Religion und Autorität – Teil 5

A. W. Anderson: Mir scheint, wir haben in unseren Gesprächsfolgen einen besonders kritischen Punkt erreicht. Wir berührten das Problem der Autorität, nicht nur hinsichtlich der Außenwelt, sondern auch auf einer tieferen Ebene, in uns selbst. Und wenn ich bei der Selbsterforschung tief in mich hineingehe, halte ich an einem Punkt inne, an dem wirklich Angst und Erschütterung aufkommt. Sie kamen auf die Bedeutung dieses Zögerns im religiösen Leben.

Krishnamurti: Warum zögern wir? Darauf läuft das, was Sie sagen, hinaus. Warum wagen wir den entscheidenden Schritt nicht? Warum treten wir nur bis an die Schwelle, um uns dann zurückzuziehen und wegzulaufen. Warum sehen wir die Dinge nicht so, wie sie sind und handeln? Liegt es an unserer Erziehung, die das Funktionieren kultiviert hat, die dem Funktionieren – als Ingenieur, als Professor, als Doktor – außerordentliche Bedeutung beimisst, dem Funktionieren in einer bestimmten Technik? Aber die Erforschung der Frage, was Intelligenz ist, haben wir nie gefördert oder ermutigt. Wo es Intelligenz gibt, wird es dieses Zögern nicht geben. Dort gibt es Handlung. Wenn man sehr feinfühlend ist, handelt man. Diese Sensibilität ist Intelligenz.

Wie ich hier und in Indien und in anderen Teilen der Welt beobachtet habe, ist Erziehung lediglich ein Training des Verstandes, um gemäß dem Diktat der Gesellschaft zu funktionieren. So viele Ingenieure werden gesucht, so viele Doktoren werden gesucht. Wenn Sie in einen Beruf hineinkommen, in dem es nur wenige gibt, können Sie mehr Geld verdienen. Werden Sie kein Wissenschaftler, es gibt genügend davon. Wir werden also zum Funktionieren innerhalb unserer Karrieren ermutigt und darauf trainiert. Und jetzt zögern wir, den entscheidenden Schritt auf etwas hin zu tun, das keine anteilige, sondern unsere gesamte Aufmerksamkeit verlangt, denn wir haben keinen Vergleich und kein Maß dafür. Wir verstehen es, die Funktion zu messen. Hier jedoch haben wir keinen Maßstab. Darum bin ich abhängig. Darum werde ich hier nicht argumentieren, denn ich weiß nicht, wie ich argumentieren soll. Zu einem Mann, der sagt: »Ich weiß«, sage ich nicht: »Was weißt du denn? Du weißt lediglich etwas, das vergangen, beendet, tot ist. Du kannst nicht sagen, ich kenne etwas, das lebt.« So wird der Geist allmählich träge und ruhelos. Seine Neugier ist nur auf das Funktionieren ausgerichtet. Er hat keine Kapazität zum Erforschen.

Zum Erforschen muss man zunächst einmal Freiheit haben, sonst kann ich nicht forschen. Wenn ich Vorurteile habe, kann ich nicht forschen. Wenn ich bereits feste Ansichten über etwas habe, kann ich es nicht untersuchen. Darum muss es zum Forschen Freiheit geben. Und das wird geleugnet, weil wir, die Gesellschaft und die Kultur, dem Funktionieren enorme Bedeutung beimessen. Das Funktionieren hat seinen eigenen Status.

So lebe ich auf dieser Ebene, in dieser Struktur und wenn ich untersuchen will, was Religion, was Gott, was Unsterblichkeit, was Schönheit ist, so kann ich das nicht. Ich bin abhängig von Autorität. Und für vernünftige Argumente auf diesem weiten Gebiet der Religion fehlt mir die Basis. Es ist daher zum Teil der Fehler unserer Erziehung, zum Teil unsere Unfähigkeit, etwas objektiv zu betrachten: einen Baum zu betrachten ohne Geschwätz, Wissen, Schleier, Blockierungen, ohne alles, was mich hindert, den Baum wirklich anzuschauen. Ich schaue meine Frau nie wirklich an, wenn ich eine habe, oder meine Freundin. Niemals schaue ich wirklich hin. Ich sehe sie oder ihn durch das Bild an, das ich von ihr oder von ihm habe. Das Bild ist etwas Totes. Daher sehe ich niemals etwas Lebendiges, ich sehe niemals das Wunder, die Schönheit der Natur, ihre Form, ihre Lieblichkeit. Vielmehr übertrage ich sie mir immer, versuche sie zu malen oder zu beschreiben oder zu genießen.

Daraus ergibt sich die Frage, warum akzeptiere ich, warum akzeptieren die Menschen Autorität? Warum gehorchen sie? Ist es, weil sie auf der Ebene des Funktionierens trainiert sind, wo man gehorchen muss, um zu lernen, wo man nichts anderes tun kann? Dort gibt es eigene Gesetze, eigene Disziplinen, eigene Wege. Da ich auf diese Weise geschult worden bin, übertrage ich das auf die Ebene der Religion, auf die Ebene von etwas, das Freiheit verlangt – Freiheit nicht am Ende, sondern direkt am Anfang. Der Verstand muss von Anfang an frei von Autorität sein, wenn ich herauszufinden suche, was Gott ist – nicht dass ich an Gott glaube, denn das hat keine Bedeutung –, ob es Gott gibt oder ob es ihn nicht gibt. Ich will es wirklich herausfinden. Ich nehme das außerordentlich ernst. Und wenn ich wirklich ernsthaft bin, wenn ich wirklich an Gott interessiert bin, wenn ich verstehen und lernen will, ob es Gott gibt, dann muss ich jeden Glauben vollkommen beiseitelegen, alle Strukturen, alle Kirchen, alle Priester, die Bücher, alles, was das Denken als Religion zusammengesetzt hat.

Freiheit und Autorität können unmöglich nebeneinander existieren. Freiheit und Intelligenz passen zusammen. Und Intelligenz hat ihre eigene angeborene, natürliche, einfache Disziplin, nicht im Sinne von Unterdrückung, Kontrolle und Nachahmung, sondern Disziplin, die ein ständiger Akt des Lernens in Aufmerksamkeit ist.