Verlangen – Teil 3

A. W. Anderson: Und doch sind erstaunlicherweise besonders die Upanishaden dahingehend interpretiert worden, dass sie zu dieser Kontrolle ermutigen.

Krishnamurti: Ich weiß, ich weiß. In Indien passiert Unwahrscheinliches. Die Mönche, die mich besucht haben, werden Sannyasin genannt. Sie sind unglaublich. Ein Mönch besuchte mich vor einigen Jahren, ein ziemlich junger Mann, der im Alter von fünfzehn Jahren Haus und Hof verließ, um Gott zu finden. Er hatte alles aufgegeben und eine Kutte angezogen. Als er älter wurde, so mit achtzehn, neunzehn, zwanzig, entbrannte sein sexuelles Verlangen. Er hatte einen Eid auf den Zölibat abgelegt, wie es Sannyasins und Mönche tun. Und er erzählte, wie Tag für Tag in seinen Träumen sein Verlangen wuchs, beim Spazierengehen, beim Betteln in den Häusern; es raste in ihm wie Feuer. Wissen Sie, was er getan hat, um es unter Kontrolle zu bringen? Er ließ sich operieren, so stark war sein Drang nach Gott – die Idee, nicht die Wirklichkeit. Er kam also, um mit mir zu sprechen, nachdem er einige Vorträge gehört hatte, die ich dort gehalten hatte. Er weinte, als er kam. Er sagte, was habe ich nur getan, was habe ich mir angetan? Ich kann das nicht rückgängig machen, kein neues Organ wachsen lassen, es ist aus. Das ist der Extremfall. Aber jede Kontrolle geht in diese Richtung.

A. W. Anderson: Origenes, der manchmal als der erste christliche Theologe bezeichnet wird, kastrierte sich selbst, weil er die Worte Jesu: »Wenn deine Hand dich ärgert, schneide sie ab« falsch verstanden hat.

Krishnamurti: Autorität dieser Art ist für mich kriminell. Einerlei, wer das sagt.

A. W. Anderson: Und wie der Mönch, den Sie gerade beschrieben, so bereute Origenes es später, weil er einsah, dass das völlig unerheblich war. Hat dieser Mönch Ihnen auch unter Tränen gesagt, dass er in keiner Hinsicht besser dran war?

Krishnamurti: Im Gegenteil, er sagte mir, er habe eine Sünde begangen, er habe eine böse Tat begangen. Er erkannte, was er getan hatte, und dass solch eine Tat zu nichts führt. Ich habe viele Menschen getroffen, zwar nicht mit solch extremen Formen von Kontrolle und Selbstverleugnung, aber mit anderen. Sie haben sich selbst für eine Idee, für ein Symbol oder einen Begriff gemartert. Und wir haben zusammen gesessen und mit ihnen diskutiert, und sie begannen zu erkennen, was sie sich selbst angetan hatten. Eines Tages traf ich einen Mann, der einen hohen Rang in der Bürokratie einnahm, und der eines Morgens aufwachte und sich sagte, ich fälle vor Gericht Urteile über andere und scheine ihnen damit zu sagen: »Ich kenne die Wahrheit, Ihr nicht, also werdet Ihr bestraft.« Eines Morgens wachte er also auf und sagte zu sich selbst: »Das ist alles falsch. Ich muss herausfinden, was Wahrheit ist.« Er legte sein Amt nieder, ging fort und suchte fünfundzwanzig Jahre lang herauszufinden, was Wahrheit ist. Diese Leute sind schrecklich ernst. Sie gehören nicht zu denen, die leichthin ein Mantra und ähnlichen Unsinn wiederholen. Jemand brachte ihn also zu meinen Vorträgen mit. Am nächsten Tag kam er, um mit mir zu sprechen. Er sagte: »Sie haben vollkommen recht, ich habe fünfundzwanzig Jahre lang über die Wahrheit meditiert, und das ist die Selbsthypnose gewesen, auf die Sie hingewiesen haben. Ich bin in meinen eigenen verbalen, intellektuellen Begriffen gefangen gewesen. Und ich war nicht in der Lage, da herauszukommen.« Und zuzugeben, dass er sich geirrt hatte, erforderte Mut, erforderte Wahrnehmung – nein, nicht Mut, sondern Wahrnehmung.

