollten wir uns in diese Frage des Verlangens vertiefen.

Das Vergnügen scheint ein sehr aktiver und fordernder Instinkt zu sein, eine fordernde Aktivität, die ständig in uns weiterwirkt. Was ist Verlangen? Ich denke, dass Appetit und Verlangen zusammengehören: Appetit, physischer Appetit und psychischer Appetit, der weitaus vielschichtiger ist, sexueller Appetit, intellektueller Appetit, ein Gefühl von Neugier. Ich glaube, Verlangen und Appetit werden stimuliert durch Kommerz und Konsum, der Zivilisationsform, die heute in der Welt vorherrschend aktiv ist. Dieser Konsumzwang muss auch in Russland wie überall sonst erfüllt werden.

Was ist also Appetit und was ist Verlangen? Ich habe Appetit, weil ich hungrig bin. Das ist ein natürlicher Appetit. Ich sehe ein Auto, über das ich viel gelesen habe, und ich würde es gern besitzen, es fahren, schnell fahren und seine Kraft und das aufregende Gefühl dabei spüren. Das ist eine andere Form von Appetit. Dann gibt es intellektuellen Appetit auf eine Diskussion mit einem klugen, intelligenten, wachsamen Menschen, auf ein Streitgespräch, um einander zu stimulieren und das gegenseitige Wissen zu vergleichen, eine Art subtiles Gefecht. Und dann gibt es den sexuellen Appetit, den sexuellen Appetit des ständigen Darandenkens, des Wiederkauens. Alles dies, psychischer wie physischer Appetit, normaler und anormaler, Gefühl von Erfüllung und Frustration, alles dies ist in Appetit enthalten. Und ich bin nicht sicher, ob die Religionen, organisierte Religionen und Glaubensrichtungen nicht auch ihren eigenartigen Appetit auf Rituale stimulieren. Gehen Sie in eine römisch-katholische Messe und sehen Sie ihre Schönheit, ihren Farbenreichtum, die Schönheit der Ausstattung. Der ganze Aufbau ist wundervoll theatralisch und schön. Und alles wird durch Tradition, durch den Gebrauch von Worten, Gesängen, gewissen Verbindungen von Worten, Symbolen, Bildern, Blumen und Weihrauch stimuliert. All das ist sehr, sehr stimulierend. Und wenn man daran gewöhnt ist, vermisst man es.