Verlangen – Teil 2

A. W. Anderson: O ja. Als Sie darüber sprachen, dachte ich gerade, wie außerordentlich schön Sanskrit klingt, jedenfalls für meine Ohren, und das Singen der Bhagavadgita, während man sich hin und her wiegt. Und dann setzt man sich, um herauszufinden, was die Worte bedeuten, und sagt sich: Was in aller Welt geht hier vor, wenn wir das alles tun. Es steht im Gegensatz zu dem, was uns das Wort selbst enthüllen könnte. Aber das ist natürlich Selbstverführung, denn man kann der Sprache keinen Vorwurf für ihre Schönheit machen. Und all das wird gefördert. Ich nehme an, was Sie uns hier vorschlagen, näher anzuschauen, ist das riesige traditionelle Interesse daran, das aufrechtzuerhalten.

Krishnamurti: Natürlich. Es wird kommerziell aufrechterhalten. Und wenn es nicht von den Priestern unterstützt würde, bräche alles zusammen. So ist dies also ein Kampf, um die Menschen bei ihrem Appetit zu halten – was wirklich erschreckend ist, wenn Sie das näher anschauen, erschreckend und ziemlich widerwärtig, weil Menschen ausgenutzt und der menschliche Geist wahrlich zerstört wird. Also gibt es dieses Verlangen, diesen Appetit, wir haben uns ein klein wenig damit befasst – was aber ist Verlangen? Wenn ich etwas sehe, muss ich es sofort haben, ein Gewand, einen Mantel, eine Krawatte. Das Gefühl von Besitz, der Drang, etwas zu erwerben, der Drang, etwas zu erleben und der Drang zu handeln, das wird mir enorme Befriedigung geben. Die Befriedigung mag in einer Anschaffung liegen, einer Krawatte, einem Mantel oder aber darin, mit einer Frau zu schlafen. Hinter all dem steckt das Verlangen. Ich mag mir ein Haus wünschen, ein anderer wünscht sich ein Auto, ein anderer wiederum strebt nach intellektuellem Wissen. Jemand mag nach Gott verlangen oder nach Erleuchtung. Das ist alles dasselbe. Die Objekte variieren, aber das Verlangen ist dasselbe. Eines nenne ich edel, das andere nenne ich unedel, weltlich, dumm. Aber hinter allem steht das Verlangen. Was ist also Verlangen? Wie kommt es, dass dieses starke Verlangen hervorgebracht und kultiviert wird? Verstehen Sie? Was ist Verlangen? Wie kommt das Verlangen in jedem von uns auf?

Die Objekte des Verlangens variieren je nach Individuum, Neigung, Eigenart, Prägung, Verlangen nach diesem oder jenem. Aber ich will herausfinden, was Verlangen ist. Wie entsteht es? Ich denke, das ist doch ziemlich klar. Ich frage, was ist Verlangen? Wie entsteht es? Ich frage Sie, wie kommt es, dass es dieses starke Verlangen nach etwas, oder ein Verlangen gegen das Verlangen selbst gibt? Ich denke, es ist klar: Da ist visuelle Wahrnehmung, dann Sinneseindruck, dann Kontakt, und daraus entsteht das Verlangen. Das ist der Prozess, nicht wahr: Wahrnehmung, Sinneseindruck, Kontakt, Verlangen.

A. W. Anderson: Und wenn das Verlangen enttäuscht wird: Ärger.

Krishnamurti: Und der ganze Rest wie Gewalt usw. folgt. Also sagen religiöse Leute, Mönche auf der ganzen Welt: Sei ohne Verlangen, kontrolliere Verlangen, unterdrücke Verlangen. Oder wenn Du das nicht kannst, wandele es in etwas Lohnendes um – in Gott, oder Erleuchtung, oder Wahrheit, oder was auch immer. Sie sagen: Kontrolliere das Verlangen, denn Du brauchst Energie, um Gott zu dienen, und wenn Du im Verlangen gefangen bist, bist Du in Trübsal, in Schwierigkeiten gefangen, was Deine Energie verschwendet. Daher halte es fest, kontrolliere es, unterdrücke es. Ich habe es in Rom so oft gesehen. Die Priester wandern mit ihrer Bibel herum und wagen nicht, nach links oder rechts zu gucken, sie lesen und lesen, weil sie gefesselt werden, egal wovon, von einer Frau oder einem schönen Haus oder einem hübschen Mantel. Also immer weiterlesen, sich nur nicht dem Leiden oder den Versuchungen aussetzen. Halte Dich zurück, denn Du brauchst Energie, um Gott zu dienen. Verlangen entsteht also durch Wahrnehmungen: Visuelle Wahrnehmung, Sinneseindruck, Kontakt, Verlangen. Das ist der Ablauf.

A. W. Anderson: Und dann wird es durch die ganze Rückbindung an Erinnerung verstärkt. Es hat mich getroffen, was Sie gerade sagten. Hier ist dieses Buch, das mich innerlich nicht mehr anspricht. Es ist nichts anderes als das, was man Pferden für ein Rennen anlegt.

Krishnamurti: Scheuklappen. Die Bibel wird zu Scheuklappen.

A. W. Anderson: Ja, dem stimme ich zu. Aber was mich traf, war, dass ich es deshalb nie, niemals in Ruhe angeschaut hatte, das Verlangen selbst nie angeschaut hatte.

Krishnamurti: Das ist es. Eines Tages ging ich in Indien hinter einer Gruppe von Mönchen her. Und es waren sehr ernsthafte Menschen. Ein älterer Mönch wanderte, umgeben von seinen Schülern, einen Hügel hinauf, und ich folgte ihnen. Nicht ein einziges Mal schauten sie auf die Schönheit des Himmels, auf das außerordentlich schöne Blau des Himmels, auf die Berge. Sie hatten keinen Blick für das Licht im Gras oder die Bäume oder die Vögel oder das Wasser. Sie sahen sich nicht ein einziges Mal um. Sie hielten ihren Kopf gesenkt und wiederholten etwas auf Sanskrit. Sie gingen ihres Weges ohne die Natur und die Vorübergehenden auch nur im geringsten zu bemerken. Weil sie ihr ganzes Leben damit verbracht haben, das Verlangen zu kontrollieren und sich auf das zu konzentrieren, was sie für den Weg zur Wirklichkeit hielten. Das Verlangen wirkte dort also als unterdrückender, begrenzender Prozess, weil sie Angst hatten. Wenn ich aufschaue, könnte dort eine Frau sein, und ich könnte in Versuchung geführt werden. So sehen wir also, was Verlangen ist und wir sehen, was Appetit ist; sie sind sich sehr ähnlich. Sie gehören zusammen, es sind zwei verschiedene Worte für ein und dieselbe Sache. Nun taucht die Frage auf, ob es überhaupt eine Kontrolle des Verlangens geben muss? Disziplin ist eine Form von Unterdrückung und Kontrolle des Verlangens. Religiöse, sektiererische und nichtsektiererische Disziplin, jede basiert auf Kontrolle. Kontrolliere deinen Appetit, kontrolliere dein Verlangen, kontrolliere dein Denken. Und diese Kontrolle presst langsam aber sicher den Fluss der freien Energie aus Ihnen heraus.