Liebe, Sex und Vergnügen – Teil 1

A. W. Anderson: In unserem letzten Gespräch haben wir über Religion in Beziehung zur Transformation eines jeden Menschen gesprochen, einer Transformation, die nicht von Wissen oder Zeit abhängt, und Sie sprachen über die Bedeutung von wahrer Religion, über ihre Beziehung zum Akt der Aufmerksamkeit und darüber, wie dieser Akt der Aufmerksamkeit einfach zunichte wird, wenn die ganze persönliche Geschichte mit ihren Verletzungen noch vorhanden ist. Er kann nicht Zustandekommen. Vielleicht könnten wir jetzt das Thema Liebe untersuchen.

Krishnamurti: Wenn Sie das Wort »untersuchen« benutzen, verwenden Sie es dann intellektuell, untersuchen Sie mit dem Intellekt? Oder suchen Sie in Beziehung zum Wort und sehen darin den Spiegel, der uns selbst enthüllen wird? Das bedeutet, dass das Wort der Spiegel ist, in dem ich als Mensch beobachte. Das Wort »untersuchen« bedeutet wirklich, mich selbst in dem Spiegel des Wortes, das Sie benutzt haben, zu beobachten. Das Wort wird dann also die Sache. Es bleibt nicht nur das Wort selbst. Und darum ist es keine intellektuelle, keine theoretische Untersuchung. Das »Untersuchen« bedeutet auch, dass der Verstand sehr ernsthaft sein muss, nicht in dem bloßen Wunsch gefangen ist, etwas zu erreichen – zu wissen, wie man die Liebe seines Nachbarn erlangt. Also glaube ich, wenn wir das Wort »Liebe« erforschen, seine Bedeutung und Wichtigkeit untersuchen, müssen wir damit sehr, sehr ernsthaft umgehen, weil dieses Wort so vage gebraucht wird, es ist so korrupt geworden – als Liebe zu Gott, Liebe zur Ehefrau, Liebe zum Besitz, Liebe zum Land, Liebe zum Lesen oder zum Kino. Und eine unserer Schwierigkeiten ist, dass moderne Erziehung uns nicht ernsthaft macht. Wir werden Spezialisten – ein erstklassiger Doktor, ein erstklassiger Chirurg, ein erstklassiger Physiker. Aber der Spezialist wird auf diese Weise zu einer Bedrohung.

Erziehung heißt, wie wir schon früher sagten, ermutigen, bewirken, dass der menschliche Verstand ernsthaft ist, ernsthaft, um herauszufinden, was es bedeutet zu leben und nicht nur ein Spezialist zu werden. Wenn man das nun alles versteht, was ist dann Liebe? Ist Liebe Vergnügen? Ist Liebe der Ausdruck für Verlangen? Ist Liebe erfüllter sexueller Appetit? Ist Liebe die Jagd nach einem erwünschten Ziel? Die Identifizierung mit einer Familie, mit einer Frau, mit einem Mann? Ist Liebe etwas, das kultiviert werden kann, das man zum Wachsen bringen kann, wenn man keine Liebe hat?

Denke ich also darüber nach, tue alle möglichen Dinge, so dass ich weiß, wie ich meinen Nachbarn lieben kann? Ist Liebe also Vergnügen? Es sieht so aus. Das ist es, was wir Liebe nennen. Liebe zu Gott. Ich weiß nicht, was Gott ist, und doch soll ich ihn lieben. Und darum übertrage ich mein weltliches Vergnügen an Gegenständen und an Sex auf eine höhere Ebene, die ich Gott nenne. Es ist immer noch Vergnügen. Was ist also Vergnügen im Zusammenhang mit Liebe? Was ist Sicherfreuen im Zusammenhang mit Liebe? Was ist Freude, das unbewusste Gefühl der Freude? In dem Moment, in dem ich Freude erkenne, ist sie vorbei.

Und in welchem Zusammenhang stehen Freude, Erfreuen und Vergnügen mit Liebe? Wenn wir das nicht verstehen, können wir nicht verstehen, was Liebe ist. Sehen wir, was geschieht. Liebe ist mit Sex, mit sexueller Liebe, mit »Liebe machen« identifiziert worden. Es ist eine schreckliche Sache. Der Ausdruck versetzt mir einen Schock, »Liebe machen«, als ob das Liebe wäre. Die westliche Zivilisation hat dies durch Kinos, Bücher, durch Pornographie, durch alle Arten von Werbung über die ganze Welt verbreitet. Der Sinn für Liebe wird gleichgesetzt mit Sex, der im Grunde nur Vergnügen ist.

Kann also der Verstand – wir müssen wieder auf diesen Punkt zurückkommen –, kann der Verstand das Wesen des Vergnügens und seine Beziehung zur Liebe verstehen? Kann der Verstand, der dem Vergnügen nachjagt, ein ehrgeiziger Verstand, ein wetteifernder Verstand, ein Verstand, der sagt: »Ich muss etwas aus meinem Leben machen, ich muss mich selbst und andere belohnen, ich muss konkurrieren«, kann ein solcher Verstand lieben? Er kann sexuell lieben. Aber ist die sexuelle Liebe das einzige? Warum haben wir aus dem Sex eine so enorme Angelegenheit gemacht? Ganze Bände sind darüber geschrieben worden. Ohne dieses sehr, sehr tief zu ergründen, ist es nicht möglich, das andere zu verstehen.

Wir können endlos theoretisch darüber reden, was Liebe ist, und was Liebe nicht ist. Wenn wir jedoch das Wort Liebe als einen Spiegel benutzen, um zu sehen, was innerlich geschieht, muss ich unausweichlich die Frage stellen, ob es nicht doch Vergnügen in einer seiner vielfältigen Formen ist? Kann ein Mann in leitender Position, die er durch Energie, durch Aggression, durch Täuschung, durch Unbarmherzigkeit erreicht hat, kann solch ein Mann wissen, was Liebe ist? Kann der Priester, der andauernd von Gott redet, der den Ehrgeiz hat, Bischof oder Erzbischof zu werden, oder was auch immer – vielleicht möchte er neben Jesus sitzen –, kann dieser Priester wissen, was Liebe ist? Kann also dieser Priester, der darüber spricht, wissen, was Liebe ist?