Wenn man all dies sieht, die haltlose Freizügigkeit als Reaktion auf die viktorianische Lebensweise, die Welt mit all ihren Absurditäten, Trivialitäten und Banalitäten, dann ist die Antwort darauf zu entsagen, sich zu sagen: »Ich halte mich fern davon.« Aber das Verlangen brennt noch genauso, alle Drüsen arbeiten. Man kann seine Drüsen nicht herausschneiden. Darum fordern sie Kontrolle, sagen, lass dich nicht von einer Frau in Versuchung führen, beachte den Himmel nicht, weil der Himmel von solch wunderbarer Schönheit ist, und die Schönheit dann die Schönheit einer Frau werden könnte, die Schönheit eines Hauses, die Schönheit eines Sessels, in dem du bequem sitzen kannst. Schau also nicht hin, kontrolliere es. Es gibt die haltlose Freizügigkeit, die Gegenreaktion auf Beschränkung und Kontrolle, und ebenso gibt es das Verfolgen einer Idee als Gott, derentwegen man das Verlangen kontrolliert.

Ein anderer Mann, den ich traf, hatte sein Zuhause mit zwanzig Jahren verlassen. Er war wirklich ein ziemlich außergewöhnlicher Bursche. Er war fünfundsiebzig, als er zu mir kam, er hatte sein Zuhause mit zwanzig verlassen, gab alles auf und wanderte von Lehrer zu Lehrer. Er ging zu … – ich werde keine Namen nennen, das wäre nicht richtig –, und dann kam er zu mir, sprach mit mir. Er sagte: »Ich ging zu all diesen Leuten und fragte sie, ob sie mir helfen könnten, Gott zu finden. Ich habe die Zeit zwischen meinem zwanzigsten und meinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr damit verbracht, durch ganz Indien zu wandern. Ich bin ein sehr ernsthafter Mann und nicht einer von ihnen hat mir die Wahrheit gesagt. Ich war bei den berühmtesten, bei den sozial aktivsten Leuten, die endlos über Gott reden. Nach all diesen Jahren kehre ich nach Haus zurück und habe nichts gefunden. Und nun kommen Sie, und Sie sprechen niemals über Gott, Sie sprechen niemals über den Weg zu Gott. Sie sprechen über Wahrnehmung, über »sehen, was ist« und das, was darüber hinausgeht. Nicht das «was ist«, ist das Wirkliche, sondern das Darüberhinausgehende.« Er war fünfundsiebzig.

A. W. Anderson: Fünfundfünfzig Jahre auf der Landstraße.

Krishnamurti: In Europa macht man das nicht. Er war im wahrsten Sinne des Wortes auf der Landstraße, bettelte sich von einem Dorf zum anderen durch. Als er es mir erzählte, war ich so gerührt, fast zu Tränen gerührt: Ein ganzes Leben damit zu verbringen, wie in der Geschäftswelt, fünfzig Jahre lang Tag für Tag ins Büro zu gehen, um am Ende zu sterben. Es ist dasselbe, nämlich Erfüllung von Verlangen: Geld, Geld, Geld, immer mehr Dinge, Dinge, Dinge. Und der andere Weg, nichts als ein Ersatz dafür. Wenn man das bedenkt, ist es schrecklich, was Menschen sich selbst und anderen angetan haben. Und wenn man das alles sieht, stellt man sich die Frage, wie man mit Verlangen leben kann? Man kann es nicht ändern: Verlangen ist da. In dem Moment, ich dem ich das sehe: Eine schöne Blume, die Bewunderung, die Liebe zu ihr, ihren Duft, die Schönheit der Blütenblätter, die Besonderheit der Blume und meine Freude daran, in dem Moment frage ich mich: Ist es möglich, ohne jegliche wie auch immer geartete Kontrolle zu leben?