Kummer, Leidenschaft und Schönheit – Teil 4

Handlung, wie wir sie jetzt kennen, bedeutet also Anpassung an ein Muster, das entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegt, an eine Idee, die ich ausführe, an einen Beschluss oder an eine Entscheidung, die ich durch Handeln erfülle. Die Vergangenheit handelt, und somit ist es keine Handlung. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke. Sehen Sie also, was vor sich geht? Ordnung gibt es in Form eines Musters. Und darum ist es Unordnung, gegen die ein intelligenter Mensch kämpft – kämpft im Sinne von Aufbegehren. Darum ist es so wichtig zu verstehen, was Schönheit ist, und wir müssen verstehen, was Handlung ist.

Kann es Handlung ohne die Idee geben? Das Wort Idee bedeutet »sehen«, das wissen wir aus dem Griechischen. Die Idee bedeutet sehen, bedeutet sehen und handeln. Nicht sehen und daraus eine Schlussfolgerung ziehen, um dann gemäß dieser zu handeln, bedeutet nicht wahrnehmen und aus dieser Art von Wahrnehmung dann einen Glauben, eine Idee, ein Muster machen und dementsprechend handeln. Wenn wir das tun, haben wir uns von der Wahrnehmung entfernt. Wir handeln nur nach einem Muster und darum mechanisch. Sehen Sie, wie mechanisch unser Geist geworden ist.

A. W. Anderson: Zwangsläufig ist das so.

Krishnamurti: Daher muss man sich diese wesentliche Frage stellen: Was ist Handlung? Ist sie Wiederholung? Ist sie Nachahmung? Ist sie eine Angleichung zwischen dem, »was ist« und dem, »was sein sollte« oder auch dem, »was gewesen ist«? Oder ist sie eine Anpassung an ein Muster, einen Glauben oder ein Konzept? Wenn es so ist, ist der Konflikt unausweichlich. Weil zwischen Idee und Handlung ein Intervall liegt, eine Verzögerung, geschieht in diesem Intervall vieles. In dieser Teilung finden andere Ereignisse statt und darum muss es unausweichlich Konflikte geben. Darum ist die Handlung niemals vollständig und endet niemals. Handeln bedeutet beenden. Neulich haben Sie das Wort Vedanta gebraucht. Man hat mir gesagt, dass es das Ende von Wissen bedeutet. Nicht die Fortsetzung von Wissen, sondern sein Ende. Gibt es also eine Handlung, die nicht an die Vergangenheit als Zeit oder an die Zukunft oder an ein Muster oder einen Glauben oder an eine Idee gebunden ist, sondern nur Handlung ist? Handlung, in der das Sehen das Tun ist?

Sehen ist Handlung und wird zu einer außergewöhnlichen Bewegung in Freiheit. Alles andere ist keine Freiheit. Und darum sagen die Kommunisten, dass es so etwas wie Freiheit nicht gibt. Das sei eine bürgerliche Idee. Natürlich ist es eine bürgerliche Idee, denn sie leben nach Ideen und Begriffen, nicht in der Handlung. Sie leben ihren Ideen gemäß und führen diese Ideen dann in Handlungen aus, was kein Handeln, kein Tun ist. Genau das geschieht überall auf der Welt, im Westen wie im Osten. Wir handeln nach einem Muster, einer Idee, einem Glauben, einem Begriff, einer Schlussfolgerung und einer Entscheidung; niemals erfolgt ein Sehen und Tun.

Man beginnt zu begreifen, welche Freiheit in der Handlung liegt. Und das Sehen und Tun wird durch den Beobachter verhindert, der die Vergangenheit, das Muster, der Begriff, der Glaube ist. Der Beobachter tritt zwischen die Wahrnehmung und das Handeln. Dieser Beobachter ist der Faktor der Teilung, die Idee und die Schlussfolgerung in Aktion. Können wir also nur dann handeln, wenn es Wahrnehmung gibt? Wir tun das, wenn wir am Rande eines Abgrundes stehen; das Sehen von Gefahr bedeutet sofortige Handlung.

A. W. Anderson: Wenn ich mich recht erinnere, kommt das englische Wort für »wachsam« – »alert« aus dem Italienischen und bedeutet, am Rande eines Kliffs zu stehen.

Krishnamurti: Wir sind – und das ist sehr interessant – geprägt, auf die Gefahr eines Kliffs, einer Schlange oder eines gefährlichen Tieres zu reagieren. Wir sind auch darauf konditioniert, gemäß einer Idee handeln zu müssen, sonst gibt es keine Handlung. Wir sind also auf Gefahren konditioniert. Und konditioniert auf die Tatsache, dass man ohne ein Muster, einen Begriff, einen Glauben nicht handeln kann. Dies sind also die zwei Faktoren unserer Prägung. Und nun kommt jemand daher und sagt: »Schau, das ist kein Handeln, das ist nur eine Wiederholung dessen, was immer gewesen ist, modifiziert, aber es ist keine Handlung. Handlung ist, wenn man sieht und tut.« Ich definiere nicht. Mein ganzes Leben lang habe ich so gehandelt: Ich sehe etwas und handle.

Zum Beispiel, wie Sie vielleicht wissen – aber ich möchte nicht persönlich werden – gab es eine sehr große spirituelle Organisation mit Tausenden von Anhängern mit viel Landbesitz, Schlössern und Geld, die um mich herum gebildet wurde, als ich ein Junge war. Und 1928 sagte ich: Das ist alles falsch. Ich löste die Organisation auf und gab den Besitz zurück. Ich sah, wie falsch das alles war. Sehen, nicht schlussfolgern und vergleichen. Sehen Sie sich an, was die Religionen gemacht haben. Ich sah und handelte. Und darum hat es niemals ein Bedauern gegeben. Man soll niemals sagen, oh, ich habe einen Fehler gemacht, weil ich nun niemanden haben werde, an den ich mich anlehnen kann.

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Könnten wir in unserem nächsten Gespräch die Schönheit mit Sehen und Zuhören in Beziehung bringen?

22. Februar 1974