Kummer, Leidenschaft und Schönheit – Teil 2

Es gibt also all dieses Leid in der Welt. Und es gibt auch das persönliche Leid. Ohne es wirklich sehr, sehr tief zu verstehen und aufzulösen, kann aus dem Leid keine Leidenschaft entstehen. Und wie kann man Schönheit ohne Leidenschaft sehen? Man kann intellektuell an einem Gemälde oder einem Gedicht oder einer Statue Gefallen finden, aber Sie brauchen diese große Empfindung eines inneren Ausbruchs von Leidenschaft, einer Explosion von Leidenschaft. Das schafft in sich selbst die Sensibilität, die Schönheit sehen kann. Darum halte ich es für so wichtig, Leid zu verstehen. Ich glaube, dass es eine Beziehung zwischen Schönheit, Leidenschaft und Leid gibt.

A. W. Anderson: Mich interessiert die Reihenfolge dieser Wörter: Schönheit, Leidenschaft, Leid. Wenn man dies in Beziehung zur Wandlung setzt, über die wir gesprochen haben, dann verstehe ich es so, dass es einen Weg von Leid über Leidenschaft zu Schönheit gibt.

Krishnamurti: Das ist richtig. Wenn ich mich nicht irre, wird das Leid in der christlichen Welt auf eine Person übertragen und durch diese Person entfliehen wir irgendwie dem Leid, wenigstens hoffen wir, dem Leid zu entfliehen. Und in der östlichen Welt wird das Leid durch die Doktrin des Karmas rationalisiert. Wie Sie wissen, bedeutet das Wort Karma »tun«. Und dort glauben sie an Karma. Das bedeutet, dass man für alles, was man im letzten Leben getan hat, in der Gegenwart bezahlen muss oder aber belohnt wird. Es gibt also diese beiden Methoden des Entfliehens. Und es gibt tausend andere Möglichkeiten des Entfliehens – Whisky, Drogen, Sex, Besuch einer Messe usw.

Der Mensch hat sich den Dingen nie gestellt. Er hat entweder immer Trost im Glauben, in einer Handlung, in der Identifizierung mit etwas Größerem als er selbst gesucht, aber er hat niemals gesagt: »Ich muss sehen, was dies ist, ich muss es selbst ergründen und es nicht an andere delegieren. Ich muss es erforschen, ich muss mich ihm stellen, ich muss es anschauen, ich muss wissen, was es ist.« Wenn also das Bewusstsein vor dem Leid nicht flüchtet, weder vor dem persönlichen, noch dem Leid der Menschheit, wenn Sie nicht fliehen, wenn Sie nicht rationalisieren, wenn Sie nicht versuchen, darüber hinaus zu gehen, wenn Sie sich nicht davor fürchten, dann bleiben Sie mit dem Leiden. Weil jede Bewegung weg von dem, »was ist«, Streuung von Energie ist, hindert es Sie am wirklichen Verstehen dessen, »was ist«.

»Was ist« ist Leid. Und wir finden Mittel und Wege und Listen, um es zu fliehen. Wenn es aber keine Fluchtmöglichkeit gibt, dann bleiben Sie mit ihm. Ich weiß nicht, ob Sie das jemals getan haben, weil es im Leben eines jeden ein Ereignis, ein Geschehen gibt, das entsetzliches Leid bringt. Es kann ein Ereignis, ein Wort, ein Unfall, ein erschütterndes Gefühl absoluter Verlassenheit sein. Diese Dinge geschehen und mit ihnen entsteht ein Gefühl äußersten Leides. Wenn nun der Geist bei diesem bleiben kann, sich nicht davon entfernt, dann entsteht daraus Leidenschaft. Nicht die herangezüchtete Leidenschaft, nicht der künstliche Versuch, leidenschaftlich zu sein, sondern die Bewegung von Leidenschaft wird aus dem »Sich-nicht-vom-Leid-Zurückziehen« geboren. Sie entsteht durch das uneingeschränkte Verweilen beim Leid.

A. W. Anderson: Wenn wir von jemandem sprechen, der leidet, dann sagen wir auch, er ist untröstlich. Und sofort denken wir, dass das Gegenmittel hierfür darin besteht, das »un« loszuwerden, nicht bei dem »un« zu bleiben. Als Sie sprachen, sah ich, dass es eine wechselseitige Beziehung zwischen Handlung und Leidenschaft gibt, zwischen Aktion und Passion. Passion, Leidenschaft ist in der Lage zu erdulden, ist fähig, verändert zu werden, während Aktion, Handlung einen Wechsel bewirkt. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wäre das die Bewegung vom Leid zur Leidenschaft, und zwar in dem richtigen Moment, wenn ich nämlich in der Lage bin zu erdulden »was ist«.

Krishnamurti: Wenn es also kein Entfliehen gibt, wenn es keinen Wunsch nach Trost fern von dem, »was ist« gibt, dann entsteht aus dieser absolut unvermeidlichen Wirklichkeit diese Flamme der Leidenschaft. Und ohne sie gibt es keine Schönheit. Sie mögen endlose Bände über Schönheit schreiben oder ein wunderbarer Maler sein, aber ohne diese innere Qualität von Leidenschaft, die die Folge des wirklichen Verstehens von Leid ist, sehe ich nicht, wie Schönheit überhaupt existieren kann. Außerdem kann man beobachten, dass der Mensch die Verbindung mit der Natur verloren hat, vollkommen verloren. Besonders in großen Städten und sogar in kleinen Dörfern und Siedlungen lebt der Mensch nur nach außen, von seinem eigenen Denken verfolgt, und so hat er mehr oder weniger den Kontakt mit der Natur verloren. Die Natur bedeutet ihm nichts. Man findet sie »hübsch«.

Vor mehreren Jahren stand ich mit einigen Freunden und meinem Bruder am Grand Canyon. Wir betrachteten diese wundervolle, unglaubliche Erscheinung, die Farben, die Tiefe und die Schatten. Eine Gruppe von Leuten kam heran und eine Dame sagte: »Ist es nicht wunderschön?« Und der Nächste sagte: »Kommt mit und lasst uns Tee trinken.« Damit trotteten sie davon. Das ist es, was in der Welt vor sich geht. Wir haben die Verbindung mit der Natur ganz und gar verloren. Wir kennen ihre Bedeutung nicht. Und ebenso töten wir. Wir töten, um zu essen, wir töten aus Vergnügen, wir töten aus Sport. Ich will das nicht weiter ausführen. Es herrscht also dieser Mangel an inniger Beziehung zur Natur.