Vergnügen – Teil 4

Alle sagen, Freiheit steht erst am Ende, nicht am Anfang. Im Gegenteil, der Anfang, der erste Schritt ist es, der zählt, nicht der letzte Schritt. Das Verstehen der ganzen Frage von Angst, Vergnügen und Freude kann nur kommen, wenn man in Freiheit beobachtet. Und in der Beobachtung liegt das Lernen und Handeln. Beide bedeuten dasselbe und geschehen gleichzeitig, nicht zuerst das Lernen und dann das Handeln. Das Tun und das Sehen, alles findet zur gleichen Zeit statt. Es ist ein Ganzes.

Es ist wirklich eine Frage der Aufmerksamkeit, ob Sie nun essen oder ob Sie Vergnügen beobachten. Mit der Aufmerksamkeit müssen wir uns sehr, sehr eingehend befassen. Was es bedeutet aufzumerken, ob wir überhaupt auf etwas achten oder ob es nur ein oberflächliches Zuhören, Hören und Sehen ist, das wir Aufmerksamkeit nennen. Oder ist Handeln das Ergebnis von Wissen? Ich empfinde es so, dass Aufmerksamkeit nichts mit Wissen oder Handeln zu tun hat. In der Aufmerksamkeit selbst ist Handlung. Wir müssen uns noch einmal mit der Frage befassen, was Handlung ist.

A. W. Anderson: Ja, ich sehe eine Beziehung zwischen dem, was Sie gerade über die Handlung gesagt haben und dem, was wir bei einer früheren Unterhaltung Bewegung nannten, Weiterbewegung. Als Sie erzählten, wie Sie den Baum auf dem Hügel betrachteten, erinnerte ich mich an den Aufenthalt in einem Ashram in Indien. Als ich in mein Quartier kam, saß auf der Fensterbank eine Äffin mit ihrem Baby und sah mir ins Gesicht. Auch ich blickte ihr voll ins Gesicht, jedoch glaube ich, dass sie intensiver schaute. Ich hatte das sonderbare Gefühl, tatsächlich ein Mensch zu sein, der von diesem Affen durchschaut wurde. Es war ein großer Schock für mich.

Krishnamurti: Ich befand mich in Benares, dort, wohin ich immer gehe und machte meine Yoga-Übungen, als eine große schwarze Äffin mit einem schwarzen Gesicht und einem langen Schwanz näher kam und sich auf die Veranda setzte. Ich hatte meine Augen geschlossen und als ich sie wieder öffnete, war da diese große Äffin. Sie sah mich an und ich sah sie an. Eine große Äffin. Das sind kräftige Tiere. Und sie streckte ihre Hand aus; ich stand also auf und hielt ihre Hand, einfach so, hielt sie. Es war eine raue, aber außerordentlich geschmeidige Hand. Wir sahen einander an, und sie wollte zu mir ins Zimmer kommen. Ich sagte: »Schau mal, ich mache gerade meine Übungen, ich habe nur wenig Zeit, komm bitte ein anderes Mal wieder.« In gewisser Weise sprach ich mit ihr. Sie sah mich also an, und ich trat zurück. Sie blieb noch zwei oder drei Minuten und ging dann langsam weg.

Es gab keine Furcht: Sie hatte keine Angst, und ich hatte keine. Es muss Kommunikation zwischen uns gewesen sein, ein Gefühl von Freundschaft, wissen Sie, ohne jede Feindseligkeit, ohne jede Angst. Und ich glaube, Aufmerksamkeit ist nicht etwas, das man üben und kultivieren kann. Man kann nicht in eine Schule gehen und Aufmerksamkeit lernen. In diesem und in anderen Ländern machen sie das, sie sagen: Ich weiß nicht, was Aufmerksamkeit ist, ich werde es von jemandem lernen, der mir sagen wird, wie man sie bekommt. Aber dann ist das keine Aufmerksamkeit. Darum glaube ich, dass im Aufmerksamsein große Fürsorge und Zuneigung enthalten ist, was sorgfältiges Beobachten bedeutet und genaues »Lesen, was ist, was dasteht«, ohne zu interpretieren, ohne zu übersetzen, ohne sich zusätzlich etwas auszudenken, sondern nur lesen, was da steht. Es gibt da unendlich viel zu sehen. Es gibt im Vergnügen enorm viel zu sehen und zu verstehen. Und um das zu tun, muss man achtsam, aufmerksam, vorsichtig und sorgfältig sein. Aber wir sind im Gegenteil nachlässig.

