Der Tod – Teil 4

Unsterblichkeit befindet sich also nicht innerhalb des Bereiches von Zeit. Und Zeit ist Denken. Also muss alles, was das Denken schafft, im Bereich der Zeit liegen. Und doch versucht das Denken Unsterblichkeit zu erreichen, was seine eigene Unsterblichkeit ist und die der Dinge, die es geschaffen hat. Das Problem ist dann also: Kann der Verstand all das erkennen, es sehen? Und sich nicht nur vorstellen, dass er es sieht?

Der Verstand muss, wenn er dies alles wahrnimmt, wenn er wachsam ist, wenn er während unserer Diskussion fortwährend aufmerksam war, unausweichlich ohne irgendeine Anstrengung den gesamten Inhalt enthüllt sehen. Es ist wie das Lesen einer Landkarte. Sie breiten sie aus und schauen. Wenn Sie jedoch in eine bestimmte Richtung gehen wollen, schauen Sie auch nicht die ganze Landkarte an. Dann sagen Sie, ich möchte von hier nach dort gehen, die Richtung ist dort, soundsoviele Kilometer, den Rest schauen Sie gar nicht erst an.

Worauf wir hinweisen ist: Wählen Sie keine Richtung, schauen Sie einfach. Schauen Sie ohne Absicht, ohne Wahl auf den Inhalt Ihres Bewusstseins. Nehmen Sie ihn wahr, ohne sich um Beurteilung zu bemühen. Nehmen Sie diese außergewöhnliche Landkarte wahr, ohne zu wählen. Denn dieses Gewahrsein ohne jede Absicht gibt Ihnen diese ungeheure Energie, darüber hinauszugehen. Und Sie benötigen Energie, um darüber hinauszugehen.

A. W. Anderson: Das lässt mich wieder an den Begriff der Reinkarnation denken, über die wir früher gesprochen haben. Ich sehe die dämonische Wurzel darin.

Krishnamurti: Reinkarniere im nächsten Leben. Niemand sagt: Inkarniere jetzt. Sie können nur jetzt inkarnieren, wenn Sie dem Inhalt Ihres Bewusstseins sterben. Sie können wiedergeboren, vollkommen regeneriert werden, wenn Sie diesem Inhalt sterben. Was geschieht also? Als Mensch weiß ich nicht, wie das Bewusstsein zu leeren ist. Ich bin nicht einmal daran interessiert. Ich habe nur Angst. Ich ängstige mich zu Tode. Und so bewahre ich etwas, und ich sterbe, werde verbrannt oder beerdigt. Der Inhalt besteht weiter. Wie wir schon sagten, ist mein Inhalt auch Ihr Inhalt, er unterscheidet sich nicht wesentlich. Leicht verändert, leicht verstärkt und mit besonderen Tendenzen, die von Ihrer prägenden Umgebung abhängen, ist es im wesentlichen dasselbe Bewusstsein.

Wenn der Mensch dieses Bewusstsein nicht leert, besteht dieses Bewusstsein weiter wie ein Fluss – das Ansammeln, das Anhäufen, alles geht weiter. Und aus diesem Fluss heraus äußert oder manifestiert sich jener, den wir verloren haben. Spiritistische Medien sagen in Séancen: Dein Bruder, dein Onkel, deine Frau ist hier. Was ist geschehen? Sie haben sich aus diesem Strom heraus manifestiert. Aus diesem Strom, der das kontinuierliche Bewusstsein ist, das aus Ringen, Schmerz, Unglücklichsein und all dem besteht.

Ein Mensch, der das Bewusstsein beobachtet, anschaut und leert, gehört in keiner Hinsicht mehr zu diesem Fluss. Dann lebt er in jedem Moment aufs neue, denn er stirbt in jedem Moment: Das »Ich« kann nichts mehr ansammeln, das sich ausdrücken muss. Er stirbt jede Minute. Er lebt jede Minute und stirbt jede Minute. Darum gibt es darin – wie soll ich sagen –, es gibt keinen Inhalt. Es ist wie eine enorme aktive Energie.

A. W. Anderson: Dies gibt dem, was wir mit dem Leben nach dem Tode bezeichnen eine vollkommen andere Bedeutung. Einerseits gibt es diese Fortdauer des ungeordneten Inhalts des Bewusstseins, …

Krishnamurti: Es ist völlig ungeordnet, das ist richtig.

A. W. Anderson: … das in seinem Wesen qualitativ nicht wesentlich betroffen wird, nur weil jemand für immer aufgehört hat zu atmen. Nein. Es ist unterwegs und darum bewirkt der Versuch, der so oft nach dem Tod eines Menschen unternommen wird, mit dem Bewusstseinsfluss in Kontakt zu kommen, nur seine Verstärkung innerhalb des eigenen persönlichen Lebens. Und es tut dem weiterbestehenden Bewusstseinsinhalt etwas Schreckliches an, da man ihm weitere Nahrung gibt.

Krishnamurti: Das ist richtig. Mich besuchte jemand, dessen Frau gestorben war. Und er glaubte wirklich, sie zu lieben. Er sagte also: »Ich muss meine Frau wiedersehen. Können Sie mir helfen?« Ich antwortete: »Welche Frau möchten Sie sehen? Diejenige, die gekocht hat? Diejenige, die die Kinder geboren hat? Diejenige, mit der Sie geschlafen haben? Diejenige, die mit Ihnen gezankt hat? Diejenige, die Sie unterdrückt, geängstigt hat?« Er sagte: »Ich möchte keine von denen sehen. Ich möchte das Gute von ihr sehen.« Die Vorstellung des Guten, die er sich von ihr gemacht hat, nicht die hässlichen Dinge oder das, was er für hässlich hält, sondern die Idee des Guten, das er in ihr gesehen hat, das ist das Bild, das er gern treffen möchte. Ich sagte: »Seien Sie nicht kindisch. Sie sind vollkommen unreif, denn dass Sie mit ihr geschlafen haben, dass Sie mit ihr böse waren, all das wollen Sie nicht. Sie wollen nur das Bild, das Sie von ihrer Güte haben.« Und wissen Sie, er fing an zu weinen, zum ersten Male weinte er richtig. Hinterher sagte er: »Ich habe geweint, als sie starb, aber das waren Tränen des Selbstmitleids, meine Verlassenheit, mein Gefühl, etwas zu vermissen. Jetzt weine ich, weil ich erkenne, was ich getan habe.«