Über das Verletztsein – Teil 4

A. W. Anderson: Was Sie sagen, verstehe ich so: Die radikale Verwirrung hier besteht in der Vorstellung, man selbst sei der Name.

Krishnamurti: Ja. Identifizierung mit dem Namen, mit dem Körper, mit der Idee, dass Sie sich sozial unterscheiden, dass Ihre Eltern, Ihre Großeltern Grafen waren, oder dies oder das. Sie kennen den ganzen Snobismus in England und all die verschiedenen Arten von Snobismus hier in Amerika. Und in Indien ist es der Brahmane, der Nichtbrahmane, und das ganze Drum und Dran. Wir haben uns also bedingt durch Erziehung, durch Tradition und Propaganda ein Bild von uns selbst aufgebaut.

A. W. Anderson: Gibt es hier eine Beziehung zur Religion und der Weigerung in der hebräischen Tradition, den Namen Gottes auszusprechen?

Krishnamurti: Das Wort ist sowieso nicht die Sache. Sie können es also aussprechen oder nicht aussprechen. Wenn Sie wissen, dass das Wort niemals die Sache ist, die Beschreibung niemals das Beschriebene, dann tut es nichts zur Sache. Kann also ein Kind dazu erzogen werden, niemals verletzt zu werden? Ich habe Professoren und Gelehrte sagen hören, ein Kind muss verletzt werden, um in dieser Welt leben zu können. Als ich einen aber fragte, ob er wolle, dass sein eigenes Kind verletzt werde, blieb er stumm. Er hatte also rein theoretisch gesprochen.

Wir sind leider durch Erziehung, durch die soziale Struktur und die Beschaffenheit der Gesellschaft, in der wir leben, verletzt worden. Wir haben Vorstellungen über uns selbst, die verletzt werden. Ist es also möglich, überhaupt keine Bilder aufzubauen? Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke. Nehmen wir einmal an, ich habe ein Bild von mir – was ich glücklicherweise nicht habe. Wenn ich also ein Bild habe, ist es dann möglich, es zu löschen, es zu verstehen und darum aufzulösen und niemals ein neues Selbst-Image aufzubauen? Indem ich in einer Gesellschaft lebe und in dieser erzogen werde, habe ich unweigerlich ein Bild aufgebaut. Kann nun dieses Bild gelöscht werden? Die Aufmerksamkeit als Mittel zu nutzen, um es zu löschen – das funktioniert nicht. Aufmerksamkeit entsteht nur durch das Verstehen des Bildes, durch das Verstehen der Verletzungen, durch das Verstehen der eignen Erziehung, der Art wie wir in der Familie und in der Gesellschaft aufgezogen wurden, indem wir das alles verstehen. Aus diesem Verstehen heraus entsteht Aufmerksamkeit, nicht: Erst Aufmerksamkeit und dann das Löschen. Sie können gar nicht wirklich anwesend sein, wenn Sie verletzt sind. Wenn ich verletzt bin, wie kann ich wirklich zugegen sein? Weil dieses Verletztsein mich bewusst oder unbewusst von dieser vollkommenen Aufmerksamkeit abhalten wird.

Hierin sind also zwei Fragen enthalten: Können die Verletzungen geheilt werden, ohne eine Narbe zurückzulassen? Und können zukünftige Verletzungen vollkommen vermieden werden, ohne einen Widerstand zu leisten? Das sind zwei Probleme. Und sie können nur verstanden und gelöst werden, wenn ich dem Verstehen meiner Verletzungen volle Aufmerksamkeit schenke, wenn ich sie anschaue, sie nur anschaue – worauf wir schon beim Problem der Wahrnehmung hingewiesen haben –, meine Verletzungen nur anschauen: Die Verletzungen, die ich hinnehmen musste, die Beleidigungen, das Nichtbeachtetwerden, die hingeworfenen Worte, die Gesten, all diese Verletzungen. Und die Sprache, die man benutzt, besonders in diesem Land. Wie kann man ganz sein, wenn man verletzt ist? Es ist außerordentlich wichtig, diese Frage zu verstehen.

A. W. Anderson: Ja, das ist es. Aber ich denke gerade an ein Kind, das schon angefüllt mit Verletzungen zur Schule kommt, ich denke also nicht an ein kleines Kind in der Wiege, sondern an eines, das bereits verletzt wurde, und wieder verletzt ist, weil es verletzt wurde. Das vervielfacht sich endlos.

Krishnamurti: Natürlich. Durch diese Verletzung ist es gewalttätig. Durch diese Verletzung ist es ängstlich und introvertiert. Durch diese Verletzung wird es neurotisch handeln. Durch diese Verletzung wird es alles akzeptieren, was ihm Sicherheit gibt: Gott. Seine Idee von Gott ist ein Gott, der niemals verletzen wird. Liebe haben wir nie bekommen. Eltern lieben ihre Kinder nicht. Sie mögen über Liebe sprechen. Denn in dem Moment, in dem sie die Jungen mit den Älteren vergleichen, verletzen sie das Kind. Dein Vater war so klug, und Du bist ein so dummer Junge. Damit fängt es an. Dann bekommen sie in der Schule Zeugnisse, die verletzen. Es sind keine Zensuren, es sind absichtliche Verletzungen. Und das wird in der Erinnerung gespeichert, und dadurch entsteht Gewalttätigkeit. Da gibt es jede Art von Aggression. Ein solcher Verstand kann also nicht heil gemacht werden oder heil sein, wenn dieses nicht zutiefst verstanden wird.

Der Mensch wird verletzt und verletzt selbst immerzu. Das Kind ist schon fertig, gequält. Darin liegt die Tragödie, das meine ich. Das ist Teil der Erziehung, das ist Teil der Kultur. Unsere Zivilisation ist verletzend. Man sieht dieses überall auf der Welt, ständigen Vergleich, ständige Nachahmung. Ständig wird gesagt: Du bist so oder so, und ich muss wie Du sein, ich muss wie Krishna sein, wie Buddha, wie Jesus. Das ist Verletzung. Religionen haben die Menschen verletzt.