Über das Verletztsein – Teil 5

A. W. Anderson: Verletzten Eltern wird ein Kind geboren. Es wird zur Schule geschickt, wo es von einem verletzten Lehrer unterrichtet wird. Jetzt fragen Sie, ob es einen Weg gibt, dieses Kind so zu erziehen, dass es sich davon erholt?

Krishnamurti: Ich sage, es ist möglich, wenn der Lehrer, der Erziehende erkennt, dass er verletzt ist und dass auch das Kind verletzt ist. Wenn er seiner eigenen Verletzung und der des Kindes gewahr ist, dann verändert sich die Beziehung. Dann wird er sich beim Unterrichten von Mathematik oder was auch immer, nicht nur selbst von seiner Verletzung befreien, sondern auch dem Kind helfen, von seiner Verletzung freizukommen.

Das ist Erziehung: Zu sehen, dass ich, der Lehrer, verletzt bin; ich bin durch die Qualen der Verletzungen gegangen und ich möchte diesem Kind helfen, nicht verletzt zu sein, obwohl es bereits verletzt in die Schule gekommen ist. Also sage ich: »In Ordnung, mein Freund, wir sind beide verletzt, lass uns einander helfen, es zu beseitigen. »Das ist eine Handlung aus Liebe. Es gibt niemanden, der nicht an seinen Verletzungen trägt, außer sehr, sehr wenigen. Sehen Sie, mir persönlich sind sehr viele Dinge zugestoßen, aber ich bin niemals verletzt worden. Ich sage dies in aller Demut im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiß nicht, was es bedeutet, verletzt zu sein. Vieles ist mir geschehen. Leute haben mir alles mögliche angetan, mich gerühmt, mir geschmeichelt, mich herumgestoßen, alles mögliche. Es ist möglich, nicht verletzt zu sein. Und als Lehrer, als Erzieher liegt es in meiner Verantwortung, darüber zu wachen, dass das Kind nie verletzt wird, und nicht nur irgendein verzwicktes Thema zu unterrichten. Das ist weit wichtiger.

A. W. Anderson: Ich glaube, ich verstehe in etwa, was Sie meinen. Ich glaube nicht, dass ich sagen könnte, ich sei niemals verletzt worden. Obwohl ich schon als Kind Schwierigkeiten hatte, Verletzungen zu behalten. Ich erinnere mich, dass ein Kollege in einer Diskussion über einen persönlichen Konflikt mit einiger Gereiztheit zu mir sagte: »Das Problem mit Dir ist, dass Du nicht hassen kannst.« Die Unfähigkeit, im andern den Feind zu sehen und nur den Feind, wurde als anomal, als Mangel betrachtet.

Krishnamurti: Geistige Gesundheit wird für ungesund gehalten. Die Frage ist also: Kann ein Erzieher seine eigenen Verletzungen beobachten, ihrer gewahr werden und in seiner Beziehung zu dem Schüler seine eigenen und des Studenten Verletzungen auflösen? Das ist das eine Problem. Es ist möglich, wenn der Lehrer wirklich, im tiefsten Sinne des Wortes ein Erzieher ist, also kultiviert ist.

Und die nächste Frage, die daraus hervorgeht, lautet: Ist der Verstand, der weiß, dass er verletzt wurde, fähig, nicht verletzt zu werden, so dass keine weiteren Verletzungen hinzukommen? Ich habe diese zwei Probleme: Verletzt zu sein (das ist die Vergangenheit) und nie wieder verletzt zu werden. Das bedeutet nicht, dass ich eine Mauer des Widerstandes aufbaue, dass ich mich zurückziehe, dass ich in irgendein Kloster gehe oder ein Drogenabhängiger werde oder etwas ähnlich Dummes, sondern es gibt einfach keine Verletzungen mehr. Ist das möglich?

Sehen Sie die beiden Fragen? Was ist nun Verletztsein? Was ist es, das verletzt wird? Wir sagten, dass die physische Verletzung nicht dasselbe ist wie die psychische. Wir haben es also mit psychischer Verletzung zu tun. Was ist das, was verletzt wird? Die Psyche? Das Bild, das ich von mir selbst habe? Das habe ich in mir selbst angelegt. Warum sollte ich in mir selbst etwas anlegen? Was ist dieses Selbst, in dem ich etwas anlegen muss? Was ist dieses Selbst? All die Wörter, die Namen, die Werte, die Erziehung, die Bankkonten, die Möbel, das Haus und die Verletzungen, all das bin »ich selbst«.

Hätte ich zu unterrichten, dann wäre dieses das erste, womit ich beginnen würde, nicht mit irgendeinem Fach. Ich würde sagen: »Schau her. Du bist verletzt und ich bin verletzt. Wir sind beide verletzt.« Und ich würde darauf hinweisen, was Verletzung anrichtet, wie sie Menschen tötet, wie sie Menschen zerstört; daraus entsteht Gewalttätigkeit, daraus entsteht Brutalität, daraus entsteht, dass ich Menschen verletzen möchte. Verstehen Sie? All das gehört dazu. Ich würde jeden Tag zehn Minuten damit verbringen, auf unterschiedliche Weise darüber zu sprechen, bis wir es gemeinsam erkennen. Als Erzieher würde ich dann das richtige Wort verwenden und auch der Schüler wird das richtige Wort benutzen, wir lassen uns beide darauf ein. Genau das tun wir aber nicht. In dem Moment, in dem wir in die Klasse kommen, nehmen wir ein Buch in die Hand und los geht's. Wenn ich ein Erzieher wäre, entweder mit älteren oder mit jüngeren Leuten, würde ich diese Beziehung herstellen. Das ist meine Pflicht, das ist mein Job, das ist meine Funktion. Ich bin nicht nur dazu da, Informationen zu vermitteln.

A. W. Anderson: Ja, das ist wirklich etwas sehr Tiefgreifendes. Einer der Gründe, warum das, was Sie sagten, für einen Erzieher mit akademischem Hintergrund so schwierig ist: Wir wollen nicht nur hören, dass diese Transformation möglich ist, sondern wir wollen sie auch durch Demonstration bewiesen wissen und darum nicht nur als Möglichkeit, sondern als Gewissheit. Und dann fallen wir wieder in das ganze Chaos zurück. Könnten wir nächstes Mal all dieses in Beziehung zu Liebe bringen. Es scheint mir …

Krishnamurti: … als fügte sich alles zusammen.

25. Februar 1974