Eine andere Art zu leben – Teil 4

A. W. Anderson: Das sagt dasselbe aus wie: Ich bin die Welt und die Welt ist ich.

Krishnamurti: Das ist richtig. Also, das sind meine Möbel, das ist mein Gott, das ist mein Glaube in all seinen Nuancen und mit all seinen Spitzfindigkeiten. All das ist Teil meines Bewusstseins, das sagt: Ich bin. Das bin ich, ich bin die Möbel. Wenn ich sage, das sind meine Möbel, wenn ich mich damit identifiziere, dann bin ich daran gebunden, ich bin sie. Ich bin das Wissen, das ich erlangt habe, mit dem ich aufgewachsen bin, mit dem ich Erfolg hatte, das mir große Bequemlichkeit gegeben hat, ein Haus, eine Position und Macht. Das Haus bin ich. Der Kampf, den ich durchlebt habe, das Leiden, die Qual, bin ich. Es ist mein Bewusstsein.

Also ist Bewusstsein sein Inhalt. Es gibt keine Trennung in ein Bewusstsein und seinen Inhalt. Ich kann das Bewusstsein ausdehnen oder erweitern, horizontal oder vertikal, aber es ist immer noch innerhalb dieses Feldes. Ich kann es ausdehnen, indem ich sage, Gott ist unermesslich. Das ist mein Glaube. Und ich habe mein Bewusstsein erweitert, indem ich mir vorstelle, es sei erweitert. Was immer das Denken in der Welt erschaffen hat, in meinem Innern befindet sich der Inhalt. Die ganze Welt, besonders im Westen, basiert auf dem Denken. Ihre Aktivitäten, ihre Forschungen, ihre Errungenschaften, ihre Religionen sind im wesentlichen das Resultat des Denkens, mit all seinen Bildern. Das ist also der Inhalt des Bewusstseins.

Daraus entspringt die Frage: Was ist Tod? Ist der Tod das Ende des Bewusstseins mit seinem Inhalt? Oder ist der Tod eine Fortdauer dieses Bewusstseins? Ihr Bewusstsein unterscheidet sich nicht von meinem. Es mag kleine Unterschiede, kleine Veränderungen geben, ein wenig Erweiterung, etwas Verkleinerung. Aber im wesentlichen ist Bewusstsein sowohl Ihres als auch meines, denn ich bin an mein Haus gebunden und Sie an Ihres. Ich bin an mein Wissen, an meine Familie gebunden. Ich bin verzweifelt, ob ich in Indien, England oder in Amerika lebe, wo auch immer, so dass das Bewusstsein gemeinsam ist. Dies ist unwiderlegbar.

Sehen Sie, was geschieht. Ich habe diesen Inhalt niemals geprüft. Ich habe ihn niemals aus der Nähe betrachtet, und ich habe Angst. Angst vor etwas, das ich den Tod nenne, das Unbekannte. Lassen Sie es uns für einen Moment das Unbekannte nennen. Ich habe also Angst. Es gibt darauf keine Antwort. Jemand kommt vorbei und sagt: »Ja, mein Freund, es gibt ein Leben nach dem Tode. Ich habe Beweise dafür. Ich weiß, dass es existiert, denn ich bin meinem Bruder, meinem Sohn begegnet.« Wir werden gleich darauf eingehen. Ich also, ängstlich, besorgt, furchtsam, krank, akzeptiere das sofort freudig und sage: »Ja, es gibt Reinkarnation. Ich werde im nächsten Leben wiedergeboren, und dieses Leben ist mit Karma verbunden.« Das Wort Karma bedeutet handeln, nichts weiter, nicht das ganze Geschwätz, das damit verbunden ist, lediglich handeln.

Und nun sehen Sie, was dazugehört – das heißt, wenn ich an Reinkarnation glaube –, das ist dieses Bewusstsein mitsamt seinem Inhalt, welches das Ich, mein Ego, mein Selbst, meine Aktivitäten, meine Hoffnungen und mein Vergnügen ist. All das ist mein Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein – das mein und dein, sein und ihr gemeinsames Bewusstsein ist – wird im nächsten Leben wiedergeboren werden. Das wird im nächsten Leben wiedergeboren. Und sie sagen, wenn du dich jetzt anständig benimmst, wirst du im nächsten Leben belohnt werden. Das ist Teil der Kausalität, Ursache und Wirkung. Benimm dich also, sonst wirst du im nächsten Leben bestraft werden. Du wirst belohnt, wenn du dich wohlverhältst. Die ganze östliche Welt basiert auf Reinkarnation und glaubt daran. Was geschieht also? Ich habe Trost gefunden in einem Glauben, der mir sagt, verhalte dich jetzt richtig, sei jetzt ein guter Mensch, verletze jetzt niemanden, aber in Wirklichkeit führe ich es nicht durch. Ich kann es hinauszögern, es verschieben und mich schlimm benehmen.

A. W. Anderson: Denn wir sind ja alle dazu ausersehen, es am Ende doch zu schaffen. Was bedeutet, dass die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit des Handelns überhaupt nicht begriffen worden ist.

Krishnamurti: Das ist richtig. Die Hindu waren wahrscheinlich die Urheber dieser Idee von Ursache und Wirkung. Die Wirkung wird durch die nächste Ursache verändert werden, und so entsteht diese endlose Kette. Und wenn sie endlos ist, werden wir sie irgendwann unterbrechen. Darum ist es egal, was Sie jetzt tun. Solch ein Glaube spendet großen Trost, denn er verspricht uns unser Weiterleben. Wir werden unseren Bruder, unsere Frau oder unseren Mann, oder wen auch immer, wiedersehen. Und in der Zwischenzeit beunruhige dich nicht allzu sehr und nimm das Leben nicht allzu ernst. Amüsiere dich gut, genieße es. Oder tu, wozu du Lust hast, bezahle ein bisschen dafür im nächsten Leben, aber mach weiter so.

A. W. Anderson: Ich sprach darüber mit einem sehr bekannten Hindu-Lehrer und habe genau diesen Punkt, den Sie eben betonten, erwähnt und meinte, es würde ihn beeindrucken. Ich sagte, es gäbe keine Hoffnung, dieses Wiederholen zu stoppen, wenn nicht sofortiges Handeln stattfindet. Und darum könne es hinsichtlich des Bewusstseinsinhaltes eines ganzen Volkes, das sich in diesem Begriff sonnt, kein wirkliches Interesse daran und nur endlose Wiederholung geben. Er hat nur gelacht, als ob ich irgendetwas wahrgenommen hätte, worüber die meisten sich offensichtlich ihre Köpfe nicht zerbrechen. Aber das Außergewöhnliche für mich war, dass er keinerlei Beunruhigung über das zeigte, was er mit seinem Intellekt erkannt hatte.

Krishnamurti: Es sind Heuchler, wenn sie das glauben und völlig konträr handeln.

A. W. Anderson: Ja, im strikten biblischen Sinne. Wir könnten in unserem nächsten Gespräch mit dem Thema Tod fortfahren.

26. Februar 1974