Vergnügen – Teil 3

Ich habe mein ganzes Leben lang Menschen gesehen, die sich kontrolliert haben, Menschen, die verleugnet, verneint haben, Menschen, die geopfert haben, die wütend unterdrückt haben, sich selbst diszipliniert und gequält haben. Und ich frage, wofür? Für Gott? Für die Wahrheit? Ein Geist, der gequält, verbogen und brutalisiert wurde, kann ein solcher Geist die Wahrheit sehen? Gewiss nicht. Man braucht einen vollkommen gesunden Geist, einen Geist, der ganz ist, der in sich selbst heilig ist. Wenn der Geist nicht heilig ist, kann nicht gesehen werden, was heilig ist. Also sage ich, es tut mir leid, aber ich würde mich mit keinem dieser Dinge befassen; sie haben keine Bedeutung. Ich weiß also nicht, wie es geschah, dass ich mich niemals, auch nur für eine Sekunde kontrolliert habe. Ich weiß nicht, was es bedeutet. Sie sehen, Disziplin hat eine andere Bedeutung.

Wenn Sie Vergnügen verstehen, wenn Sie seine Beziehung zum Sich-Erfreuen und zur Schönheit des Glücks, der Freude verstehen, dann erkennen Sie die dringende Notwendigkeit einer anderen Art von Disziplin, die auf ganz natürliche Weise kommt. Disziplin bedeutet zu lernen. Lernen, nicht sich anpassen, nicht sagen: Ich muss mich disziplinieren, um zu sein oder nicht zu sein wie ein anderer. Lernen bedeutet, ich muss fähig sein zu hören und zu sehen. Und das ist eine Fähigkeit, die nicht kultivierbar ist. Man kann eine Fähigkeit kultivieren, aber das ist nicht dasselbe wie die Handlung des Zuhörens. Die Fähigkeit zu lernen erfordert eine bestimmte Disziplin. Ich muss mich konzentrieren, ich muss mir Zeit dafür nehmen und meinen Bemühungen eine bestimmte Richtung geben. Es kostet also Zeit, eine gewisse Fähigkeit zu entwickeln.

Aber Wahrnehmung hat nichts mit Zeit zu tun. Sie sehen etwas und handeln, wie Sie es bei Gefahr tun. Sie handeln sofort, weil Sie so auf Gefahr konditioniert sind. Die Konditionierung ist keine Intelligenz. Sie sind eben konditioniert. Sie sehen eine Schlange und prallen zurück. Sie rennen weg. Sie sehen ein gefährliches Tier und laufen. Das alles sind konditionierte Reaktionen des Selbstschutzes. Das ist sehr einfach. Aber Wahrnehmung plus Handlung ist nicht konditioniert. Üblicherweise sind Menschen heutzutage konditioniert durch die Kultur und die Zivilisation, in der sie leben. Zum Beispiel akzeptieren sie Nationalismus, die Fahne und was dazu gehört. Aber Nationalismus ist eine der Ursachen des Krieges, wie Patriotismus. Wir sehen jedoch die Gefahr des Nationalismus nicht, denn wir sind auf Nationalismus als Sicherheitsfaktor konditioniert. Disziplin bedeutet Lernen; ich lerne über das Vergnügen, der Verstand lernt über Vergnügen. Lernen schafft seine eigene Ordnung. Und diese Ordnung sagt: Sei nicht dumm, die Kontrolle ist beendet. Aus. Eines Tages kam ein Mönch zu mir. Er hatte viele Anhänger, war sehr bekannt und ist es immer noch. Er erzählte, er habe seine Jünger unterrichtet und er war sehr stolz darauf, tausende von Jüngern zu haben. Mir schien das ziemlich absurd für einen Guru, stolz zu sein.

