Über das Verletztsein – Teil 2

A. W. Anderson: Ich dachte an eine Bemerkung Sri Aurobindos, die er in einer Studie über die Veden gemacht hat, in der er in einem Satz ihren Verfall nachweist. Er sagte, ihr Ursprung lag in der Sprache der Weisen, dann fiel sie den Priestern zu und danach den Gelehrten oder den Akademikern. Aber in dieser Studie fand ich keinerlei Hinweis darüber, auf welche Weise sie den Priestern zufiel.

Krishnamurti: Ich glaube, es ist ziemlich einfach, auf welche Weise sich die Priester dieser ganzen Angelegenheit bemächtigt haben. Weil der Mensch so sehr mit seinen eigenen kleinen unbedeutenden Angelegenheiten, seinen unbedeutenden kleinen Wünschen, Ambitionen und Oberflächlichkeiten beschäftigt ist, möchte er etwas, das ein bisschen mehr ist. Er möchte ein bisschen mehr Romantik, ein bisschen mehr Sentimentalität, etwas mehr als die tägliche tierische Routine des Lebens. Also sieht er sich danach um, und die Priester sagen: »Kommt her, wir haben das Richtige für Euch.« Ich glaube, es ist ganz einfach zu verstehen, wie die Priester ins Spiel gekommen sind. Man sieht es in Indien, man sieht es im Westen. Man sieht es überall, wo man beginnt, sich mit dem täglichen Leben auseinanderzusetzen, dem täglichen Geldverdienen für Brot und Butter, für das Haus und all das andere. Der Mensch will mehr als das. Er sagt sich, nach all dem werde ich sterben, aber es muss noch etwas anderes geben.

Wenn wir uns also an diese Bedeutung des Wortes Religion halten können, dann taucht die Frage auf: Kann der Geist so vollkommen achtsam werden, dass das Unnennbare entsteht? Wissen Sie, ich persönlich habe niemals die Veden, die Bhagavadgita, die Upanishaden oder die Bibel gelesen, auch keine Philosophie. Aber ich habe alles in Frage gestellt, nicht nur in Frage gestellt, sondern beobachtet. Und man sieht, dass es absolut notwendig ist, einen vollkommen ruhigen Geist zu haben. Denn nur aus der Ruhe heraus nehmen Sie wahr, was geschieht. Wenn ich selbst schwatze, kann ich Ihnen nicht zuhören. Wenn mein Geist ständig daherplappert, werde ich dem, was Sie sagen, keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Aufmerksam sein bedeutet, ruhig zu sein.

A. W. Anderson: Es gab einige Priester, die dadurch in große Schwierigkeiten gerieten, dass sie, wie es scheint, etwas davon begriffen hatten. Ich dachte an Meister Eckharts Worte, dass, wer immer das Buch der Natur zu lesen vermag, überhaupt keine heiligen Schriften braucht.

Natürlich geriet er gegen Ende seines Lebens in große Schwierigkeiten. Nach seinem Tod klagte ihn die Kirche an.

Krishnamurti: Natürlich. Organisierter Glaube in Form einer Kirche und was dazu gehört ist nicht subtil, er hat nicht die Qualität wirklicher Tiefe und wirklicher Spiritualität. Sie kennen das. Ich frage also, was ist die Qualität eines Geistes – und daher auch des Herzens und des Gehirns – der etwas wahrnehmen kann, das jenseits des Ermessens des Denkens liegt? Worin besteht die Qualität eines solchen Geistes? Denn diese Qualität ist die des religiösen Geistes, die Qualität eines Geistes, der das Gefühl von Heiligsein in sich trägt und darum imstande ist, etwas unermesslich Heiliges zu schauen.

A. W. Anderson: Das Wort Hingabe scheint dies zu besagen, wenn es in seiner eigentlichen Bedeutung begriffen wird. Ich meine, außerordentlich still und in sich selbst integriert zu sein, ohne einen Gedanken zu verschwenden an das, was vor oder hinter uns liegt. Einfach da zu sein. Das Wort da« ist auch nicht gut, weil es andeutet, dass es ein »wo« gibt.

Krishnamurti: Richtig. So lassen Sie uns folgende Frage näher untersuchen: Worin besteht die Natur und Struktur des Geistes und daher die Qualität eines Geistes, der nicht nur in sich heilig ist, sondern fähig, etwas Immenses zu schauen. Als wir neulich über persönliches Leid und den Kummer der Welt sprachen, stellten wir fest, dass nicht wir leiden müssen, sondern dass das Leid da ist. Jeder Mensch verbringt eine furchtbare Zeit damit. Und es gibt das Leiden der Welt. Was nicht heißt, dass man hindurchgehen muss, sondern es ist da, und man muss es verstehen und darüber hinausgehen. Und das ist eine der Qualitäten eines religiösen Geistes – im Sinne des Wortes, wie wir es gebrauchen. Er ist unfähig zu leiden. Er ist darüber hinaus gegangen. Was nicht heißt, dass er abgestumpft ist. Im Gegenteil, es ist ein leidenschaftlicher Geist.