Was ist falsch am Vergnügen? Was wir getan haben, ist, diese ganze Landkarte wirklich zu lesen. Wir fingen bei der Verantwortung an und gingen zu Beziehung, Angst und Vergnügen über. Wir haben eben diese ganz außerordentliche Landkarte unseres Lebens beobachtet.

A. W. Anderson: Die Schönheit liegt darin, dass wir uns innerhalb des Interesses an der Transformation des Menschen, die nicht von Wissen und Zeit abhängt, bewegt haben, ohne uns Sorgen zu machen, ob wir das Thema verfehlen. Es geschieht auf ganz natürliche Weise. Ich nehme an, für Sie ist das keine Überraschung.

Krishnamurti: Und darum ist es auch richtig, in der Gemeinschaft von Weisen zu leben. Leben Sie mit einem Menschen, der wirklich weise ist, nicht mit Leuten, die Sie irreführen, nicht mit Büchern, nicht indem Sie Kurse besuchen, wo Weisheit gelehrt wird. Weisheit ist etwas, das mit dem Sich-selbst-Erkennen kommt.

A. W. Anderson: Das erinnert mich an eine Hymne in den Veden, die von der Göttin der Rede sagte, sie erscheine niemals, es sei denn unter Freunden. Dies bedeutet, dass ohne Fürsorge und Zuneigung – wie Sie erwähnten, begleiten beide ständig die Aufmerksamkeit – nur Geschwätz zustande kommt.

Krishnamurti: Was von der modernen Welt noch gefördert wird. Das bedeutet wieder das oberflächliche Vergnügen, kein Sich-Erfreuen. Oberflächliche Vergnügungen sind zum Fluch geworden. Dahinter zu schauen, macht den Menschen die größten Schwierigkeiten.

A. W. Anderson: Weil es immer schnelllebiger zugeht.

Krishnamurti: Genau das ist es, was die Erde zerstört, die Luft, alles. Jedes Jahr fahre ich an einen Ort in Indien, wo es eine Schule gibt, die mir am Herzen liegt. Die Hügel dort sind die ältesten Hügel der Welt. Nichts wurde dort verändert, es gibt dort keine Bulldozer, keine Häuser, es ist ein alter Ort in diesen alten Hügeln. Und man fühlt das Gewaltige der Zeit, es herrscht absolute Unbewegtheit – die so weit weg von der Zivilisation mit all ihrem Zirkus ist. Und wenn Sie dort hingehen, spüren Sie diese äußerste Ruhe, die von der Zeit nicht berührt wurde. Und wenn Sie diesen Platz verlassen und zur Zivilisation zurückkehren, fühlen Sie sich ziemlich verloren, ein Gefühl von »Was soll das alles?« Warum gibt es soviel Lärm um nichts? Darum ist es so merkwürdig und so einladend, ein großes Entzücken, alles so zu sehen, wie es ist, mich selbst eingeschlossen. Zu sehen, was ich bin, nicht durch die Augen eines Professors, eines Psychologen, eines Gurus, eines Buches, nur zu sehen, was ich bin, und zu lesen, was ich bin. Denn die ganze Geschichte ist in mir, verstehen Sie?

A. W. Anderson: Natürlich. Es liegt eine unglaubliche Schönheit darin.

21. Februar 1974