Liebe, Sex und Vergnügen – Teil 4

A. W. Anderson: Während Sie über Keuschheit sprachen, kam mir in den Sinn, dass ein keuscher, ein unschuldiger Geist ein ungespaltener Geist sein müsste. Das Ausmaß dessen, was Sie ansprachen, ist wirklich bestürzend, und ich würde gern für einen Moment dabei bleiben. Ich habe sehr aufmerksam zugehört. Ihr radikaler Rat, dieses zu beenden, ist in sich selbst so extrem, dass er eine Art von Ernsthaftigkeit erfordert, deren Bedeutung wir nicht wirklich verstehen. Die Beziehung zwischen Ernsthaftigkeit und Liebe ist mir hier zu Bewusstsein gekommen.

Krishnamurti: Ja, wenn ich ernsthaft bin, werde ich niemals töten, und Liebe ist dann zu wirklichem Mitgefühl geworden. Leidenschaft für alles bedeutet Mitgefühl für alles. Nehmen wir einmal an, meine Schwester – ich habe keine –, meine Schwester würde angegriffen, ein Mann versuchte, sie zu vergewaltigen. Ich würde augenblicklich handeln. Weil ich liebe, weil ich Mitgefühl habe, dieses Mitgefühl schafft Intelligenz, und diese Intelligenz handelt in dem Moment. Wenn Sie mich jedoch fragen, was würden Sie tun, wenn Ihre Schwester angegriffen würde, müsste ich sagen, ich weiß es nicht. Ich werde es dann wissen. Neulich sah ich im Fernsehen eine enorme Interkontinentalrakete auf dem Roten Platz, die blind töten würde, wenn sie abgeschossen würde. Und die Amerikaner haben sie, die Inder haben sie, die Franzosen haben sie.

Kann also der Geist von diesem Drang zu töten frei sein? Was bedeutet, kann der Geist frei von Verletzung sein? Solange es Verletzungen gibt, tut er alle möglichen neurotischen Dinge. Ist Vergnügen Liebe? Ist Verlangen Liebe? Aber wir haben das Vergnügen, das Verlangen zu Liebe gemacht. Ich verlange nach Gott. Ich muss etwas über Gott lernen. Sie kennen das alles. Gott ist meine Erfindung, meine Vorstellung, aus meinen Gedanken heraus habe ich diese Vorstellung geschaffen und daher bewege ich mich im Kreise. Ich muss also wissen, was Freude ist. Ist ein Sich-Erfreuen ein Sich-Vergnügen? Wenn ich mich an einem guten Essen erfreue oder an einem Sonnenuntergang, oder ich sehe einen wunderschönen Baum oder eine Frau oder sonst etwas, und das endet nicht im selben Moment, dann wird das zum Vergnügen. Wenn das Denken diese Freude in den nächsten Tag mit hinübernehmen und wiederholt haben möchte, dann wird sie zum Vergnügen, dann ist sie keine Freude mehr. Ich freue mich und damit ist es zu Ende.

A. W. Anderson: William Blake hat auf sehr schöne Weise darauf hingewiesen. Und natürlich wurde er als Verrückter angesehen. In einer seiner Strophen heißt es: »Wer die Freude im Fluge küsst, lebt im Sonnenaufgang der Ewigkeit.« Es ist die Freude, die er im Fluge küsst, die Freude, und nicht das Vergnügen. Und was Sie gesagt haben ist, wenn man sie nicht fliegen lässt, sie festhält, fällt man aus diesem Akt der Freude in die …

Krishnamurti: … Jagd nach dem Vergnügen.

A. W. Anderson: Eine endlose, sich wiederholende und am Ende traurige, langweilige Angelegenheit.

Krishnamurti: Und ich denke, genau das passiert in diesem Land, ebenso wie in Europa und Indien, aber hauptsächlich in diesem Land. Das Verlangen nach sofortiger Erfüllung, das Prinzip der Jagd nach dem Vergnügen, Unterhaltung um jeden Preis, Fußball oder sonstwas: Unterhaltung muss sein. Sowie ich Gefahr sehe, handle ich. Ich sehe, dass das Fortführen der Gedanken beim Vergnügen gefährlich ist; ich sehe die Gefahr darin und beende es daher sofort. Wenn ich die Gefahr nicht sehe, mache ich weiter. Wenn ich die Gefahr der Nationalität nicht erkenne – ich benutze das hier als sehr einfaches Beispiel, dann mache ich weiter, mordend, trennend, im Streben nach meiner Sicherheit. Aber wenn ich die Gefahr erkenne, hat das ein Ende.

A. W. Anderson: Könnten wir hier Liebe mit Erziehung in Verbindung bringen? Ich denke an den Studenten, der zum Lehrer kommt und sagt: »Ich muss einfach mein Leben ändern.« Das heißt, manchmal trifft man einen Studenten, der es bis obenhin satt hat, wie wir sagen. Die erste Frage, die er normalerweise an uns stellt, lautet: »Was muss ich tun?« Das ist natürlich eine Falle, denn sie suchen nach einer Methode, wenn sie das sagen. Ich erkenne das jetzt mit viel größerer Klarheit als vorher. Hier sprechen wir nicht über eine Methode.

Krishnamurti: Die Methode ist das Ende. Lassen Sie uns zuerst die Frage stellen. Sie lautet: Was habe ich in dieser Welt zu tun? Welches ist mein Platz in dieser Welt? Zunächst einmal: Die Welt ist ich, ich bin die Welt. Das ist eine absolute Tatsache. Und was soll ich tun? Die Welt ist korrupt, unmoralisch, mörderisch. Es gibt keine Liebe, es gibt Aberglauben. Verstand und Hand sind Idole geworden. Es gibt Krieg. Das ist die Welt. Welche Beziehung habe ich zu ihr? Meine Beziehung zur Welt existiert nur, wenn ich das alles bin. Wenn ich das alles nicht bin, habe ich keinerlei Beziehung zu ihr. Für mich ist die Welt korrupt, auf Töten eingestellt. Und ich werde nicht töten.