Kummer, Leidenschaft und Schönheit – Teil 3

Wie Sie sehen, werden wir immer künstlicher, immer oberflächlicher, immer verbaler, bewegen uns linear in einer Richtung, niemals senkrecht dazu, sondern linear immer weiter. Und auf diese Weise werden künstliche Dinge immer wichtiger – Theater, Kino, der ganze Zirkus der modernen Welt. Und nur ganz wenige haben ein Gefühl von Schönheit in sich selbst, Schönheit im Verhalten, Schönheit im Gebrauch der Sprache, der Stimme, der Art zu gehen, haben einen Sinn für Demut. Mit dieser Demut wird alles so sanft, ruhig und voller Schönheit. Wir haben nichts davon. Wir gehen in Museen und studieren die Bilder dort.

Wir haben die Feinheit, die Sensibilität des Geistes, des Herzens und des Körpers verloren. Und wie können wir wissen, was Schönheit ist, wenn wir diese Sensibilität verloren haben. Und wenn wir diese Sensibilität nicht haben, gehen wir irgendwo hin, um zu lernen, sensibel zu sein. Wir besuchen einen Kurs oder gehen in einen Ashram oder in irgendeine elende Höhle und dort lernen wir dann sensibel zu sein. Es wird widerwärtig. Wie können Sie als Professor und Lehrer – das ist sehr, sehr wichtig – die Studenten zu dieser Qualität erziehen? Darum fragt man sich, wozu wir eigentlich erziehen und wozu wir erzogen werden. Jeder wird erzogen. Wahrscheinlich gehen neunzig Prozent aller Amerikaner zur Schule, sie können lesen und schreiben, aber wozu?

A. W. Anderson: Und doch ist es, zumindest nach meiner jahrelangen Erfahrung als Lehrer, eine Tatsache, dass die Studenten trotz einer Schwemme sogenannter Erziehungstechniken sorgloser mit dem geschriebenen und gesprochenen Wort umgehen als noch vor weniger Jahren.

Krishnamurti: Das ist der Grund, warum ich bei Vorträgen an Universitäten und auch sonst immer gefragt habe: »Wozu werden wir eigentlich erzogen? Bloß um Klasse-Angestellte, Klasse-Geschäftsleute und Gott weiß was zu werden?« Wofür? Wenn ich einen Sohn hätte, wäre das, glaube ich, ein ungeheures Problem für mich. Glücklicherweise habe ich keinen Sohn, aber es gäbe die brennende Frage in mir: Was soll ich mit meinen Kindern tun? Sie in all diese Schulen schicken, wo sie nichts anderes lernen, als ein Buch zu lesen oder zu schreiben, auswendig zu lernen und darüber das ganze weite Leben zu vergessen? Sie werden über Sex und Fortpflanzung und all diese Dinge unterrichtet. Aber dann? Für mich ist das eine ungeheuer wichtige Frage, da ich mit sieben Schulen in Indien und einer Schule in England befasst bin, und wir sind dabei, eine weitere in Kalifornien zu gründen. Es ist eine brennende Frage: Was machen wir bloß mit unseren Kindern? Machen wir sie zu Robotern, zu schlauen, listigen Büroangestellten, oder zu großen Wissenschaftlern, die dieses oder jenes erfinden und sonst gewöhnliche, billige, kleine Menschen mit erbärmlichem Verstand sind?

Kann der Mensch also einen anderen dazu erziehen, in Schönheit, in Güte aufzuwachsen, in großer Zuneigung und Fürsorge zu erblühen? Wenn wir das nicht tun, zerstören wir die Erde, verschmutzen wir die Luft, so wie es jetzt schon geschieht. Wir Menschen zerstören alles, was wir berühren. Dies wird also eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit. Wir sprechen über Schönheit, Vergnügen, Angst, Beziehung, Ordnung usw., aber nichts davon wird an irgendeiner Schule gelehrt. Das ist tragisch. Das ist der Grund, warum die westliche Zivilisation – die ich keineswegs verdamme – hauptsächlich mit Handel und Konsum befasst ist. Es ist eine unmoralische Gesellschaft. Und wenn wir über die Transformation des Menschen sprechen – nicht auf dem Gebiet des Wissens oder der Zeit, sondern darüber hinausgehend –, wer ist schon daran interessiert? Wen kümmert das wirklich? Der Vater geht zur Arbeit, um den Lebensunterhalt zu verdienen, die Mutter ebenfalls, und das Kind ist nur ein Zwischenfall. Hier wird alles zugunsten eines oberflächlichen Gewinnes, wegen des Geldes vernachlässigt. Geld bedeutet Macht, Position, Autorität. Alles ist Geld.

Wenn wir über Schönheit, Leidenschaft und Leid sprechen, sollten wir genauso die Frage nach dem Handeln ergründen, weil das Handeln zu all dem in Beziehung steht. Was bedeutet Handlung? Denn Leben ist Handeln. Zu leben bedeutet handeln. Sprechen ist Handlung. Alles ist Handlung. Hier zu sitzen ist Handlung, zu sprechen, zu diskutieren, sich in Fragen zu vertiefen, ist eine Serie von Handlungen, ist Bewegung. Was ist also Handlung?

Handlung bedeutet ganz offensichtlich jetzt zu handeln, nicht gehandelt haben oder handeln wollen. Es ist die aktive Gegenwart des Wortes: Zu handeln bedeutet Handlung zu jeder Zeit. Es ist die Bewegung innerhalb und außerhalb von Zeit. Das werden wir später untersuchen. Was ist also Handlung, die kein Leid schafft? Man muss diese Frage stellen, weil jede Handlung, wie wir wissen, entweder Bedauern, Widerspruch, ein Gefühl von bedeutungsloser Bewegung, Verdrängung, Anpassung usw. ist. Für die meisten Menschen bedeutet Handlung also Routine, Wiederholung, die Erinnerung an vergangene Dinge und das Handeln gemäß dieser Erinnerung.

Ohne zutiefst zu verstehen, was Handlung ist, wird man niemals Leid verstehen. Also Handlung, Leid, Leidenschaft und Schönheit. Sie gehören alle zusammen, sie sind nicht zu trennen, es gibt nichts Einzelnes, an dessen Ende Schönheit oder an dessen Anfang Handlung steht. Es ist alles eins. Aber wenn wir es nun betrachten: Was ist Handlung? Wie wir es bis jetzt verstehen, bedeutet Handlung: Handeln nach Vorschrift, nach einem Begriff oder nach einer Ideologie: Der kommunistischen, der kapitalistischen, der sozialistischen, der christlichen oder der hinduistischen Ideologie. Handlung ist dann die Annäherung an eine Idee. Ich handle gemäß meinem Konzept. Dieses Konzept ist entweder traditionell, oder von mir oder einem Experten erdacht. Lenin und Marx haben es formuliert, und die Menschen passen sich dem an. Handlung geschieht gemäß einem Muster. Man kümmert sich um nichts, außer um Ideen und um das Ausführen der Ideen. Schauen Sie sich an, was in China und Russland vor sich geht. Und dasselbe geschieht hier genauso, nur in unterschiedlicher Form.