Liebe, Sex und Vergnügen – Teil 2

Unsere ganze soziale, moralische Struktur ist unmoralisch. Das hat etwas Erschreckendes. Und niemand will es ändern. Im Gegenteil, sie sagen, lasst uns so weitermachen, gebt ihr einen neuen Anstrich, in anderen, etwas angenehmeren Farben. Wenn also jemand wirklich interessiert ist herauszufinden, was Liebe ist, muss er den Stellenwert des Vergnügens erkennen, ob es nun intellektuelles Vergnügen ist, oder das Vergnügen am Erwerb von Wissen, das Erlangen einer Machtstellung, und muss das alles negieren. Wie kann ein Verstand, der trainiert, konditioniert und in dieser verrotteten sozialen Prägung gestützt worden ist, wie kann er sich selbst befreien, bevor er von Liebe spricht? Er muss sich erst davon befreien, sonst spricht man nur von Liebe, und es ist eben nur ein weiteres Wort, das keine Bedeutung hat.

A. W. Anderson: Wir scheinen besonders in der westlichen Kultur sehr sexgebunden zu sein. Einerseits fürchten wir uns davor, unglücklich zu sein, wenn wir sexuell nicht erfolgreich sind. Doch auf der anderen Seite konzentriert sich die klinische Psychologie während ihrer gesamten Geschichte genau auf das Krankhafte der Sexualität. Als sei sie fähig, uns durch Forschung davon zu befreien. Die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Aktivitäten, dem Wunsch erfolgreich zu sein auf der einen Seite, und der Notwendigkeit zu studieren, was an diesem Trieb falsch sei auf der anderen Seite, schafft Lähmung.

Krishnamurti: Sie sehen also, dass der Sex überall auf der Welt so außerordentlich wichtig geworden ist. In Asien verschleiern sie es. Sie sprechen dort nicht darüber. Wenn Sie dort über Sex sprechen, ist das etwas Schlimmes. Hier spricht man pausenlos darüber. Aber dort spricht man über gewisse Dinge nicht. Man kann im Schlafzimmer darüber reden, oder vielleicht noch nicht einmal dort. Man tut es eben einfach nicht. Wenn ich in Indien spreche, bringe ich das Thema auf. Sie sind dann ein bisschen geschockt, denn ein religiöser Mann sollte sich nicht mit solchen Dingen befassen. Er sollte nicht darüber reden. Warum ist Sex so wichtig geworden? Sehen Sie, letzten Endes ist Liebe die totale Abwesenheit des »Ich«, meines Ego, meiner Ambitionen, meiner Gier, vollkommene Verneinung all dessen, Verneinung, nicht brutales Leugnen, nicht chirurgische Eingriffe, sondern das Verstehen all dessen. Wenn das »Ich« nicht ist, ist das andere. Ganz offensichtlich. Es ist so einfach. Wissen Sie, mir wurde erzählt, dass das Zeichen der Christen, das Kreuz, ein sehr, sehr altes vorchristliches Symbol sei. Es bedeute, das »Ich« auszustreichen.

A. W. Anderson: Das habe ich nie gehört.

Krishnamurti: Streiche das Ich aus. Wenn wir also die Frage der Liebe erforschen, müssen wir das Vergnügen untersuchen, das Vergnügen in all seinen Variationen und seine Beziehung zur Liebe, die man nicht herbeiführen kann. Die Welt hat aus dem Sex eine riesengroße Angelegenheit gemacht. Und überall auf der Welt haben ihn die Priester geleugnet. Sie werden niemals eine Frau ansehen, obwohl sie innerlich vor Lust brennen. Sie schließen die Augen. Und sie sagen, dass nur ein enthaltsam lebender Mensch als Vollkommener zu Gott kommen kann. Sehen Sie die Absurdität einer solchen Behauptung. Demnach ist jeder, der jenseits der vorgegebenen Normen Sex ausübt, für immer verdammt. Die ganze Idee von der Jungfrau Maria, die eine Farce ist.

Warum also haben wir den Sex zu einer so phantastischen, romantischen und sentimentalen Angelegenheit gemacht? Ist es, weil wir intellektuell verkrüppelt sind? Wir sind Menschen aus zweiter Hand. Ich wiederhole, was Plato, Aristoteles, Buddha oder irgend jemand gesagt hat, daher ist mein Geist intellektuell gesehen drittklassig. Er ist niemals frei. So bin ich intellektuell betrachtet ein Sklave, und emotional werde ich romantisch, sentimental. Und die einzige Ausflucht ist Sex. Dabei bin ich frei. Wenn die Frau oder der Mann zustimmt, wenn sie zueinander passen, dann ist es die einzige Tür, durch die ich gehen kann und die es mir ermöglicht zu sagen: Um Gottes willen, wenigstens hier bin ich frei. Im Büro werde ich schikaniert, in der Fabrik drehe ich nur die Räder. Also ist es meine einzige Zuflucht. Für den armen Bauern und Dorfbewohner in Indien ist es das einzige, was sie haben und Religion wird als etwas anderes angesehen: »Ich gebe zu, wir sollten keusch leben, wir sollten dies und das, aber lasst uns um Gottes willen bei unseren Vergnügungen, bei unserem Sex in Ruhe.« So sieht es also aus: Wir sind intellektuell, moralisch und spirituell verkrüppelte, degenerierte Menschen, und Sex ist das einzige, was uns etwas Befreiung, etwas Freiheit gibt.

Auf anderen Gebieten haben wir keine Freiheit. Ich muss jeden Tag ins Büro oder in die Fabrik gehen, muss dreimal in der Woche ins Kino gehen oder irgend etwas tun, was immer es auch sei, und wenigstens hier bin ich ein Mann, bin ich eine Frau. Also habe ich Sex zu einer enormen Angelegenheit gemacht. Und wenn ich nicht sexuell interessiert bin, muss ich herausfinden, warum ich es nicht bin. Ich verbringe Jahre damit, es herauszufinden. Ganze Bücher werden darüber geschrieben. Es ist widerlich und dumm geworden.