Die Kunst des Zuhörens – Teil 1

A. W. Anderson: Als wir unser letztes Gespräch über Schönheit beendeten, kamen wir zu der Frage des Sehens und auf seine Beziehung zur Transformation des Menschen.

Krishnamurti: Was ist Sehen, was ist Zuhören und was ist Lernen? Ich glaube, die drei Begriffe stehen zueinander in Beziehung: Lernen, Hören und Sehen. Was ist Sehen, Wahrnehmen? Sehen wir wirklich oder sehen wir durch einen dunklen Schleier? Einen Schleier von Vorurteilen oder eigenen Überempfindlichkeiten, von Erfahrungen, Wünschen, Vergnügungen, Ängsten und offensichtlich von Bildern, die wir uns von dem machen, was wir sehen, und die wir von uns selbst haben. Wir haben also einen Schleier hinter dem anderen zwischen uns und dem Objekt unserer Wahrnehmung. Sehen wir also überhaupt jemals das Objekt selbst? Oder ist das Sehen gefärbt und behindert durch unser Wissen, unsere Erfahrung, durch unsere Vorstellungen oder Annahmen, die unseren Verstand konditionieren, durch die Erinnerungen, die der Verstand pflegt, so dass vielleicht überhaupt kein Sehen stattfindet? Findet das Sehen also überhaupt statt? Und ist es dem Verstand überhaupt möglich, keine Bilder, Schlussfolgerungen, Glaubensüberzeugungen, Erinnerungen, Vorurteile, Ängste zu haben und ohne diese Schleier einfach nur zu sehen? Ich glaube, dass dieses sehr wichtig ist, denn wenn gesehen wird, worüber ich hier spreche, dann können Sie nicht mehr anders als handeln, dann gibt es keinen Aufschub mehr.

Denn wenn Handlung auf einem Glauben, einer Schlussfolgerung oder einer Idee basiert, dann ist die Handlung zeit-bindend. Und solche Handlung wird unausweichlich Konflikt und Bedauern mit sich bringen. Es ist also sehr wesentlich herauszufinden, was das ist: Sehen, was das ist: Wahrnehmen, was das ist: Hören. Höre ich jemals zu? Wenn man verheiratet ist, eine Frau oder einen Mann, eine Freundin oder einen Freund hat, hört man ihm oder ihr jemals zu? Oder höre ich durch das Bild, das ich mir von ihnen gemacht habe, durch den Schleier der Gereiztheit, den Schleier des Verdrusses, des Beherrschenwollens?

Sie kennen all diese schrecklichen Dinge, die in Beziehungen vorkommen. Höre ich also jemals direkt, was Sie sagen, ohne es zu übersetzen, ohne es umzuwandeln, ohne es zu verzerren? Höre ich jemals einen Vogel rufen oder ein Kind weinen oder einen Mann vor Schmerz schreien? Höre ich jemals irgendwo zu? Hört überhaupt irgendein Mensch zu? Und was geschieht, wenn man zuhört – ohne Einmischung, ohne jegliche Interpretation, Schlussfolgerung, Zustimmung oder Ablehnung zuhört? Was geschieht, wenn ich wirklich zuhöre? Letztes Mal sagten wir, dass wir unmöglich verstehen können, was Schönheit ist, wenn wir Leiden und Leidenschaft nicht verstehen. Sie hören diese Aussage: Was macht der Verstand? Er zieht eine Schlussfolgerung, er formt eine Idee, eine verbale Idee. Er hört die Wörter, zieht eine Schlussfolgerung und formt eine Idee. Eine solche Aussage ist eine Idee geworden. Dann frage ich mich, wie werde ich diese Idee in die Tat umsetzen? Und das wird dann zum Problem.

A. W. Anderson: Ja, natürlich wird es das. Denn die Idee passt nicht in die Natur, und andere Leute haben andere Ideen und wollen ihre ausgeführt sehen. Also kommt es zu einem Zusammenstoß.

Krishnamurti: Ja. Kann nun der Verstand dieser Aussage zuhören, ohne zu abstrahieren, nur zuhören? Ich stimme weder zu, noch lehne ich ab, sondern höre dieser Aussage nur voll und ganz zu. Kann ich also einer Aussage zuhören und das Wahre oder das Falsche darin sehen, nicht indem ich vergleiche, sondern in der Aussage selbst, die Sie machen? Das bedeutet, dass ich dieser Aussage zuhöre: Schönheit kann niemals ohne Leidenschaft existieren und Leidenschaft kommt durch das Verstehen des Leids. Ich höre dieser Aussage zu. Ich abstrahiere nicht und mache auch keine Idee daraus. Ich höre nur zu. Was geschieht? Sie mögen die Wahrheit sagen oder Sie mögen eine falsche Behauptung aufstellen. Ich weiß es nicht, weil ich nicht vergleichen werde. Ich höre nur zu. Ich gebe meine volle Aufmerksamkeit. Sie werden sehen, was dann geschehen wird. Ich schenke dem, was Sie sagen, meine volle Aufmerksamkeit: Dann spielt es überhaupt keine Rolle, was Sie sagen oder nicht sagen. Sehen Sie dies?

Wichtig ist ganz allein meine Handlung des Zuhörens. Und diese Handlung des Zuhörens hat ein Wunder hervorgebracht, ein Wunder absoluter Freiheit von all Ihren Aussagen – ob wahr, falsch oder richtig, mein Bewusstsein ist vollkommen aufmerksam. Aufmerksamkeit hat keine Grenzen. In dem Moment, in dem ich eine Grenze habe, beginne ich gegen Sie zu kämpfen, Ihnen zuzustimmen oder Sie abzulehnen. In dem Moment, in dem die Aufmerksamkeit an eine Grenze stößt, entstehen Begriffe. Wenn ich Ihnen jedoch vollkommen zuhöre, ohne die geringste Einmischung eines Gedankens oder einer Vorstellung, Ihnen nur zuhöre, dann hat das Wunder stattgefunden. Was bedeutet, dass meine vollkommene Aufmerksamkeit mich, mein Bewusstsein, von der Aussage befreit hat. Dadurch hat mein Bewusstsein eine außerordentliche Freiheit zu handeln.

Ohne eine Belohnung tun wir gar nichts. Unsere Krämerseele sagt: Ich gebe dir dies und du gibst mir das. Wir sind so sehr vom Handelsgeist besessen, sowohl in spiritueller als auch physischer Hinsicht, dass wir nichts tun ohne Belohnung, ohne Gewinn, ohne Zweck. Alles muss Austausch sein, nicht Geschenk, sondern Austausch: Ich geb dir dies und du gibst mir das, Gott muss mich erhören, weil ich mich aus Religiosität quäle. Es ist alles eine Angelegenheit des Handels.