Religion und Autorität – Teil 2

All das zu sehen, die Absurdität aller gegenwärtigen Religionen, ihre völlige Bedeutungslosigkeit, und sich der Tatsache gegenüber zu sehen, vollkommen ungeschützt und dennoch nicht ängstlich zu sein.

Verneinung heißt, das Falsche zu leugnen, ohne die Wahrheit zu kennen, das Falsche im Falschen zu sehen und das Wahre im Falschen zu sehen. Es ist die Wahrheit, die das Falsche leugnet. Sie erkennen, was falsch ist, und dieses Erkennen-was-falsch-ist ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist es, die leugnet, sie fegt das alles hinweg. Verneinung kann nur stattfinden, wenn der Verstand das Falsche sieht. Die eigentliche Wahrnehmung des Falschen ist die Verneinung des Falschen.

Und wenn Sie erkennen, dass die Religionen auf Wundern beruhen, auf persönlicher Anbetung, auf der Angst, dass Sie selbst, dass Ihr eigenes Leben so minderwertig, leer und bedeutungslos ist und dass Sie so vergänglich sind, dass Sie in wenigen Jahren verschwunden sein werden, dann formt der Verstand ein Bild, das ewig, großartig und himmlisch ist. Und Sie identifizieren sich damit und beten es an. Denn der Verstand braucht im Grunde das Gefühl von Sicherheit. Er hat all diesen oberflächlichen Unsinn, diesen Zirkus geschaffen. Es ist ein Zirkus.

Kann also der Verstand dieses Phänomen beobachten und sein eigenes Verlangen nach Schutz, Trost, Sicherheit und Beständigkeit erkennen und all das leugnen? Leugnen im Sinne von Erkennen, auf welche Weise das Gehirn, das Denken ein Gefühl von Beständigkeit und Ewigkeit schafft, oder wie auch immer Sie es nennen mögen.

Um das alles zu erkennen, muss man daher viel tiefer in die Frage des Denkens eindringen, denn sowohl im Westen als auch im Osten ist das Denken die wichtigste Bewegung im Leben geworden. Das Denken, welches diese wunderbare Welt der Technik, die wunderbare Welt der Naturwissenschaft und all das geschaffen hat, und das Denken, welches die Religionen, all die wunderbaren Gesänge, sowohl die Gregorianischen als auch die Sanskrit-Gesänge geschaffen hat, das Denken, welches die schönen Kathedralen gebaut hat, das Denken, welches das Bild der Erlöser, der Meister, der Gurus und das Bild des Gottvaters geschaffen hat. Wenn man das Denken, den Vorgang des Denkens, nicht wirklich versteht, werden wir dasselbe Spiel in einem anderen Bereich immer weiterspielen.

Schauen Sie sich an, was in diesem Land geschieht. Diese Gurus kommen aus Indien, rasieren sich den Kopf bis auf einen kleinen Haarschopf, den sie hängen lassen, ziehen indische Kleider an, und wiederholen unaufhörlich, was jemand anders gesagt hat. Die neuen Gurus. Die Gurus der Vergangenheit sind die katholischen und protestantischen Priester, sie hat man abgelehnt und die neuen dafür akzeptiert. Die neuen sind so tot wie die alten, denn sie wiederholen nur die Tradition: Wie man zu sitzen hat, wie man meditieren soll, wie den Kopf halten, wie man atmen soll. Schließlich tun Sie, was Ihnen der alte oder der neue Guru sagt. Genau dasselbe hat in der katholischen und der protestantischen Welt stattgefunden. Sie leugnen das eine und doch akzeptieren sie das andere. Weil sie Sicherheit wollen, brauchen sie jemand, der ihnen sagt, was sie tun sollen, niemals jedoch, wie sie denken sollen.

A. W. Anderson: Hier stellt sich eine Frage, die das Wort »Erfahrung« betrifft. Es ist verblüffend, wie oft dieses Wort heutzutage benutzt wird, um auf etwas hinzuweisen, das ich unbedingt brauche, etwas das außerhalb meiner selbst liegt. Ich brauche die Erfahrung religiösen Erwachens. Es ist nicht das Erwachen, das ich brauche, sondern es ist die Erfahrung dieser religiösen Erweckung. Die ganze Idee der Religion als Erfahrung scheint mir ein sehr sorgsames Untersuchen zu erfordern.

Krishnamurti: Richtig. Wenn ich also fragen darf, warum verlangen wir nach Erfahrung? Warum gibt es dieses Verlangen nach Erfahrung? Wir haben sexuelle Erfahrung, Erfahrungen aller Art in unserem Leben: Beleidigungen, Schmeicheleien, Ereignisse, Zwischenfälle, Einflüsse, was Leute sagen, was sie nicht sagen, Bücher. Immerzu machen wir Erfahrungen. Das langweilt uns. Also suchen wir jemanden auf, der uns die Erfahrung von Gott vermitteln wird. Was beinhaltet das nun? Was ist in dem Verlangen nach unserer Erfahrung und dem Erfahren dieses Verlangens enthalten? Ich erfahre, was dieser Guru oder Meister oder irgend jemand mir erzählt. Wie weiß ich, dass es wahr ist? Und ich sage, ich erkenne es. Sehen Sie, ich erfahre etwas, und ich kann nur wissen, dass ich es erfahren habe, wenn ich es wiedererkannt habe. Erkennen bedeutet, dass ich es bereits gekannt habe. Ich erfahre also das, was ich schon gekannt habe, darum ist es nichts Neues. Alles was Sie tun ist Selbsttäuschung.

A. W. Anderson: Es ist eigentlich eine Sucht. Das Verlangen danach ist außergewöhnlich stark. Ich habe es an vielen Schülern beobachtet, die in extremem Maße Entbehrungen auf sich nahmen. Manchmal denken wir, dass junge Leute heutzutage allzu leichtsinnig in ihrem Verhalten sind. Nun, einige sind es wohl, aber das war seit undenklichen Zeiten so. Ich glaube, es wird selten erkannt, dass viele junge Leute heute außerordentlich ernsthaft bemüht sind, etwas zu erwerben, das jemand besitzt und das sie nicht haben. Und wenn jemand behauptet, es zu besitzen, wollen sie es voller naiver Begeisterung auch für sich selbst haben.

Krishnamurti: Ja, all das habe ich gesehen. Wie Sie schon darauf hingewiesen haben, ist das der Grund, warum man beim Erforschen dieses Wortes so vorsichtig sein und sehen muss, warum der Verstand, warum ein Mensch nach mehr Erfahrung verlangt, wenn sein ganzes Leben bereits eine ungeheure Erfahrung ist, die ihn langweilt. Er glaubt, es sei eine neue Erfahrung, aber wie kann der Verstand bei der Erfahrung des Neuen dieses als neu erkennen, wenn er es nicht schon gekannt hat?