Die Kunst des Zuhörens – Teil 3

Was bedeutet Lernen? Wenn es nicht mechanisch ist, was ist dann Lernen? Gibt es überhaupt Lernen, was soll man lernen? Ich lerne Auto fahren, auf den Mond fliegen, dieses und jenes zu bewerkstelligen. Auf diesem Gebiet gibt es nur Lernen. Gibt es ein Lernen auf irgendeinem anderen psychischen oder spirituellen Gebiet? Kann der Verstand etwas darüber lernen, was sie Gott nennen? Ich erlerne eine Sprache, ich lerne, wie man Rad oder Auto fährt, eine Maschine zusammensetzt, das ist wichtig. Jetzt möchte ich etwas über Gott lernen. Hören Sie sich das an: Gott ist meine Erfindung, Gott hat nicht mich nach seinem Bild gemacht, ich habe ihn nach meinem Bild gemacht. Und nun will ich etwas über ihn lernen. Das Bild, das ich mir von Christus, Buddha oder sonstwem gemacht habe, soll mich etwas lehren – das Bild, das ich selbst gemacht habe.

Was lerne ich also? Ich lerne etwas über die Vorstellung, die ich konstruiert habe. Gibt es außer dem mechanischen Lernen eine andere Art des Lernens? Gibt es also nur das Erlernen der mechanischen Abläufe des Lebens? Sehen Sie, was es bedeutet. Ich kann etwas über mich selbst lernen. Ich kenne mich. Vielleicht kenne ich mich auch nicht, aber ich kann mich kennenlernen, indem ich mich anschaue, ich kann mich kennen. Ich bin also das angesammelte Wissen aus der Vergangenheit. Das »Ich«, das sagt, ich bin gierig, ich bin eifersüchtig, ich bin erfolgreich, ich bin furchtsam, ich habe betrogen, ich habe bedauert, all das ist das »Ich«, einschließlich der Seele, die ich im »Ich« erfunden habe – oder Brahman, Atman, das alles bin immer noch ich.

Das »Ich« hat das Bild von Gott geschaffen und nun will ich etwas über Gott lernen. Das hat keinen Sinn. Wenn es also kein anderes Lernen gibt, was geschieht dann? Das Gehirn ist daran gewöhnt, materielles Wissen zu erwerben oder anders ausgedrückt: Mechanisches Wissen. Und wenn der Verstand damit beschäftigt ist, gibt es dann noch irgendwelche anderen Lernprozesse, psychisch, innerlich – gibt es das?

Das Denken hat das Innere als Gegensatz zum Äußeren erfunden. Ich weiß nicht, ob Sie das erkennen. Wenn ich das Äußere verstanden habe, habe ich auch das Innere verstanden. Denn das Innere hat das Äußere geschaffen. Das Äußere im Sinne der Gesellschaftsform, der religiösen Sanktionen, all das ist erfunden oder vom Denken zusammengesetzt worden – Jesus, Buddha, all das. Und was gibt es da zu lernen? Sehen Sie die Schönheit, die darin liegt.

A. W. Anderson: Ja, es führt zurück zu Ihrer Bemerkung über Vedanta als das Ende des Wissens. Das Interessante an der Sanskrit-Auslegung ist für mich, dass es nicht das Ende im Sinne eines Endpunkts, einer Frist ist, denn das würde nur den Anfang einer neuen Folge bedeuten. Es ist die Vollendung, die das absolute Ende im Sinne eines totalen Neubeginns sein soll.

Krishnamurti: Das bedeutet, der Verstand kennt die Aktivität des Bekannten. In welchem Zustand befindet sich nun der Geist, der davon frei ist und trotzdem im herkömmlichen Wissen funktioniert? Gehen Sie ganz darauf ein, und Sie werden sehen, dass sehr merkwürdige Dinge geschehen. Zunächst einmal, ist das möglich? Verstehen Sie? Denn das Gehirn funktioniert mechanisch, es will Sicherheit, sonst kann es nicht funktionieren. Wenn wir keine Sicherheit hätten, würden wir hier nicht zusammensitzen. Weil wir Sicherheit haben, können wir einen Dialog führen. Das Gehirn kann nur in vollkommener Sicherheit funktionieren, wenn auch diese Sicherheit in einem neurotischen Glauben begründet sein mag – jeder Glaube und alle Ideen sind in diesem Sinne neurotisch. Das Gehirn findet Sicherheit in der Anerkennung der Nationalität als der höchsten Form des Guten oder in der Anerkennung des Erfolgs als der höchsten Tugend. Es findet Glauben und Sicherheit darin. Nun fordern Sie den Verstand, der mechanisch arbeitet und Jahrhunderte darauf trainiert war, dazu auf, das andere Gebiet zu entdecken, das nicht mechanisch ist: Gibt es ein anderes Gebiet? Verstehen Sie die Frage?

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Das ist es, was so vernichtend ist.

Krishnamurti: Gibt es, – warten Sie, warten Sie – gibt es ein anderes Gebiet? Wenn Gehirn und Verstand nicht die ganze Bewegung des Wissens verstehen – es ist eine Bewegung, es ist nichts Statisches, es wird hinzugefügt und weggenommen –, wenn all das nicht genau verstanden wird, kann man die andere Frage unmöglich stellen. Und wenn man diese Frage stellt, was geschieht dann? Dies ist richtige Meditation, wissen Sie. Wir sehen, was es alles beinhaltet. Man hört immer mit dem Wissen zu, man sieht mit dem Wissen an.

Gibt es nun ein Hören aus der Stille heraus? Das ist Aufmerksamkeit; und das ist nicht zeit-bindend, denn in dieser Stille habe ich keine Wünsche. Es bedeutet auch nicht, dass ich etwas über mich selbst lernen werde, noch bedeutet es, dass ich bestraft oder belohnt werde. In dieser absoluten Stille höre ich zu. Wenn wir über Meditation sprechen, müssen wir uns zutiefst damit befassen, denn dieses Wort hat seine Bedeutung verloren. Diese erbärmlichen kleinen Leute aus Indien oder sonst woher haben es zerstört. Man soll viele Dollar zahlen, um Meditation zu erlernen. Es ist ein Frevel.