Religion und Autorität – Teil 4

Worin liegt die Bedeutung von Autorität? Wie Sie wissen, bedeutet das Wort Autorität »derjenige, der hervorbringt«. Was haben diese Priester, Gurus, Führer, spirituellen Prediger hervorgebracht? Sie wiederholen die Tradition. Tradition ist etwas Totes, sei es Zen-Tradition, Chinesische oder Hindu-Tradition. Und diese Leute wiederholen das Tote. Neulich sah ich einen Mann, der erklärte, wie man meditieren soll – legen Sie Ihre Hände hierher, schließen Sie Ihre Augen. Tun Sie dies, tun Sie das. Und die Leute akzeptieren das. Darum muss man fragen, was hinter dem Akzeptieren dieser Autorität steckt. Hinter der Autorität des Gesetzes, der Autorität des Polizisten, des Priesters, dieser Gurus, was steckt hinter dem Akzeptieren von Autorität? Ist es Angst – Angst, spirituell falsch zu liegen, nicht das Richtige zu tun, um Erleuchtung, Wissen und das Höchste Bewusstsein zu erlangen, was auch immer das sein mag? Ist es Angst oder Verzweiflung?

Oder ist es ein Gefühl äußerster Verlassenheit, äußerster Unwissenheit? Ich benutze das Wort Unwissenheit in seinem tieferen Sinn. Diese lässt mich sagen: Dort ist ein Mann, der von sich sagt, er weiß. Ich werde ihn akzeptieren. Ich argumentiere nicht. Ich frage nicht, was wissen Sie? Was bringen Sie uns, was geben Sie mir? Ist es Ihre eigene Tradition aus Indien? Wen interessiert das? Sie bringen etwas Totes, nichts Ursprüngliches, nichts Wirkliches, sondern Sie wiederholen, wiederholen, wiederholen, was andere getan, getan haben – und was man in Indien selbst bereits verwirft.

Was also liegt hinter diesem Akzeptieren von Autorität? Wenn Sie das sehen, möchten Sie weinen. All die jungen Leute, die zu diesen Gurus gehen, ihren Kopf rasieren, sich in indische Gewänder kleiden, in den Straßen tanzen und phantastische Dinge tun. Alles aufgrund einer Tradition, die tot ist. Jede Tradition ist tot. Und wenn Sie das erkennen, sagen Sie sich, mein Gott, was ist geschehen? Ich komme daher auf die Frage zurück, warum akzeptieren wir? Warum werden wir von diesen Leuten beeinflusst? Warum werden wir beeinflusst, wenn es eine ständige Wiederholung in der Werbung gibt: »Kaufen Sie dieses, kaufen Sie jenes.« Es ist genau dasselbe. Warum akzeptieren wir? Ein Kind akzeptiert, das verstehe ich. Armes Ding, es weiß nichts, es braucht Sicherheit, braucht seine Mutter, muss auf ihrem Schoß sitzen und Zuwendung haben, braucht Fürsorge und Schutz, Freundlichkeit und Zärtlichkeit. Ein Kind braucht das. Glauben die Leute denn, dass ein Guru ihnen all das geben kann? Durch Worte, durch Rituale, durch die Wiederholung ihrer absurden Übungen? Verstehen Sie? Akzeptiere ich es, so wie ich als Kind meine Mutter akzeptiert habe? Ich akzeptiere es, um mich wohlzufühlen, um das Gefühl zu haben, dass sich schließlich doch jemand um mich kümmert.

A. W. Anderson: Dies bezieht sich auf etwas, das Sie in einem früheren Gespräch über die Angst gesagt haben. Die Reaktion eines Kindes ist unmittelbar, ohne das Dazwischentreten einer Idee. Es erkennt einfach, dass es ein Bedürfnis hat und das ist keine Vorstellung, sondern ein grundlegendes Bedürfnis. Es muss gefüttert und liebevoll gehalten werden. Wenn es älter wird, beginnt es, über die Quelle seiner Bedürfnisbefriedigung nachzudenken. Es gewinnt von sich eine Vorstellung, die zwischen das Gefühl der Gefährdung und die unmittelbare Handlung tritt. Ich selbst habe das auch getan. Nicht, weil mich irgend etwas dazu gezwungen hätte. Es gleicht dem Ruf einer Sirene, der uns in allen Kulturen erreicht.

Krishnamurti: Das ist mein Anliegen. Warum akzeptieren wir Autorität? In einer demokratischen Welt meiden wir jeden politischen Diktator. In religiöser Hinsicht jedoch sind sie alle Diktatoren. Und warum akzeptieren wir das? Warum akzeptiere ich den Priester als einen Vermittler von etwas, das er zu wissen behauptet? Und das zeigt also, dass wir aufhören, vernünftig zu denken. Politisch denken wir vernünftig, wir erkennen, wie wichtig es ist, frei zu sein, Redefreiheit, alles so frei wie nur irgend möglich. In spiritueller Hinsicht empfinden wir kein Bedürfnis nach Freiheit. Darum akzeptieren wir jeden Hans und Franz. Es ist entsetzlich. Ich habe Intellektuelle, Professoren und Wissenschaftler gesehen, die auf diesen Unsinn hereinfallen. Weil sie in ihrer wissenschaftlichen Welt vernünftig gedacht haben, sind sie des vernünftigen Denkens überdrüssig geworden und sagen sich, endlich kann ich mich zurücklehnen ohne zu argumentieren und kann mir etwas sagen lassen, kann mich trösten lassen, glücklich sein. Er wird alle Arbeit für mich tun, ich muss überhaupt nichts tun, er wird mich über den Fluss bringen. Ich bin entzückt. Daher akzeptieren wir aus Ignoranz, in der kein vernünftiges Denken funktioniert, in der die Intelligenz aufgegeben ist.

Freiheit, Intelligenz, vernünftiges Denken: All das braucht man, wenn es um das wirklich Geistige geht. Sonst? Irgendein Guru kommt daher und erzählt Ihnen, was Sie tun sollen, und Sie wiederholen, was er sagt. Sehen Sie, wie zerstörerisch, wie verkommen das ist. Das ist es, was geschieht. Ich glaube nicht, dass diese Gurus erkennen, was sie tun. Sie unterstützen den Verfall.

Das führt zu einer sehr wichtigen Frage – kann es eine Erziehung geben, in der es keinerlei Autorität gibt? Ich bin seit mehr als vierzig Jahren mit Schulen verbunden, und wenn man mit den Schülern über Freiheit, Autorität und Akzeptanz spricht, sind sie vollkommen verloren. Sie wollen Sklaven sein: »Mein Vater sagt dies, also muss ich es tun.« Oder: »Mein Vater sagt das, also werde ich es nicht tun.« Es ist dasselbe.