Der Tod – Teil 5

Um also den Tod zu verstehen, darf es keine Angst geben. Die Angst und der Schrecken des Todes existieren nur, wenn der Inhalt des Bewusstseins nicht verstanden ist. Und dieser Inhalt ist das Ich. Und das Ich ist der Stuhl, ist alles, woran ich gebunden bin. Es ist so dumm. Und ich habe Angst, die Familie oder das Bankkonto zu verlieren. Wenn man also in dieser Angelegenheit nicht wirklich zutiefst ernsthaft ist, kann man im eigentlichen Sinne des Wortes jetzt nicht inkarnieren. Und darum liegt die Unsterblichkeit im Buch, in der Statue, in der Kathedrale, in den Dingen, die wir zusammengesetzt haben, die wir durch das Denken zusammengesetzt haben. Das ist alles im Bereich der Zeit.

A. W. Anderson: Mir fiel gerade ein, was wir Plato durch den dauernden Versuch einer wissenschaftlichen Analyse seiner Texte angetan haben. Plato sagte ohne Umschweife, die Aufgabe eines Philosophen – nämlich eines Menschen, dem es um einen radikalen Wandel und eine Wiedergeburt geht wie sie mit Weisheit verbunden ist – sei die Praxis des Sterbens. Mit dieser Praxis ist wohl weder eine Routine noch Wiederholung gemeint, sondern ein Nichtnachlassen. Es ist möglich, aus der Praxis des Sterbens heraus in den Schrecken und den dämonischen Fluss der Zeit zu fallen. Im Tun jedoch ist das Ganze eine fortwährende Bewegung …

Krishnamurti: Also steht die Zeit still: Sehen Sie die Schönheit darin. Und es ist diese Schönheit, die unsterblich ist, nicht die Dinge, die das Denken geschaffen hat. Also ist Leben Sterben. Und Liebe ist im Grunde genommen das Sterben des Ich. Sie ist nicht das, wovon das Denken behauptet, es sei Liebe, wie Sex und Vergnügen. Der Zeit sterben ist Liebe. Leben, Liebe und Tod sind also eins, nicht gespalten, nicht getrennt, nicht entzweit, nicht im Bereich der Zeit, sondern ein lebendiges, bewegliches, unteilbares Ganzes. Und das ist unsterblich.

Die meisten von uns sind falsch erzogen worden. Von Kindheit an sind wir nicht zur Ernsthaftigkeit erzogen worden. Von Kindheit an hat man uns die Kultivierung des Denkens nahegebracht, die Ausdrucksformen und den Glanz des Denkens. Unsere ganze Philosophie, unsere Bücher, alles basiert darauf. Und wenn Sie sagen: »Stirb all dem«, erzeugen Sie den Schrecken vor dem Nichtwissen. Dieses Wissen gibt mir doch Sicherheit. Dann wird das Wissen zum Bereich meiner Sicherheit. Und Sie fordern mich auf, das alles aufzugeben, all dem zu sterben. Und ich sage, Sie sind wahnsinnig. Wie kann ich all dem sterben, es ist ein Teil von mir.

A. W. Anderson: Es gibt einen sehr schönen Zen-Spruch, der sich hierauf zu beziehen scheint, wenn er richtig verstanden wird. Er handelt davon, mit geöffneten Händen vom Kliff zu springen. Die Hände greifen immer nach der Vergangenheit oder recken sich der Zukunft entgegen, und wir kommen niemals von diesem horizontalen Gleis weg.

Krishnamurti: Dann stellt sich die Frage, was bedeutet es, in der Gegenwart zu leben? Tod ist Zukunft. Und ich habe vierzig Jahre lang gelebt und all das angesammelt. Was also ist die Gegenwart? Die Gegenwart ist der Tod des Bewusstseinsinhalts. Es liegt ungeheure Schönheit darin. Denn es bedeutet keinen Konflikt, kein Morgen. Wenn Sie jemandem, der liebt, jemandem, der sich morgen seines Mannes oder seiner Frau erfreuen will, sagen, dass es kein Morgen gibt, wird er sagen, worüber reden Sie eigentlich?

Darum: Können wir unsere Kinder, unsere Schüler lehren, vollkommen anders zu leben – zu leben, zu verstehen und zu handeln mit einem Verständnis für den Inhalt des Bewusstseins und für die Schönheit, die in all diesem liegt? Wenn Sie die Schönheit darin erkennen, findet es statt. Es ist nicht das Ergebnis eines Denkvorgangs. Es ist nicht das Ergebnis menschlichen Denkens, Denkens, Denkens. Es ist die tatsächliche Wahrnehmung dessen, »was ist«.

A. W. Anderson: Es ist erstaunlich, dass es sich an der Wurzel um dieselbe Energie handelt. Es betrifft doch nicht eine andere Energie, die Gott genannt wird.

Krishnamurti: Nein, das brächte etwas von außen Wirkendes herein. Es ist dieselbe verschwendete, verstreute Energie, die nicht länger verschwendet und verstreut wird.

A. W. Anderson: Daher erfolgt ein totaler Wandel. Die Transformation eines jeden Individuums ist total.

Krishnamurti: Und sie findet nicht innerhalb des Bereiches von Zeit und Wissen statt. Sie sehen, wie sie zueinander in Beziehung stehen.

A. W. Anderson: Es scheint mir nicht in der Verantwortung des einen gegenüber dem anderen zu liegen, etwas zu tun. Wir beginnen zusammen zu schauen, nur ganz ruhig zu schauen. Und diese Aktivität ist nicht geplant – sie erblüht, um Ihr schönes Wort zu gebrauchen. Es bedarf keines Kunstgriffes, keiner Anleitung. Sie wächst irgendwie aus sich selbst heraus. Die Einheit von Tod, Leben und Liebe war eine wundervolle Offenbarung. Ich hoffe, dass wir dieses im Zusammenhang mit Erziehung in unserem nächsten Gespräch noch weiterverfolgen können.

26. Februar 1974