Vergnügen – Teil 2

A. W. Anderson: Ja, das würde uns zurückbringen zu dem, worüber wir früher sprachen, zu dem Wort Verneinung, denn es muss da einen Augenblick geben, in dem wir im Begriff sind aufzuhören, und Sie sagen, in dem Moment »des Aufhörens« muss etwas getan werden.

Krishnamurti: Sie werden gleich sehen, dass etwas Außergewöhnliches stattfindet. Ich sehe das Vergnügen, die Freude und das Glück und ich sehe, dass das Vergnügen keine Beziehung zu Freude und Glück hat. Der Gedanke also gibt die Richtung an und nährt das Vergnügen. Richtig? Jetzt fragt der Verstand: Kann es eine Nichteinmischung des Denkens in die Freude geben? Ich freue mich. Warum sollte sich das Denken überhaupt einmischen? Daher erhebt sich die Frage, wie der Verstand, das Gehirn das Denken daran hindern kann, in die Freude einzudringen, sich einzumischen. Darum sagten die alten Griechen und religiösen Menschen: »Kontrolliere das Denken. Lass es sich nicht einschleichen. Kontrolliere es!«

A. W. Anderson: Sobald es sein hässliches Haupt hebt, schlag es ab. Es ist wie eine Hydra.

Krishnamurti: Wie eine Hydra, die weiterwächst. Ist es nun möglich, sich zu erfreuen, sich an dieser lieblichen Szene zu freuen, ohne dass sich das Denken einschleicht? Ist das möglich? Ich werde Ihnen zeigen, dass es möglich ist, absolut möglich, wenn Sie in jenem Moment aufmerksam sind, absolut aufmerksam. Seien Sie ganz da. Wenn Sie einen Sonnenuntergang ansehen, tun Sie es ganz. Wenn Sie die schöne Linienführung eines Autos sehen, dann sehen Sie diese an und lassen Sie keinen Gedanken zu. Das heißt, seien Sie in diesem Augenblick höchst aufmerksam, vollkommen aufmerksam, mit Ihrem Geist, mit Ihrem Körper, Ihren Nerven, Ihren Augen, Ihren Ohren, alles muss aufmerksam sein. Dann tritt das Denken überhaupt nicht in Aktion. Das Vergnügen steht also in Beziehung zum Denken und das Denken führt zur Aufteilung in Vergnügen und Nichtvergnügen. Wenn ich also kein Vergnügen habe, muss ich ihm nachjagen, und deswegen das Gefühl von Frustration, Angst, Gewalt – all das kommt hinzu. Es gibt das Ablehnen des Vergnügens, wie es die religiösen Menschen getan haben. Sie sind sehr gewalttätig. »Auf keinen Fall Vergnügen« – haben sie gesagt.

A. W. Anderson: Die Ironie darin ist überwältigend. Thomas von Aquin wurde bei der Untersuchung des Denkens niemals müde zu sagen, man müsse unterscheiden, um zu verbinden. Sein Motiv unterscheidet sich sehr von dem, wie er gemeinhin gelesen wurde, denn wir haben es geschafft zu unterscheiden, sehen aber niemals das Ganze und kommen nicht zur Vereinigung.

Krishnamurti: Das ist der springende Punkt. Solange der Verstand die Natur des Denkens nicht sehr, sehr tiefgehend versteht, bedeutet bloße Kontrolle nichts. Persönlich habe ich niemals etwas kontrolliert. Das mag ziemlich absurd klingen, ist aber eine Tatsache. Niemals. Aber ich habe es beobachtet. Beobachtung hat ihre eigene Disziplin und ihr eigenes Handeln. Disziplin im Sinne von Korrektheit, im Sinne von Vortrefflichkeit, nicht von Anpassung, nicht von Unterdrückung, indem Sie sich selbst einem Muster angleichen. Wenn Sie etwas sehen, warum sollten Sie sich kontrollieren? Warum sollten Sie sich kontrollieren, wenn Sie eine Flasche mit Gift auf dem Regal sehen? Sie kontrollieren sich nicht. Sie sagen, das ist Gift. Sie trinken nicht davon, Sie rühren es nicht an, außer wenn ich das Etikett auf der Flasche nicht genau lese, oder sie aus Höflichkeit nehme. Wenn ich aber das Etikett lese und weiß, was in der Flasche ist, rühre ich sie nicht an. Ohne Kontrolle.

A. W. Anderson: Natürlich nicht. Es versteht sich von selbst. Das erinnert mich an diese wundervolle Geschichte im Evangelium über Petrus, der während eines Sturmes seinen Herrn auf dem Wasser wandeln sieht und von ihm aufgefordert wird, dasselbe zu tun. Er schafft es auch wirklich, ein paar Schritte zu machen, und dann heißt es im Evangelium, er habe sein Vertrauen verloren. Mir scheint, man könnte es so sehen, wie Sie es sagten: In dem Moment, als der Gedanke dazwischentrat, ging er unter.

Ich komme aus folgendem Grund darauf zurück. Ich habe aus dem, was Sie sagen, den Eindruck gewonnen, dass es eine Unterstützung von etwas gibt, das nicht bruchstückhaft ist, von einem bleibenden »etwas«, das der Person Rückhalt zu geben scheint.

Krishnamurti: Das würde ich nicht so sagen, weil das die Idee zulässt, Gott sei in Ihnen, das Höhere Selbst, Atman, das Ewige sei in Ihnen. Aber dieses können wir immerhin sagen: Den Appetit zu sehen, den Wunsch, die Folgen, die Struktur des Vergnügens und dass es keine Verbindung mit dem Sich-Erfreuen und der Freude hat, all das zu sehen, nicht verbal, sondern tatsächlich zu erkennen, durch Beobachtung, durch Aufmerksamkeit, durch Sorgfalt, durch äußerste Sorgfalt, das lässt Intelligenz einer außerordentlichen Qualität entstehen. Schließlich ist Intelligenz Empfindsamkeit. Höchste Empfindsamkeit beim Sehen – wenn man das als Intelligenz bezeichnet, dann hat das Höhere Selbst oder wie man das nennt keine Bedeutung. Diese Intelligenz entsteht beim Beobachten. Und diese Intelligenz wirkt immer, wenn Sie schauen.