Religion und Autorität – Teil 3

Wie wir schon neulich sagten, kann Schönheit nur bei totaler Aufgabe des Selbst sein. Vollkommenes Ausräumen des Bewusstseinsinhalts, der das Ich ist. Dann gibt es eine Schönheit, die etwas vollkommen anderes ist als die Bilder oder die Gesänge. Und wahrscheinlich suchen die meisten dieser jungen Leute und ebenso die älteren Leute Schönheit im Pomp der Kirche, in Gesängen, im Lesen des alten Testaments mit all seinen schönen Worten und Bildern, und all das gibt ihnen ein Gefühl tiefer Befriedigung.

Mit anderen Worten, was sie suchen, ist in Wirklichkeit Befriedigung durch Schönheit – Schönheit der Worte, Schönheit der Gesänge, Schönheit all der Gewänder und des Weihrauchs, und das Licht, das durch diese wunderschönen Kirchenfenster fällt. Sie haben all das in den Kathedralen von Notre Dame und Chartres gesehen, wunderbar. Und es gibt ihnen ein Gefühl von Heiligkeit, ein Gefühl von Glücklichsein und Getröstetsein. Wenigstens gibt es hier einen Platz, zu dem ich gehen kann, um zu meditieren, still zu sein, mit etwas in Kontakt zu kommen.

Und dann kommen Sie daher und sagen, schauen Sie, es ist alles Unsinn, es hat keinerlei Bedeutung. Was Bedeutung hat, ist, auf welche Weise Sie Ihr tägliches Leben leben. Dann wirft man mit Steinen auf Sie. Der springende Punkt ist also folgender: Erfahrung ist eine Falle und alle Leute wollen diese merkwürdige Erfahrung, welche die Gurus zu besitzen glauben.

A. W. Anderson: Diese Erfahrung – und das ist interessant – wird immer »Wissen« genannt.

Krishnamurti: Sehr interessant.

A. W. Anderson: Ich dachte dabei an unsere vorangegangenen Gespräche über Selbsttransformation, die nicht vom Wissen abhängt, nicht von Zeit abhängt und in hohem Maße Verantwortung erfordert.

Krishnamurti: Wir wollen auch nicht arbeiten. Wir arbeiten sehr angestrengt für unseren Lebensunterhalt. Schauen Sie sich an, was wir Jahr für Jahr und Tag für Tag tun: Die Brutalität, die Hässlichkeit von alledem. Aber hier, innerlich, psychisch wollen wir nicht arbeiten. Wir sind zu faul dazu. Lass den anderen arbeiten, vielleicht hat er gearbeitet und vielleicht gibt er mir etwas ab. Jedoch sage ich niemals, ich werde es herausfinden, werde alles leugnen und es herausfinden.

A. W. Anderson: Nein, man nimmt an, dass es die Aufgabe des Priesters ist zu arbeiten, um zu wissen, so dass ich davon befreit bin. Oder wenn ich mit zuwenig Verstand auf die Welt gekommen bin, brauche ich nur seinen Anweisungen zu folgen; es ist sein Fehler, wenn er sie durcheinanderbringt.

Krishnamurti: Denjenigen, der behauptet: »Ich weiß, ich habe die Erfahrung gemacht«, fragen wir niemals: Was wissen Sie eigentlich? Was haben Sie erlebt? Wenn Sie sagen: »Ich weiß«, wissen Sie lediglich etwas, das tot, das vergangen, das beendet, das Vergangenheit ist. Sie können etwas, das lebendig ist, nicht kennen. Etwas Lebendiges können Sie niemals kennen, es ist ständig in Bewegung. Es ist niemals dasselbe. Und so kann ich niemals sagen, ich kenne meine Frau oder meinen Mann, meine Kinder, denn sie sind alle lebendige menschliche Wesen. Diese Burschen jedoch kommen daher, besonders aus Indien, und sagen: »Ich weiß, ich habe die Erfahrung gemacht, ich habe das Wissen, und ich werde es auf dich übertragen.« Und ich sage: Was für eine Unverschämtheit, was für eine herzlose Gleichgültigkeit zu behaupten, du weißt, und ich weiß nicht. Und was weißt du eigentlich?

A. W. Anderson: Es ist verblüffend, was hier in der Beziehung zwischen Männern und Frauen vor sich gegangen ist, denn eine ganze Mythologie ist daraus erwachsen. Zum Beispiel sagt unsere Sexualität, die Frau sei mysteriös. Aber das wird niemals als Frische des Lebens verstanden, die alles mit einschließt, nicht nur die Frau.

Krishnamurti: Darum finde ich, dass die Erziehung, so wie sie jetzt stattfindet, die Menschen zerstört. Es ist eine Tragödie. Wenn ich einen Sohn hätte – den ich Gott sei Dank nicht habe –, würde ich sagen: Wo soll ich ihn erziehen lassen? Was soll ich mit ihm tun? Ihn wie alle anderen werden lassen? Wie die Allgemeinheit? Da viele Leute vor diesem Problem gestanden haben, haben wir uns gesagt: Lasst uns eine Schule gründen, so wie wir sie in Indien haben, und was ich in Ojai, Kalifornien vorhabe. Lasst uns eine Schule gründen, in der wir vollkommen anders denken, wo wir anders unterrichtet werden, ohne die Routine – Routine: Das Akzeptieren, das Ablehnen, das Reagieren.

Daraus ergibt sich eine andere Frage: Warum gehorcht der Verstand? Ich gehorche den Gesetzen des Landes, ich gehorche, indem ich auf der linken oder rechten Seite der Straße bleibe. Ich tue das, was der Doktor mir sagt. Ich persönlich komme Ärzten nicht zu nahe, und wenn ich es tue, dann bin ich sehr vorsichtig mit dem, was sie mir sagen. Ich bin aufmerksam und akzeptiere nicht alles sofort. Politisch würden die Leute in der sogenannten demokratischen Welt keinen Tyrannen akzeptieren. Sie sagen: Keine Autorität! Freiheit! Aber spirituell, innerlich, akzeptieren sie jeden Hinz und Kunz – besonders wenn er aus Indien kommt.

Neulich habe ich den Londoner BBC eingeschaltet und jemand interviewte gerade eine Gruppe von Leuten. Ein Junge und ein Mädchen sagten: »Wir gehorchen unserem Guru vollkommen.« Und der Interviewer fragte: »Wird er euch auffordern zu heiraten?« »Wenn er das sagt, werde ich heiraten. Wenn er sagt, ich müsse fasten, werde ich fasten.« Ein Sklave. Und doch wird sich gerade diese Person der politischen Tyrannei widersetzen. Einerseits würde er die Tyrannei eines armseligen kleinen Guru mit seinen phantastischen Ideen akzeptieren und andererseits würde er politisch eine Tyrannei oder Diktatur ablehnen. Warum unterteilt der Verstand das Leben in das Akzeptieren von Autorität der einen Art und in das Ablehnen von Autorität der anderen Art.