Die Kunst des Zuhörens – Teil 2

A. W. Anderson: Es gibt bei den Fundamentalisten einen Spruch, in dem sie sich auf ihr frommes Leben beziehen. Sie sagen: Ich fordere Gottes Versprechen ein.

Krishnamurti: Sie sehen, was geschieht, wenn man sich zutiefst darauf einlässt. Wenn Handlung nicht auf einer Idee, einem Rezept, einem Glauben basiert, dann ist Sehen Handeln. Was ist dann das Sehen und Hören, mit dem wir uns befasst haben? Dann ist das Sehen vollkommene Aufmerksamkeit und das Handeln liegt in der Aufmerksamkeit. Und die Schwierigkeit liegt darin, dass die Menschen fragen werden, wie man diese Aufmerksamkeit aufrechterhalten kann, was bedeutet, dass sie nach einer Belohnung Ausschau halten. »Ich werde es üben, ich werde alles tun, um diese Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, um etwas zurückzubekommen.«

Aufmerksamkeit ist nicht das Resultat von etwas, Aufmerksamkeit hat keine Ursache. Was eine Ursache hat, hat eine Wirkung und die Wirkung wird zur Ursache. Es ist ein Kreislauf. Aber das ist keine Aufmerksamkeit. Für Aufmerksamkeit gibt es keine Belohnung. Im Gegenteil, für Aufmerksamkeit gibt es weder Belohnung noch Bestrafung, denn sie hat keine Grenzen. Dann muss man also fragen: Was ist Lernen? Dieses alles hängt zusammen: Lernen, Sehen, Zuhören, Handeln. Es ist alles ein und dieselbe Bewegung. Es sind keine voneinander getrennten Stücke, es ist nur ein Stück. Ist Lernen ein Prozess des Ansammelns? Ist Lernen nicht mit Ansammeln verbunden? 

Wir bringen beide Fragen zusammen. Lassen Sie es uns betrachten. Ich lerne – man lernt eine Sprache – Italienisch, Französisch oder sonst eine. Man sammelt Wörter an, z.B. die unregelmäßigen Verben, und dann kann man sprechen. Es gibt das Erlernen einer Sprache und die Fähigkeit, sie zu sprechen. Radfahren lernen, Auto fahren lernen, eine Maschine zusammensetzen lernen, Elektronik lernen, das alles bedeutet, Wissen durch Tätigkeiten zu erlangen. Und ich frage, gibt es irgendeine andere Form des Lernens? Die erwähnte kennen wir, wir sind vertraut mit dem Erwarb von Wissen.

Gibt es nun irgendeine andere Art des Lernens, die nichts anhäuft, die handelt? Ich lerne, um eine Belohnung zu bekommen oder um eine Bestrafung zu vermeiden. Ich erlerne einen bestimmten Job oder ein bestimmtes Handwerk, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist absolut notwendig. Ich frage nun, ob es irgendeine andere Form des Lernens gibt. Die genannte Routine ist die Kultivierung von Erinnerung, die wiederum das Ergebnis von Erfahrung und Wissen ist, das im Gehirn gespeichert wird, und das wirksam wird, wenn man ein Fahrrad oder Auto fahren muss. Gibt es nun eine andere Art des Lernens oder nur diese? Wenn man sagt: Ich habe aus meinen Erfahrungen gelernt, dann bedeutet das, dass ich gelernt habe und daraus gewisse Erinnerungen gespeichert habe und diese Erinnerungen mich belohnen oder bestrafen. Alle diese Formen des Lernens sind also mechanisch. Und Erziehung trainiert das Gehirn, damit es mechanisch in Routine funktioniert, denn darin liegt große Sicherheit; dann ist es sicher. Und so wird unser Verstand mechanisch. Mein Vater hat es so gemacht, also tue ich es auch. Die ganze Angelegenheit ist mechanisch.

Gibt es nun überhaupt ein Gehirn, das nicht mechanisch ist, das nicht dem Nützlichkeitsprinzip dient? Gibt es ein Lernen, das weder Zukunft noch Vergangenheit hat und darum nicht zeit-bindend ist? Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke.

Lernen wir irgendetwas aus Erfahrung? Seit die geschriebene Geschichte begann, haben wir 5000 Kriege gehabt. Ich habe das irgendwo gelesen. 5000 Kriege. Töten, töten, töten, verstümmeln. Und haben wir irgendetwas daraus gelernt? Haben wir irgendetwas aus dem Leid gelernt? Der Mensch hat gelitten; haben wir etwas gelernt aus der Erfahrung mit der Qual, mit der Unsicherheit und all dem?

Wenn wir also sagen, wir haben gelernt, stelle ich das in Frage. Es scheint etwas Schreckliches zu sein, wenn man sagt, ich habe aus der Erfahrung gelernt. Wir haben nichts gelernt außer auf dem Gebiet des Wissens; darum hat unsere Erziehung, unsere Zivilisation unseren Verstand so mechanisch gemacht, mit sich wiederholenden Reaktionen, sich wiederholendem Verlangen und sich wiederholendem Streben. Alles wird Jahr für Jahr, Tausende von Jahren lang wiederholt: Mein Land, dein Land, ich töte dich und du tötest mich. Alles ist mechanisch.

Das bedeutet also, dass der Verstand niemals frei sein kann. Das Denken ist niemals frei, das Denken ist immer alt. Es gibt kein neues Denken. Das Wort »etwas erfahren« bedeutet »durch etwas hindurchgehen«. Aber man geht niemals hindurch. Entweder stoppt man mittendrin, oder man beginnt gar nicht erst. Unsere Zivilisation, unsere Kultur, unsere Erziehung hat ein Bewusstsein hervorgebracht, das immer mechanischer wird und daher zeitgebunden ist, und darum haben wir niemals ein Gefühl von Freiheit. Freiheit wird dann zu einer Idee, mit der man philosophisch herumspielt, die aber keinerlei Bedeutung hat. Wenn aber jemand sagt: »Jetzt will ich es herausfinden, ich will es wirklich untersuchen und entdecken, ob es Freiheit gibt«, dann muss er die Grenzen des Wissens erkennen oder vielmehr, wo es endet und wo etwas total Neues beginnt. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache.