Der Tod – Teil 3

Es ist also sehr wichtig herauszufinden, ob es möglich ist, dass das Bewusstsein sich seines Inhalts entledigt, und herauszufinden, was das Sterben des Ich bedeutet. Denn das ist das »Ich«. Ich, der ich so gearbeitet habe, der ich ein rechtschaffenes oder ein nichtrechtschaffenes Leben gelebt habe, der soviel getan hat, Böses oder Gutes, der ich mich so abgemüht habe mich zu bessern, der ich so nett gewesen bin, so sanft, so ärgerlich, so bitter.

Und wenn Sie sagen, leeren Sie Ihr Bewusstsein, heißt das, dass Sie mich bitten, all dem zu sterben. Da berühren Sie die Wurzel der Angst selbst, die Wurzel des Entsetzens vor dem Nichtsein. Das ist es. Und ich möchte dieses Ich unsterblich machen. Ich tue das, indem ich ein berühmtes Buch schreibe, oder indem ich male, durch irgendwelche Werke, durch gute Taten, durch Bauten oder sonstwas. Ich mache mich unsterblich.

A. W. Anderson: Das hat einen sehr schädlichen Effekt innerhalb der Familie, denn wir müssen einen Sohn haben, um den Namen rechtzeitig unsterblich zu machen.

Krishnamurti: Darum wird die Familie zur Gefahr. Sehen Sie, was wir getan haben. Die alten Ägypter machten sich unsterblich, machten ihr Leben unsterblich durch den Gedanken, sie könnten bis in alle Ewigkeit weiterleben wie bisher, und die Räuber kommen und reißen alles in Stücke. Tutanchamun ist nur noch eine Maske, eine goldene Maske und eine Mumie.

Der Mensch hat also durch Werke Unsterblichkeit gesucht, hat auf alle mögliche Weise versucht zu finden, was unsterblich ist, nämlich das, was jenseits des Sterbens liegt.

A. W. Anderson: Es ist sehr bemerkenswert, dass das Wort »unsterblich« selbst eine Verneinung ist. Es sagt nicht, was es ist.

Krishnamurti: Wir werden herausfinden, was es ist. Dieses ist etwas sehr, sehr Ernstes: Es ist kein Spiel zwischen zwei Menschen, die eine Diskussion genießen. Es ist etwas außerordentlich Wichtiges. Was also ist Unsterblichkeit? Nicht das Buch, nicht das Gemälde, das ich gemacht habe, nicht die Reise auf den Mond und das Aufrichten irgendeiner idiotischen Flagge dort, nicht ein rechtschaffenes Leben zu führen oder ein nichtrechtschaffenes. Was ist also Unsterblichkeit? Kathedralen sind wunderschön, aber dann kommt ein Erdbeben, und weg sind sie. Michelangelo meißelte aus Marmor etwas Wunderbares, dann kommt ein Feuer und vernichtet es, oder aber irgendein Geistesgestörter kommt mit einem Hammer und zerstört es. Also ist Unsterblichkeit in nichts davon, weil es zerstörbar ist. Jede Statue, jedes Gedicht, jedes Gemälde wird zu etwas Totem.

Dann fragt man also, was ist Unsterblichkeit? Sie ist nicht in dem Gebäude. Erkennen Sie das. Sie ist nicht in der Kathedrale, sie ist nicht in dem Erlöser, den man erfunden hat, den das Denken erfunden hat, nicht in den Göttern, die der Mensch nach seiner eigenen Vorstellung geschaffen hat. Was ist dann Unsterblichkeit? Denn sie steht in Beziehung zu Bewusstsein und Tod. Wenn ich das nicht herausfinde, ist der Tod ein Schrecken.

Ich habe versucht, mich unsterblich zu machen, unsterblich zu werden durch die Vorstellung, es gebe Brahman, gebe einen Gott, gebe die Ewigkeit, gebe etwas Namenloses, und ich werde alles tun, mich ihm zu nähern. Darum werde ich ein rechtschaffenes Leben führen. Darum werde ich beten, ich werde betteln, ich werde gehorchen, ich werde ein Leben in Armut führen, in Keuschheit, um diese unsterbliche Wirklichkeit bei mir zu haben. Aber ich weiß, dass das alles dem Denken entsprungen ist. Ich sehe also, dass das Denken und seine Produkte die Kinder unfruchtbarer Frauen sind.

Sehen Sie, was stattfindet. Was ist dann Unsterblichkeit? Die Schönheit in der Kirche – ich habe sie nicht gebaut –, die Schönheit in der Kathedrale, die Schönheit in dem Gedicht, die Schönheit in der Skulptur, die Schönheit selbst, nicht der Gegenstand der Schönheit. Sie selbst. Sie ist unsterblich. Und ich kann es nicht begreifen, der Verstand kann es nicht begreifen, denn Schönheit befindet sich nicht im Bereich des Bewusstseins.

A. W. Anderson: Wieder stellt das, was Sie gesagt haben, alles auf den Kopf. Wir denken, wenn etwas Schönes stirbt, das wir geschätzt haben, sterbe die Schönheit in gewisser Weise mit dem Vergänglichen. Eigentlich habe ich das Gefühl, durch den Tod dieser Schönheit beraubt zu sein, zu der Zugang zu haben ich als mein Privileg betrachtete. Ich glaube, sie sei zunichte geworden, nicht einfach nur verloren, denn was verloren ist, ist dazu bestimmt, wiedergefunden zu werden. Aber zunichte werden bedeutet, vollkommen ausgelöscht zu werden. Und daher sitzt der Glaube sehr tief, außerordentlich tief in Bezug auf das, was wir mit zunichtewerden meinen. Tatsächlich wird das Wort nicht sehr oft benutzt, es ist ein sehr abschreckendes Wort. Wir sprechen stets davon, etwas zu verlieren, kaum jemals sagen wir, etwas werde zunichte. Nun zurück zu dem, was ich über das Auf-den-Kopf-Stellen sagte. Mir kam folgendes Bild als Metapher in den Sinn – ich hoffe, es ist nicht eines der Bilder, über die wir gerade gesprochen haben – nämlich: dass Schönheit lieber loslässt, als eingekerkert zu werden und null und nichtig zu werden, wenn etwas zugrunde geht. In gewisser Hinsicht hat Schönheit das, was sie zum Ausdruck bringt, losgelassen. Das ist das Gegenteil dessen, was man gewöhnlich denkt. Und sie hat sich genau zur rechten Zeit gelöst. Das ist es, was so wunderbar ist.

Krishnamurti: Das ist richtig. Es wird also gedacht, Unsterblichkeit sei innerhalb des Bereiches der Zeit. Und der Tod liegt dann ebenso im Bereich der Zeit, denn ich habe durch das Denken die zeitlichen Dinge geschaffen. Und der Tod ist das Ende oder der Beginn eines Zustandes, der zeitlos ist. Davor habe ich Angst. Ich will also alles im Bereich der Zeit erhalten. Und das ist es, was wir unsterblich nennen – die Statue, das Gedicht, die Kirche, die Kathedrale. Ich sehe auch, dass all das Schaden nimmt, durch einen Unfall oder ein Erdbeben zerstört werden kann, und dann ist alles weg.