A. W. Anderson: Er war sehr erfolgreich.

Krishnamurti: Erfolg bedeutet Cadillac oder Rolls Royce, europäische und amerikanische Anhänger, und das ganze Theater geht immer so weiter. Er sagte: »Ich habe es geschafft, weil ich es gelernt habe, meine Sinne, meinen Körper, meine Gedanken und meine Wünsche zu kontrollieren. Ich habe sie in Schach gehalten, wie die Bhagavadgita sagt: Zügeln, wenn du reitest, im Griff haben.« Er verbreitete sich noch eine ganze Weile darüber, bis ich sagte: »Sir, was kommt schließlich dabei heraus? Sie haben sich kontrolliert. Was erreichen Sie letzten Endes damit?« Er antwortete: »Was für eine Frage, ich habe es geschafft.« »Was haben Sie geschafft?« »Ich habe die Erleuchtung erreicht.« Hören Sie sich das an, achten Sie auf den Handlungsablauf eines Menschen, der eine bestimmte Richtung verfolgt, die er Wahrheit nennt. Und um das zu erreichen, gibt es die traditionellen Stufen, den traditionellen Pfad, die traditionelle Annäherung. Und das hat er gemacht. Und darum sagt er: »Ich habe es erreicht. Ich besitze es, und ich weiß, was es ist.« Ich sagte: »In Ordnung, Sir.« Er wurde sehr aufgeregt, weil er mich davon überzeugen wollte, dass er ein ganz großer Mann sei. Und weil ich ganz ruhig dasaß und ihm zuhörte, beruhigte er sich wieder. Wir saßen am Meer und ich fragte ihn: »Sehen Sie das Meer, Sir?« »Natürlich«, antwortete er. »Können Sie das Wasser in Ihrer Hand halten? Wenn Sie das Wasser in der Hand halten, ist es nicht mehr das Meer.« Er kam nicht dahinter. Ich sagte: »Nun gut.« Von Norden wehte eine leichte, kühle Brise. »Wir haben eine Brise, können Sie sie festhalten?« »Nein.« »Können Sie die Erde festhalten?« »Nein.« »Was können Sie also festhalten? Worte?« Wissen Sie, daraufhin wurde er so zornig, dass er sagte: »Ich werde Ihnen nicht mehr zuhören, Sie sind ein bösartiger Mensch!« Und fort ging er.

Zu lernen, was Vergnügen und Angst bedeuten, befreit Sie wirklich von den Qualen der Angst und der Jagd nach Vergnügen. Dann gibt es das Gefühl wahrhafter Freude im Leben. Alles wird dann zu großer Freude. Das Leben ist dann nicht mehr nur monotone Routine, arbeiten gehen, Sex und Geld. Daran erkennen Sie, dass Disziplin im konventionellen Sinne keinen Platz in einem Geist hat, der wirklich lernen will, was Wahrheit ist, nicht über Wahrheit philosophieren oder theoretisieren will – sie sozusagen packen will –, sondern darüber lernen und also lernen, was Vergnügen ist. Aus diesem Lernen entsteht tatsächlich ein besonderer Sinn für Ordnung, für die Ordnung, die entsteht, wenn wir das Vergnügen in uns selbst beobachten. Und es gibt Freude, ein wunderbares Gefühl, jedes Sichfreuen zu beenden, indem man jeden Moment durchlebt. Sie tragen die vergangene Freude nicht weiter, denn dann wird sie zum Vergnügen und ist ohne Sinn. Wiederholung von Vergnügen ist monoton und langweilig. Und man ist in diesem und anderen Ländern gelangweilt, hat das Vergnügen satt. Aber sie wollen Vergnügen auf anderen Gebieten. Und darum sprießen in diesem Land die Gurus wie Pilze aus dem Boden, weil alle wollen, dass der Zirkus immer weitergeht. Disziplin ist also Ordnung und Disziplin bedeutet, zu lernen, was Vergnügen, Sich-Erfreuen, Freude und die Schönheit der Freude ist. Wenn man lernt, ist es immer neu. Übung ist Routine, ist Tod.