Verlangen – Teil 4

A. W. Anderson: Schon die Frage im Zusammenhang mit all dieser Unordnung, über die Sie sprechen, ist erschreckend. Ich sehe das jetzt von der Seite aus, auf der sich jemand befindet, der aus Frustration zu Ihnen kommt, wie der Mann nach fünfundfünfzig Jahren auf der Landstraße. Sobald Sie diese Frage stellen und die Antwort negiert den ganzen Einsatz von fünfundfünfzig Jahren auf der Straße, scheint mir, dass die meisten Menschen auf der Stelle zu Eis erstarren würden.

Krishnamurti: Es ist auch eine sehr grausame Sache. Er hat fünfundfünfzig Jahre damit verbracht und erkennt plötzlich, was er getan hat. Die Grausamkeit der Täuschung, Selbsttäuschung, Täuschung durch Tradition, durch all die Lehrer, die zu Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle aufgerufen haben. Und er kommt und man fragt ihn: Welchen Stellenwert hat Kontrolle? Wir haben also stundenlang geredet, wir haben diskutiert und uns damit auseinandergesetzt. Allmählich sah er es. Also, ohne die Natur und die Struktur von Appetit und Verlangen zu verstehen, was mehr oder weniger dasselbe ist, können wir Vergnügen nicht wirklich tief verstehen, weil Vergnügen und Angst die zwei Prinzipien sind, die in allen Menschen aktiv sind. Und das ist Belohnung und Bestrafung. Sie wissen ja: »Erziehen Sie ein Kind nicht durch Bestrafung, sondern belohnen Sie es.« Psychologen befürworten so etwas, ohne die Angst zu verstehen, durch Untersuchen zu verstehen und die Wahrheit darin zu sehen – zu sehen, ob der Geist fähig ist, darüber hinauszugehen, vollkommen frei zu sein von Angst, wie wir es neulich diskutiert haben, und auch die Natur des Vergnügens zu verstehen, weil Vergnügen etwas Außerordentliches ist. Was ist falsch daran, etwas Schönes zu sehen und sich darüber zu freuen? Sehen Sie, was alles darin eingeschlossen ist.

A. W. Anderson: Richtig. Der Verstand spielt uns hier einen Streich. Ich sage zu mir, ich kann nichts Falsches dabei finden, darum ist es auch nicht falsch. Ich glaube das nicht notwendigerweise wirklich. Sie sprachen über die Versuche, das Verlangen durch Macht zu verneinen.

Krishnamurti: Weil das Verneinen von Verlangen ein Suchen nach Macht ist.

A. W. Anderson: Würden Sie sagen, dass man nach Macht sucht, um sich ein noch nicht erkanntes Vergnügen zu sichern? Das ist schrecklich.

Krishnamurti: Ja, das ist die Wirklichkeit. Nehmen Sie irgendein Magazin, da gibt es die Anzeigen, die halbnackten Damen usw. Vergnügen ist also ein sehr aktives Prinzip im Menschen, wie die Angst. Und wiederum hat die unmoralische Gesellschaft zur Kontrolle aufgefordert. Die eine Seite, die religiöse Seite sagt, kontrolliere, der Kommerz sagt, kontrolliere nicht, sondern genieße, kaufe, verkaufe. Verstehen Sie? Und der menschliche Verstand sagt, das ist alles richtig. Mein eigener Instinkt möchte Vergnügen haben und ich gebe dem nach. Aber Sonnabend, Sonntag oder Montag oder welchen Tag auch immer werde ich Gott widmen. Und dieses Spiel geht weiter, es ist schon immer weitergegangen. Was ist also Vergnügen? Warum sollte Vergnügen kontrolliert werden? Ich sage nicht, es ist richtig oder falsch, bitte lassen Sie uns das von Anfang an klarstellen, wir verdammen Vergnügen nicht. Wir sagen nicht, dass man ihm die Zügel schießen lassen soll, freien Lauf lassen soll, oder dass es unterdrückt oder gerechtfertigt werden muss. Wir versuchen zu verstehen, warum Vergnügen so außerordentlich wichtig in unserem Leben geworden ist, das Vergnügen an der Erleuchtung, Vergnügen am Sex, am Besitz, an Wissen und an Macht.

A. W. Anderson: Und vom Himmel, der als das äußerste Vergnügen angesehen wird, sprechen die Theologen gewöhnlich als dem zukünftigen Staat.

Krishnamurti: Also Vergnügen, Sich-Erfreuen und Freude. Es gibt diese drei Dinge und Glück. Sehen Sie, Freude ist Glück, Ekstase, Entzücken, das Gefühl eines enormen Sich-Erfreuens. Und in welcher Beziehung steht Vergnügen zu Sich-Erfreuen, zu Freude und zu Glück?

A. W. Anderson: Ja, wir haben uns auf einem langen Weg von der Angst bis hierhin bewegt. Ich meine damit aber nicht wegbewegt, indem wir ihr den Rücken zuwenden.

Krishnamurti: Nein, wir haben uns intensiv damit befasst, wir sehen die Bewegung von dort bis hierher, es ist kein Vergnügen durch Distanzierung. Wenn man etwas sehr Schönes sieht, empfindet man Entzücken, wenn man überhaupt empfindsam und achtsam ist, wenn man einen Sinn für die Beziehung zur Natur hat, was unglücklicherweise die wenigsten Menschen haben. Sie mögen das stimulieren, aber eine wirkliche Beziehung zur Natur hat man, wenn man etwas unglaublich Schönes sieht, wie einen Berg mit all seinen Schatten und Tälern, das ist wirklich etwas, ein enormes Entzücken. Sehen Sie, was dann geschieht: In diesem Moment gibt es nichts als das: Die Schönheit des Berges, des Sees oder des einzelnen Baumes auf einem Hügel. Diese Schönheit hat alles in mir zum Schweigen gebracht. Und in dem Moment gibt es keine Trennung zwischen mir und jenem, es gibt nur das Empfinden großer Reinheit und das Sich-Erfreuen.

A. W. Anderson: Ich glaube, wir haben jetzt einen Punkt erreicht, von dem aus wir einen Schritt weitergehen werden. Es ist überraschend, wie unausweichlich, aber nicht unerfreulich sich diese Dinge weiterentwickelt haben. In unserem nächsten Gespräch würde ich dies nur allzu gern weiterverfolgen.

21. Februar 1974