Eine andere Art zu leben – Teil 2

Konflikt heißt Kampf der Gegensätze. Konflikt bedeutet: Du und ich, wir und sie, Amerikaner und Russen, Teilung, Teilung, Teilung – nicht nur innere, sondern auch äußere Zersplitterung. Wo es Zersplitterung gibt, muss es Kampf geben. Ein Fragment übernimmt die Macht und dominiert die anderen Fragmente. Ein intelligenter Mensch – falls es einen solchen gibt, muss eine Art zu leben finden, die nicht bedeutet halb zu schlafen, zu vegetieren, die nicht Flucht in irgendeine schwärmerische, mystische Vision und dieses ganze Zeug ist, sondern eine alltägliche Lebensweise, in der jede Art von Konflikt ein Ende gefunden hat. Es ist möglich.

Ich habe all diese Kämpfe um mich herum während der letzten fünfzig Jahre beobachtet, die spirituellen, die wirtschaftlichen und die sozialen, die Kämpfe der Diktaturen, der Faschisten, der Kommunisten, der Nazis und einer Klasse, welche die andere bekämpft. Dies alles hat seine Wurzeln in Anhalten zum Gehorsam, Abhalten vom Gehorsam, Nachahmung, Anpassung, Gehorchen: In jeder Art von Kampf. Das Leben ist also ein Kampf geworden. Und für mich persönlich bedeutet diese Lebensweise, auf die zerstörerischste, unschöpferischste Art zu leben. Ich werde so nicht leben. Ich würde lieber verschwinden.

A. W. Anderson: Ich glaube, einige Verwirrung in unseren Köpfen entsteht, wenn wir uns mit diesem Kampf, so wie Sie ihn beschreiben, identifizieren. Wenn wir anfangen, über die Frage nachzudenken, ob dies so weitergehen soll, und wir dabei das Bild eines Kampfs vor Augen haben, dann stellen wir uns vor, es sei die menschliche Entsprechung zu dem, was in der Natur als »sich mit Zähnen und Klauen verteidigen« bezeichnet wird. Wenn ich Sie jedoch richtig verstanden habe, ist das ein kardinaler Fehler, denn Sie haben in unseren früheren Gesprächen sehr klar darauf hingewiesen, dass wir zwischen Angst und Gefahr unterscheiden müssen. Bei Gefahr reagieren Tiere in ihrer eigenen Umgebung sofort und eindeutig. Wir scheinen jedoch einen Fehler zu machen, wenn wir uns dem Problem des menschlichen Konflikts durch diese Analogie nähern. Sie ist, wenn ich Sie richtig verstanden habe, hier nicht anwendbar.

Krishnamurti: Nein, das ist sie nicht. Wir studieren die Tiere und die Vögel, um die Menschen zu verstehen, während man doch den Menschen studieren kann, der man selbst ist. Sie brauchen nicht die Tiere heranzuziehen, um den Menschen kennenzulernen. Dieses ist wirklich eine sehr wichtige Frage, denn ich habe, wenn ich ein bisschen über mich selbst sprechen darf, all das beobachtet. Ich habe es in Indien beobachtet, an Sannyasins, Mönchen, Gurus, ihren Jüngern und an den Politikern auf der ganzen Welt – irgendwie ergibt es sich, dass ich sie alle treffe –, an bekannten Schriftstellern, einigen Malern. Die meisten haben mich aufgesucht. Und sie haben tiefe Angst, dass sie ein Nichts sind, wenn sie nicht kämpfen. Sie werden Versager sein. Das heißt, für sie ist dieses die einzige und richtige Art zu leben.

Und das wird uns von Kindheit an beigebracht. Das ist unsere Erziehung: Kämpfen, nicht nur mit uns selbst, sondern mit dem Nächsten und ihn trotzdem lieben, nicht wahr? Es wird so lächerlich. Gibt es also, nachdem wir dies klargelegt haben, einen Weg, ohne Konflikt zu leben?

Ich sage, es gibt ihn. Ganz offensichtlich, nämlich, indem wir die Teilung verstehen, den Konflikt verstehen, erkennen, wie zersplittert wir sind und nicht versuchen, die Fragmente zusammenzufügen, was unmöglich ist. Denn das Handeln aus dieser Wahrnehmung heraus unterscheidet sich vollkommen von einem Integrieren. Das Erkennen der Zersplitterung, die Konflikt hervorruft, die Teilung hervorruft, die diesen ständigen Kampf, die Angst, die Anspannung und das Herzversagen verursacht; dies ist es, was geschieht. Es erkennen, es wahrnehmen.

Dieses Wahrnehmen bringt ein Handeln hervor, das sich vollkommen von dem Handeln im Konflikt unterscheidet. Denn das Handeln aus einem Konflikt heraus hat seine eigene Energie, schafft seine eigene Energie, die wiederum Teilung verursacht, die zerstörerisch und gewalttätig ist. Aber die Energie des Wahrnehmens und Handelns ist vollkommen anders. Und diese Energie ist die Energie der Schöpfung. Alles, was aus der Schöpfung entsteht, kann sich nicht in Konflikt befinden. Ein Künstler, der sich in Konflikt mit seinen Farben befindet, ist kein schöpferischer Mensch, obwohl er mag handwerklich und technisch perfekt sein, eine Anlage zum Malen haben.

Unsere Lebensweise ist die unbrauchbarste, unsinnigste Art zu leben. Und wir wollen diese unsinnige Weise praktischer machen. Das verlangen wir immer. Wir sagen niemals: Lasst uns eine Lebensweise finden, die ganz ist und daher gesund, vernünftig und heilig. Wenn man auf diese Weise das Leben wahrnimmt, ist das Handeln die Freisetzung totaler Energie, die nicht zersplittert ist, und daher nichts zu tun hat mit dem Künstler, dem Geschäftsmann, dem Politiker, dem Priester oder Laien.

Um nun einen solchen Geist hervorzubringen, solch eine Lebensweise, muss man beobachten, was wirklich äußerlich und innerlich stattfindet, in uns und außerhalb von uns. Es anschauen, nicht versuchen, es umzugestalten, nicht versuchen, irgendeine Anpassung vorzunehmen, sondern wirklich die Tatsachen sehen: Ich schaue einen Berg an, ich kann ihn nicht verändern, nicht einmal mit einem Bulldozer kann ich ihn verändern. Aber wir wollen das, was wir sehen, verändern. Der Beobachter ist das Beobachtete. Darum gibt es nichts daran zu verändern. Wobei es bei der Wahrnehmung keinen Beobachter gibt. Es gibt nur das Sehen und darum das Handeln.