Über das Verletztsein – Teil 3

A. W. Anderson: Eines der Dinge, über die ich während unserer Unterhaltungen nachgedacht habe, ist die Sprache selbst. Immer wieder schien mir, dass uns der herkömmliche Sprachgebrauch daran hindert zu sehen, worauf das Wort selbst hinweist. Nehmen wir noch einmal das Wort »Religion«. Gelehrte sind über den Ursprung unterschiedlicher Meinung: Einige sagen, es bedeute »binden«, andere sagen, nein, es bedeute das Numinose oder das Strahlende, das sich nicht durch das Denken erschöpft. Es scheint mir, dass es noch einen anderen Sinn für »binden« gibt, keinen negativen, denn wenn man wirklich aufmerksam ist, ist man nicht wie mit Seilen gebunden.

Krishnamurti: Wir wollen es noch einmal ganz klar sagen. Wenn wir das Wort Aufmerksamkeit benutzen, gibt es einen Unterschied zwischen Konzentration und Aufmerksamkeit. Konzentration bedeutet Ausschluss. Ich konzentriere mich, heißt, ich bringe alles Denken auf einen bestimmten Gegenstand und damit schließt das Denken anderes aus. Es bildet eine Sperre, so dass es sich ganz auf diesen Brennpunkt konzentrieren kann. Wohingegen Aufmerksamkeit sich völlig von Konzentration unterscheidet. Darin liegt kein Ausschließen, kein Widerstand, kein Anstrengen und daher gibt es keine Grenze, keine Beschränkung.

Ich glaube, das Wort »Aufmerksamkeit« ist ein wirklich gutes Wort, denn es versteht sich nicht nur als Konzentration, sieht nicht nur die Dualität des Empfangens, des Empfängers und des Empfangenden, sondern sieht ebenso das Wesen der Dualität und den Konflikt der Gegensätze. Aufmerksamkeit bedeutet nicht nur, dem Gehirn seine Energie zu geben, sondern ebenso dem Geist, dem Herzen, den Nerven, der ganzen Wesenheit, dem gesamten menschlichen Geist all seine Energie für die Wahrnehmung zur Verfügung zu stellen. Für mich ist dieses die Bedeutung von »aufmerksam sein«, zugegen sein, nicht konzentrieren, sondern zugegen sein. Wenn ich an etwas anderes denke, kann ich nicht zugegen sein. Wenn ich auf meine eigene Stimme achte, kann ich nicht zugegen sein.

A. W. Anderson: Es ist interessant, dass im Englischen das Wort für jemanden, der zugegen ist, auch im Sinne von » dienen« benutzt wird. Ich versuche zu ergründen, welche Beziehung der Begriff des Wartens und der Geduld dazu hat.

Krishnamurti: Ich meine, dass Warten wieder bedeutet, dass jemand auf etwas wartet. Da gibt es wieder Dualität. Und wenn Sie warten, erwarten Sie etwas. Wieder eine Dualität. Jemand, der darauf wartet, etwas zu erhalten. Wenn wir uns also im Augenblick an das Wort Aufmerksamkeit halten könnten, dann sollten wir untersuchen, worin die Qualität eines Geistes besteht, der so aufmerksam ist, dass er versteht, und der in Verbundenheit und mit verantwortungsvollem Verhalten lebt und handelt, und der keine psychischen Ängste hat, und der daher die Bewegung des Vergnügens versteht. Dann kommen wir zur Frage: Was ist solch ein Geist? Ich glaube, es wäre der Mühe wert, wenn wir über das Wesen des Verletztseins diskutieren könnten.

Warum sind Menschen verletzt? Alle Leute sind verletzt, besonders psychisch. Physisch können wir es tolerieren. Wir können einen Schmerz ertragen und uns sagen, ich werde ihm nicht erlauben, sich in mein Denken einzumischen. Ich lasse ihn die psychische Qualität meines Verstandes nicht angreifen. Der Verstand kann darüber wachen. Aber die psychischen Verletzungen sind viel wichtiger und viel schwerer anzugehen und zu verstehen. Ich glaube, das ist notwendig, denn ein verletzter Geist ist kein unschuldiger Geist. Das englische Wort für unschuldig »innocent« kommt von »innocere«, das heißt »nicht verletzen«. Ein Geist, der unfähig ist, verletzt zu sein. Darin liegt große Schönheit.

Ich denke, wir sollten, wenn wir über Religion sprechen, das Wesen des Verletztseins sehr tief erforschen, weil ein Geist, der nicht verletzt ist, ein unschuldiger Geist ist. Und man braucht diese Qualität von Unschuld, um vollkommen aufmerksam zu sein. Schon von Kindheit an vergleichen die Eltern ein Kind mit dem anderen. Ist es also möglich, ein Kind, ohne zu vergleichen und ohne nachzuahmen zu erziehen? Auf diese Weise würde das Kind niemals verletzt werden, was das angeht.

Und man ist verletzt, weil man von sich selbst ein Bild aufgebaut hat. Das Bild ist eine Form von Widerstand, eine Wand zwischen Ihnen und mir. Und wenn Sie die Wand an ihrer schwächsten Stelle berühren, werde ich verletzt. Also nicht vergleichen in der Erziehung und kein Selbst-Image haben. Es gehört zum Wichtigsten im Leben, kein Bild von sich selbst zu haben. Wenn Sie eines haben, werden Sie unausweichlich verletzt werden. Nehmen wir an, man habe die Vorstellung, man sei sehr gut oder müsse sehr erfolgreich sein, oder man habe große Fähigkeiten und Begabungen. Sie kennen die Bilder, die man aufbaut, unausweichlich wird jemand kommen und sie zerstören. Unausweichlich werden Zufälle und Geschehnisse eintreten, die das Bild zerstören, und man wird verletzt.

Das Kind kann sich ohne das Bild schon allein mit dem Namen identifizieren: Brown, Herr Brown. Damit ist nichts verbunden. Aber in dem Moment, in dem er sich ein Bild macht – dass nämlich Herr Brown sozial oder moralisch anders, besser oder schlechter ist oder aus einer sehr alten Familie kommt oder zu einer gewissen höheren Klasse gehört, zur Aristokratie oder was immer –, wenn das einsetzt und durch das Denken, durch Snobismus ermutigt und gestützt wird, dann werden Sie unausweichlich verletzt.