Kummer, Leidenschaft und Schönheit – Teil 1

A. W. Anderson: Wir haben über die Angst und ihre Beziehung zur Transformation des einzelnen gesprochen, die nicht von Wissen oder Zeit abhängt. Von dort kamen wir auf Vergnügen und als wir unser Gespräch beendeten, kam die Frage der Schönheit auf.

Krishnamurti: Man fragt sich oft, warum Museen so angefüllt mit Bildern und Statuen sind. Hat der Mensch die Verbindung mit der Natur verloren und muss darum ins Museum gehen, um anderer Leute berühmte Bilder anzuschauen, von denen einige wirklich außerordentlich schön sind? Warum existieren Museen überhaupt? Das ist nur eine Frage. Ich sage nicht, sie sollen oder sollten nicht existieren. Ich bin überall in der Welt in so vielen Museen von Experten herumgeführt worden, und mir schien, ich würde Dinge betrachten, die überaus künstlich sind, so als hätten Leute dargestellt, was sie für Schönheit hielten. Und ich fragte mich: Was ist Schönheit? Denn wenn Sie ein Gedicht von Keats lesen, ein Gedicht lesen, das ein Mann wirklich mit seinem Herzen und aus sehr tiefem Empfinden heraus schreibt, dann will er Ihnen etwas von dem übermitteln, was er empfindet, was er als die erlesenste Essenz von Schönheit ansieht.

Und ich habe mir, wie vermutlich auch Sie, viele Kathedralen überall in Europa angeschaut, und auch dort hat der Mensch seine Empfindung, Hingabe, Ehrfurcht in Mauerwerk, in wunderbaren Gebäuden ausgedrückt. Wenn ich all dies anschaue, bin ich immer wieder überrascht, wenn Leute über Schönheit sprechen oder schreiben, gleichgültig, ob die Schönheit von Menschen geschaffen ist, ob sie in der Natur zu sehen ist oder ob sie nichts mit Stein, Farbe und Wörtern zu tun hat, sondern etwas ist, das es tief innen gibt. Im Dialog mit sogenannten Experten scheint es mir häufig, als sei moderne Malerei, moderne Musik, Pop-Musik immer etwas, das von »weit draußen« herrührt, und schrecklich künstlich wirkt. Vielleicht irre ich mich.

Was aber ist Schönheit? Muss sie überhaupt ausgedrückt werden? Das ist die eine Frage. Bedarf sie des Wortes, des Steines, der Farbe? Oder ist sie etwas, das überhaupt nicht in Worten, in einem Bauwerk oder in einer Statue ausgedrückt werden kann? Lassen sie uns also zunächst diese Frage nach der Schönheit vertiefen. Um sie wirklich tief zu erforschen, muss man wissen oder verstehen, was Leiden ist, weil es ohne Leidenschaft keine Schönheit geben kann, Leidenschaft nicht im Sinne von sinnlicher Begierde, sondern der Leidenschaft, die durch großes Leid entsteht.

Wenn wir nicht davor fliehen, sondern im Leid bleiben, entsteht diese Leidenschaft. Leidenschaft bedeutet das totale Aufgeben des Ich, des Selbst, des Ego. Und dadurch entsteht große Schlichtheit, nicht die Schlichtheit, wie sie von religiösen Leuten gemäß dem Ursprung des Wortes (Asche, Herbheit und Strenge) interpretiert worden ist, sondern die Schlichtheit großer Schönheit. Ein wahrer Sinn für Würde und Schönheit ist im Grunde genommen schlicht. Und schlicht zu sein, nicht verbal oder idealisiert, sondern wirklich schlicht zu sein, bedeutet die totale Aufgabe, das Loslassen des Ich. Und das kann nicht stattfinden, wenn man nicht zutiefst verstanden hat, was Leiden ist. Denn das Wort Leidenschaft leitet sich von dem Wort Leid ab, seine Wurzel ist Leid. Die Menschen sind immer vor dem Leid davongelaufen. Ich glaube, es hat eine sehr tiefe Beziehung zur Schönheit, aber das heißt nicht, dass man leiden soll.

Wir müssen jetzt ein wenig langsamer vorgehen, ich bin zu schnell. Zunächst einmal setzen wir voraus, dass wir wissen, was Schönheit ist. Wir sehen einen Picasso, Rembrandt oder Michelangelo und denken: Wie wunderbar. Wir denken, dass wir es wissen. Wir haben es in Büchern gelesen, Experten haben darüber geschrieben usw. Wir lesen es und sagen ja. Wir eignen es uns durch andere an. Wenn man aber wirklich erforschen will, was Schönheit ist, bedarf es großer Demut.

Man muss damit beginnen, indem man sagt: Ich weiß nicht, was Schönheit wirklich ist. Ich kann mir vorstellen, was Schönheit ist, ich habe gelernt, was Schönheit ist. Man hat es mich an Schulen und Hochschulen gelehrt, ich habe Bücher gelesen und geführte Exkursionen mitgemacht, tausende Museen besucht; aber um wirklich die Tiefe von Schönheit zu entdecken, die Tiefe von Farbe, die Tiefe von Empfindung, muss der Verstand in großer Demut beginnen. Ich weiß nicht. Genau wie man wirklich nicht weiß, was Meditation ist. Man glaubt es zu wissen. Wir werden über Meditation zu gegebener Zeit diskutieren. Um die Schönheit zu untersuchen, bedarf es großer Demut, verbunden mit Nichtwissen. Genau dieses Nichtwissen hat Schönheit.

A. W. Anderson: Ich habe genau zugehört und versuche, mich der von Ihnen definierten Beziehung zwischen Schönheit und Leiden zu öffnen.

Krishnamurti: Sehen Sie, der Mensch leidet, nicht nur persönlich, sondern es gibt dieses ungeheure Leiden der Menschheit. Es ist etwas, das das Universum durchdringt. Der Mensch hat über Jahrhunderte körperlich, psychisch und spirituell auf jede Weise gelitten. Die Mutter weint, weil der Sohn getötet wurde, die Frau weint, weil ihr Mann durch Krieg oder Unfall verstümmelt wurde – es gibt ungeheures Leid in der Welt, und es ist etwas wirklich Ungeheures, sich dieses Leidens bewusst zu sein. Ich glaube nicht, dass die Leute sich dieses riesengroßen Leids, das in der Welt existiert, bewusst sind, geschweige denn es empfinden. Sie sind derart mit ihren eigenen persönlichen Sorgen beschäftigt, dass sie das Leid eines armen Menschen in einem kleinen Dorf in Indien oder China, der vielleicht niemals eine volle Mahlzeit, saubere Kleidung und ein bequemes Bett hat, übersehen. Es gibt das Leid Tausender von Menschen, die im Krieg getötet werden. Es werden unter der Tyrannei und dem Terror totalitärer Regime aus ideologischen Gründen Millionen von Menschen erschossen.