Religion und Autorität – Teil 1

A. W. Anderson: Wir haben über den Zusammenhang von Tod und Leben und Liebe gesprochen. Wir wollten dies im Hinblick auf die Erziehung weiterverfolgen.

Krishnamurti: Ich würde gern fragen, warum wir erzogen werden? Was bedeutet diese Erziehung, welche die Menschen erhalten? Offensichtlich verstehen sie nichts vom Leben, nichts von der Angst, nichts vom Vergnügen, nichts von all dem, was wir diskutiert haben, und nichts von der elementaren Angst vor dem Tod und dem Schrecken, nicht zu sein. Liegt es daran, dass wir so vollkommen materialistisch geworden sind, dass wir nur an guten Jobs, Geld, Vergnügen und oberflächlicher Unterhaltung interessiert sind, ob es sich nun dabei um Religion oder um Fußball handelt. Liegt es daran, dass unser ganzes Wesen so vollkommen sinnlos geworden ist? Wenn wir auf diese Weise erzogen werden, ist es natürlich furchterregend, sich plötzlich der Realität gegenüberzusehen.

Wie wir schon sagten, werden wir nicht dazu erzogen, uns selbst zu betrachten. Wir werden nicht dazu erzogen, den gesamten Ablauf des Lebens zu verstehen, nicht dazu erzogen zu schauen und zu sehen, was geschieht, wenn wir dem Tod gegenüberstehen. Religion ist nicht nur ein trennender Prozess geworden, sondern ist auch äußerst sinnleer. Sie hat nach 2000 Jahren Christentum, 5000 oder 3000 Jahren Hinduismus oder Buddhismus ihre Substanz verloren. Wir untersuchen niemals, was Religion, was Erziehung, was das Leben und das Sterben, was dieser ganze Bereich beinhaltet. Wir fragen niemals, was das alles bedeutet. Und wenn wir fragen, sagen wir uns: »Nun ja, das Leben hat eine sehr geringe Bedeutung.« Und so wie wir es leben, hat es eine sehr geringe Bedeutung, und daher flüchten wir uns in allen möglichen phantastischen, romantischen Unsinn, den wir nicht diskutieren oder logisch untersuchen können, der nur Flucht aus dieser vollkommenen Leere des Lebens ist, das wir führen. Ich weiß nicht, ob Sie neulich im Fernsehen sahen, wie eine Gruppe von Leuten einen Menschen anbetete und die phantastischsten Dinge tat; das ist es, was sie Religion, was sie Gott nennen. Sie scheinen jegliche Vernunft verloren zu haben. Offensichtlich hat Vernunft keinerlei Bedeutung mehr.

A. W. Anderson: Ich habe eine Sendung gesehen, in der eine Begegnung zwischen dem Publikum und diesem jungen, fünfzehnjährigen Guru gezeigt wurde. Es war sonderbar.

Krishnamurti: Abstoßend.

A. W. Anderson: Es war in vieler Hinsicht widerwärtig.

Krishnamurti: Und das nennen sie Religion. Sollen wir also mit der Religion beginnen und von dort aus fortfahren? Wissen Sie, der Mensch hat schon immer etwas herauszufinden versucht, das über das alltägliche Leben, die alltägliche Routine, die alltäglichen Vergnügungen, die Alltäglichkeit des Denkens hinausgeht, er wollte mehr.

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in kleinen indischen Dörfern gewesen sind. Man legt dort einen kleinen Stein unter einen Baum, markiert ihn, am nächsten Tag bringen sie Blumen und für die Leute dort ist dieser Stein zur Gottheit geworden, er ist etwas Religiöses geworden. Dasselbe Prinzip setzt sich in den Kathedralen fort. Genau dasselbe in den Messen und in all den indischen Ritualen. All das beginnt mit dem Wunsch des Menschen, etwas Größeres zu finden als das, was das Denken zusammengesetzt hat. Unfähig, es zu finden, romantisieren sie es, schaffen sie sich Symbole, oder sie beten jemand an, der sich dazu eignet. Und um all das herum zelebrieren sie die unterschiedlichsten Rituale, wie Puja. Das wird Religion genannt, was absolut nichts mit unserem Verhalten, mit unserem täglichen Leben zu tun hat. Sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Welt, im Islam, im Buddhismus und in den anderen Religionen läuft alles nach demselben Prinzip ab: Das Anbeten eines Bildes, das sie selbst geschaffen haben, sei es Buddha oder Christus. Es ist immer der menschliche Verstand, der dieses Bild geschaffen hat. Sie beten das Bild an, das ihr eigenes ist. Mit anderen Worten, sie beten sich selbst an.

Wenn man also danach fragt, was Religion ist, muss man all das offensichtlich verneinen, nicht durch brutales Abschneiden, sondern durch Verstehen. Man muss daher alle Religionen verneinen, Indiens Religion mit seinen vielen Göttern und Göttinnen und die Religion des Christentums hier, die ein Bild ist, das Menschen geschaffen haben, ein Götzendienst. Sie mögen es nicht Götzendienst nennen, aber das ist es. Es ist ein Götzendienst des Verstandes. Der Verstand hat die Vorstellung geschaffen, und durch die Hand schafft der Verstand die Statue, das Kreuz.

Wenn man also herausfinden will, was Religion ist, muss man all das wirklich beiseitelegen – wenn man es kann –, den Glauben, den Aberglauben, die Anbetung einer Person oder einer Idee, die Rituale und die Tradition. Das Gehirn braucht Sicherheit, sonst kann es nicht funktionieren. Es findet also Sicherheit in einem Glauben, in einem Bild, in Ritualen, in der Propaganda von 2000 oder 5000 Jahren. Und darin liegt ein Gefühl von Sicherheit, Trost, Schutz, Wohlbefinden. Jemand kümmert sich um mich. Da ist das Bild eines Größeren als ich, der sich um mich kümmert. Er ist verantwortlich. Wenn Sie einen Menschen auffordern, all das zu verneinen, sieht er sich einem ungeheuren Gefühl von Angst gegenüber, er gerät in Panik.