Vergnügen – Teil 1

A. W. Anderson: Als jemand, der Ihnen zuhört und versucht, etwas über die Innerlichkeit zu lernen, habe ich während unseres letzten Gespräches sehr beglückt den Weg verfolgt, den wir von der Angst bis zum Vergnügen zurücklegten. Ich hoffe, wir können unser Gespräch von dort aus weiterführen.

Krishnamurti: Wir sprachen über Vergnügen, Sich-Erfreuen, Entzücken, Freude und Glück und darüber, in welcher Beziehung Vergnügen zu Sich-Erfreuen, Freude und Glück steht. Ist Vergnügen Freude? Ist Vergnügen Sich-Erfreuen? Oder ist Vergnügen etwas vollkommen anderes?

A. W. Anderson: Im Englischen glauben wir, zwischen Vergnügen und Freude einen Unterschied zu machen, ohne notwendigerweise zu wissen, was wir meinen. Aber beim Verwenden dieser Wörter benachteiligen wir manchmal das Wort Freude; wir finden es merkwürdig, das Wort Vergnügen statt Freude zu benutzen, wenn wir das Wort Freude für passend halten. Die Beziehung zwischen den englischen Worten »please und pleasure« – auf deutsch bitte und Vergnügen – interessiert mich sehr. Wir sagen zu jemandem, bitte setzen Sie sich. Dies ist eine Einladung, keine Bitte.

Krishnamurti: Haben Sie das Vergnügen, sich zu setzen. Ich möchte in Frage stellen, ob Vergnügen irgendeine Beziehung zu Freude hat. Gibt es einen Übergang vom Vergnügen zur Freude? Gibt es da eine Verbindung? Was ist Vergnügen? Ich finde Vergnügen am Essen, am Spazierengehen, am Geldscheffeln. Ich finde Vergnügen an Dutzenden von Dingen, an Sex, am Verletzen von Menschen, an sadistischen Instinkten und an Gewalt. Das alles sind Formen von Vergnügen. Ich finde Vergnügen daran und gehe ihm nach. Man möchte Menschen verletzen, das macht großes Vergnügen. Man möchte Macht haben, egal ob über den Koch, die Ehefrau oder über tausend Leute, es ist dasselbe. Es ist das Vergnügen, das aufrechterhalten, genährt und am Laufen gehalten wird. Und wenn dieses Vergnügen vereitelt wird, dann wird es zu Gewalt, Angst, Eifersucht, Zorn, Zerstörungswut, zu allen möglichen neurotischen Aktivitäten. Was ist also Vergnügen und was hält es am Laufen? Was bedeutet das Streben danach, die ständige Ausrichtung darauf? Ich sehe etwas, das ich mag und möchte es haben: Vergnügen am Besitz.

Ein Kind, ein Erwachsener und ein Priester, sie alle haben dieses Vergnügen an Besitz: Ein Spielzeug, ein Haus oder Wissen zu besitzen, die Idee von Gott zu besitzen, das Vergnügen der Diktatoren – absolute Brutalität – zu besitzen. Um es ganz, ganz einfach zu machen: Was ist Vergnügen? Sehen Sie, was passiert: Auf dem Hügel ein einzelner Baum, auf einer grünen Wiese Rehe. Sie sehen das und sagen, wie wunderschön – nicht wörtlich, nicht so wie Sie es sagen, wenn Sie sich jemandem mitteilen möchten – weil Sie ganz bei sich sind, und weil Sie sehen, dass dies wirklich von erstaunlicher Schönheit ist. Die ganze Bewegung der Erde, die Blumen, die Rehe, die Wiesen, das Wasser und der einzelne Baum, die Schatten. Sie sehen alles und es nimmt Ihnen den Atem. Und Sie drehen sich um und gehen weg. Dann kommt der Gedanke und sagt, wie außergewöhnlich war das doch, ich muss es wiederhaben. Ich muss dieses selbe Gefühl, das ich für zwei Sekunden oder fünf Minuten hatte, noch einmal haben. Sehen Sie, was stattgefunden hat. Es gab eine sofortige Antwort auf diese Schönheit, ohne Worte, ohne Emotionen, ohne Sentimentalität, ohne Romantik. Dann kommt der Gedanke und sagt, wie außergewöhnlich, wie köstlich war es doch. Und dann gibt es die Erinnerung daran, das Verlangen danach und den Wunsch nach Wiederholung.

Der Gedanke also nährt, stützt und zeigt das Vergnügen. Es gab kein Vergnügen im Moment der Wahrnehmung des Baumes, des Hügels, der Schatten, der Rehe, des Wassers und der Wiesen. Das alles fand ohne Worte, ohne Romantik statt, es war Wahrnehmung. Es hatte weder mit mir noch mit Ihnen zu tun, es war da. Dann schaltet sich das Denken ein und formt die Erinnerung daran, morgen die Fortsetzung dieser Erinnerung, das Verlangen danach und die Bemühungen darum. Und wenn ich morgen darauf zurückkomme, ist es nicht mehr dasselbe. Ich bin ein bisschen schockiert. Ich sage mir, ich war inspiriert, ich muss Wege finden, um wieder inspiriert zu werden; darum trinke ich etwas, habe Sex oder dieses oder jenes. Sehen Sie, was geschieht. Das Vergnügen wird durch den Gedanken genährt – sexuelles Vergnügen, das Bild, der Gedanke daran, all das und seine Wiederholung, und das Vergnügen daran. Und so macht man weiter, immer weiter. Routine. Welche Beziehung besteht nun zwischen dem Vergnügen und dem Entzücken des Augenblicks, man kann es nicht einmal Entzücken nennen, es ist etwas, das man nicht ausdrücken kann. Gibt es also irgendeine Beziehung zwischen Vergnügen und Sich-Erfreuen? Sich-Erfreuen wird zum Vergnügen, wenn der Gedanke sagt, ich habe mich erfreut, ich muss mehr davon haben.

Also hat Vergnügen keine Beziehung zur Ekstase, zum Entzücken, zum Sich-Erfreuen oder zur Freude und zum Glück. Denn Vergnügen ist die Bewegung des Denkens in eine Richtung, einerlei in welche, aber in eine Richtung. Das andere hat keine Richtung. Sich-Erfreuen heißt einfach, Sie erfreuen sich. Freude ist etwas, das man ebenso wenig einladen kann wie Glück. Es geschieht, und Sie wissen nicht einmal, dass Sie in diesem Augenblick glücklich sind. Erst im nächsten Moment sagen Sie sich, wie beglückend, wie wunderbar es war. Kann der Verstand, das Gehirn, die Schönheit dieses Hügels, des Baumes, des Wassers und der Wiesen registrieren und es auf sich beruhen lassen, ohne zu sagen, ich wünsche es mir wieder?